Boxenstopp beim Kamera-Doc–. Mit der Defekten Ausrüstung in der Werkstatt

22.08.2011

Für Profis ist der Ausfall einer Kamera Routine. Sie greifen zum Zweit- oder Leihgehäuse und weiter geht‘s. Amateure sind mit dem Alltag der Kamerareparatur meist weniger 
vertraut. Wir haben eine große Foto-Werkstatt besucht 
und sagen Ihnen, was dort mit Ihrer Kamera geschieht

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Andreas Roggon ist auf das Reparieren von Objektiven spezialisiert

Jetzt ist es passiert plötzlich sind meine Fotos unscharf und ich weiß nicht, warum. Der Autofokus ist eingeschaltet, das Objektiv fest mit der Kamera verbunden und zwischen den Ohren liegt der Fehler ebenfalls nicht. Ich fasse meine Ausrüstung zwar nicht mit Samthandschuhen an, gefallen sind Kamera und Objektiv aber nicht. Was ist los?

Auf zum Kameradoktor

Ein Anruf bei Foto Maerz in Hamburg und ich habe einen Termin. Außerdem darf ich Kamera und Objektiv durch die Werkstatt begleiten. Betriebsleiter Thomas Burisch freut sich, mir alles zu zeigen. Er empfängt mich an der gläsernen Doppeltür mit den aufgeklebten Herstellerlogos von Canon, Pentax und Tamron, die mir den Weg in den Hinterhof der City Süd gewiesen haben. Die Pentax K-5 gebe ich mit dem 2,8/16-50-mm-Objektiv am Empfang bei Diana von Rennenkampff ab. Sie erfasst die Ausrüstung im System, versieht sie mit einem Laufzettel, nimmt mir eine Fehlerbeschreibung ab und notiert diese auf dem Begleitzettel. Meine Kamera erhält eine nummerierte Box, die für die Zeit bei Foto Maerz ihr Zuhause sein wird und macht sich auf den Weg in Richtung Heilung. Rund ein Drittel der Kunden kommt übrigens mit intakten Geräten zu einem Check-and-Clean, lerne ich auf dem Weg in den Technikerraum.

Im Schrauberparadies

Vorbei an vier Arbeitsplätzen zur telefonischen Annahme und Erfassung der postalisch eingesandten Geräte stoßen wir in den geschäftigsten Raum der Firma vor. Zehn der neunzehn Hamburger Mitarbeiter von Foto Maerz arbeiten hier. Zum Beispiel Andreas Roggon (im Bild), der gerade ein Zoom-Objektiv auseinandernimmt, als Thomas Burisch mit mir im Gefolge die geschäftige Stille stört In der Regel läuft hier ein Radio, verrät mir Geschäftsführerin Bianca Maerz, die sich uns angeschlossen hat. Meine Kamera landet zur allgemeinen Überprüfung zunächst auf dem Schreibtisch von Kuno Burmeister, der wie Andreas Roggon von Pentax kam, als die herstellereigene Werkstatt vor zwei Jahren geschlossen und Foto Maerz den Service und LKW-weise Ausrüstung übernommen hat. Seitdem machen wir auch Pentax, erklärt Bianca Maerz. 35 Jahre gibt es die Hamburger Firma bereits, 1991 eröffnete Vater Rüdiger, nach dem die Firma benannt ist, die zweite Niederlassung in Berlin. Canon-Vertragspartner sind die Maerzens seit Anfang an, fast zeitgleich mit Pentax begannen die bereits unter der Regie von Tochter Bianca auch mit Reparaturen von Tamron-Geräten.

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schreibt einen Laufzettel mit Fehlerbeschreibung und pflegt die Kamera in die EDV ein

Objektive sind unsere Spezialität erläutert Thomas Burisch, Da sie einen geringeren Wertverlust als Kameras haben, kriegen wir nicht selten auch wirklich alte Exemplare zum Reparieren. Manchmal suchen wir die Ersatzteile dann europaweit. Das ist ein bisschen wie Puzzeln, grinst er und setzt nach: da kriegen wir fast alles wieder hin. Einzig Fälle von Pilzbefall lehnt Foto Maerz kategorisch ab. Wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Kunden und können nicht riskieren, einen Pilz in die Werkstatt zu bekommen, erklärt Thomas Burisch die Haltung des Unternehmens. Von Glaspilz befallene Objektive können Sie wegschmeißen. Den kriegt man nicht mehr raus. Auch wenn es weh tut: Lieber weg damit, bevor der Pilz weitere Teile der Ausrüstung befällt. Bei Kameras sind es meist Wasserschäden, die das Aus bedeuten. Die Elektronik wird durch einen Kurzschluss dauerhaft geschädigt, sodass Platinen ausgetauscht werden müssen. Das ist teuer und selbst dann kann es sein, dass Weiteres betroffen ist. Das lohnt sich nicht, so Burisch. Ob Reparaturen sinnvoll sind, klärt die Werkstatt vorab mit den Kunden. Wir geben eine wirtschaftliche Einschätzung. Viele Kunden haben allerdings eine emotionale Bindung an ihre Kamera, so Bianca Maerz, deswegen bekommen wir häufig auch Aufträge, deren Kosten den Zeitwert der Kamera übersteigen.

Mit High-Tech und Herzblut

Kuno Burmeister hat mit meiner Pentax inzwischen Probeaufnahmen von Testtafeln gemacht und beurteilt die Schärfeleistung am Bildschirm. Die Kamera hat den Vorab-Check bestanden, deswegen sucht er nach Fehlern im optischen System. So schlimm sieht das gar nicht aus, sagt er. Eine unregelmäßige Schärfeverteilung erkennen wir aber, und wissen nun: Wir müssen an das Objektiv ran. Am besten ist es, wenn Kamera und Objektiv zusammen abgegeben werden. Bei Bildfehlern auch eine Speicherkarte mit Beispielfotos, die uns Hinweise darauf geben, wonach wir suchen müssen, erklärt Burmeister und fragt mich, ob er ein Firmware-Update durchführen darf. Mein Zoom hat er inzwischen an seinen Kollegen übergeben, der sich nun um meine 2,8er-Optik kümmert. Jeder hat hier seine Spezialität, kommentiert Burmeister den Wechsel.

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So manches zur Entsorgung freigegebene Teil wartet 
im Lager der Werkstatt auf ein zweites Leben als Ersatzteil

Am Kollimator schickt Andreas Roggon einen zentralen Lichtstrahl durch die Optik und untersucht, ob das Zoom korrekt zentriert ist. Obwohl ich mein Standard-Objektiv in guten Händen weiß, geht mein Puls schneller, als Roggon mit Dann justieren wir das mal den Tubus routiniert zerlegt, die Ultraschallkontakte löst und Optik von Elektronik trennt. Wieder am Kollimator richtet er die letzte Linsengruppe des Objektivs neu aus. Anschließend fotografiert er eine Fokus-Testreihe mit einer Referenzkamera. Um die Fokusebene des Zooms in allen Brennweiten zu kalibrieren, gibt er die Toleranz meines 16-50-ers am Computer ein und speichert die Werte auf der Platine des angeschlossenen Objektivs.

Optimales Zusammenspiel

Die Kontrolle erfolgt mit Hilfe eines Testcharts und fünf Messsensoren, die verschiebbar sind und so jede beliebige Stelle des projizierten Bildfeldes erfassen können. Das Objektiv ist wieder in Ordnung und wird zurück an die mitgebrachte Kamera gesetzt, deren Fokusebene mit dem frisch kalibrierten Objektiv ins Lot gebracht wird. Abschließend wird die Kamera noch gereinigt. Welche ist eigentlich die beste Methode, um Sensoren zu reinigen, will ich dabei von Thomas Burisch wissen, obwohl ich das selber nicht gerne mache zu viel steht auf dem Spiel, wenn mir die Flüssigkeit ins Kameragehäuse läuft, statt da zu bleiben, wo ich reinigen möchte. Da gibt es selbst hier unter den Technikern unterschiedliche Vorlieben, klärt er mich auf. Einige arbeiten mit Aceton, andere mit Methanol Ether oder HFE7100 einer ungiftigen und teuren Chemikalie. Wichtig sei, dass die Stempel oder Papiere fussel-, fett- und staubfrei sind und die Reinigungsflüssigkeiten schnell rückstandsfrei verdunsten. Eine Reinigung und Überprüfung der Kamera kostet bei Maerz je nach Modell zwischen 50 und 80 Euro. Das Geld investiere ich gerne einmal im Jahr in meine Ausrüstung, denn sie ist hier in wirklich guten Händen, wie ich nach einem Tag in der Werkstatt weiß.   Tamar Z. Stern

Factfile

 

Rüdiger Maerz GmbH
Süderstraße 75a
20097 Hamburg

Telefon: 040/ 7 31 40 77
www.fotomaerz.de

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
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tamar.stern