11. Fotomarathon Berlin: Das Rennen um die Bilder

12.09.2011

Eine Stadt – 24 Bilder – 24 Themen – 12 Stunden. Der Fotomarathon fordert Geist und Körper. Lars Theiß ging für fotoMAGAZIN in Berlin an den Start

Geschafft! Ich bin ein Finisher! Gleich beim 1. Marathon meines Lebens bin ich ins Ziel gekommen, sogar ohne Trainingsplan und Pastaparty. Kaputt, aber glücklich. Herbert Knebel hatte es mir morgens prophezeit. Mit platten Füßen, schmerzendem Kreuz, steifem Nacken und nach 15 Minuten Schlangestehen wanke ich endlich in das Zelt, in dem meine Fotos in Empfang genommen werden. Dann der Schock. Da ist ´was nicht in Ordnung, meint die Dame am Laptop und zeigt mir unbekannte Fotos auf dem Bildschirm. Ich schlucke. Kurz vor Mitternacht, nach über zwölf Stunden auf Achse, irritiert mich das. Ähh, die kenne ich nicht, schnaufe ich. Moment, ich schau noch ´mal, sagt sie, lässt ihre Finger über die Tastatur tanzen und wagt einen neuen Anlauf. Ja, das sind meine Fotos, fällt mir ein Stein vom Herzen. Sie gibt mir meine Speicherkarte zurück, ein Tütchen mit Präsenten und eine Urkunde, jawoll. Jetzt habe ich es wirklich geschafft!
Zurück zum Start. Die Sonne lacht samstagmorgens über Berlin und mich, mit Knirps und Regenjacke im schweren Fotorucksack Spiegelreflex, Objektive, Klapprechner, Stativ, Wasser, Energieriegel, Taschenlampe und anderes Zeug. Unterwegs grinst vom Plakat die Kabarettfigur Herbert Knebel ihr Programm herunter: Ich glaub, ich geh kaputt...! Sag ich doch. Beladen wie ein Maulesel laufe ich nicht nur vom Startfieber gut aufgewärmt kurz nach neun in den Universal Osthafen in Friedrichshain ein, den Startpunkt des 11. Fotomarathons.
In der Universal-Music-Kantine mit der Startnummernausgabe ist noch nicht viel los, doch als es auf elf zugeht, ist es drinnen und draußen rappelvoll Schweizer, Österreicher, Griechen, Ungarn, Dänen, Tschechen, Studenten aus England und den USA. Um elf schickt uns der ausrichtende Verein für Ereignisse auf die Strecke: Jeder Teilnehmer muss 24 Fotos zu 24 Themen in fester Reihenfolge innerhalb von zwölf Stunden schießen und er wird dabei möglicherweise quer durch die Stadt geschickt (Die Slideshow der Bilder ist am Ende des Artikels verlinkt). Denn noch wissen wir, die 326 angetretenen Einzelstarter und Teams nicht, wo wir die nächsten acht streng geheimen Themen zwischen 14:45 und 15:15 Uhr ausgehändigt bekommen. Nach rein digitalen Marathons in den vergangenen Jahren dürfen diesmal wieder 30 Analogfotografen mitmachen. Das verkneife ich mir aber. Damit das Ganze nicht so leicht wird, gibt es zusätzlich ein Rahmenthema: Musik liegt in der Luft, passend zum Startort Universal Music als auch zur zweiten Station, den Emil-Berliner-Studios Nähe Potsdamer Platz. Wie sich noch herausstellen wird, sind alle Themen Liedtitel deutscher Musikkünstler, die einen Bezug zu Berlin haben.

Aufregung vor dem Start

Den Zettel mit den ersten acht Themen nehme ich entgegen wie die Prüfungsaufgaben in der Schule. Manche Starter rennen gleich zum Auto oder schwingen sich auf ihr Fahrrad, andere wie ich sinnieren erstmal über die Songs. Schon meine Startnummer 229 ist ein Albtraum und raubt mir die Hoffnung auf einen leichten Beginn, denn die erste Aufgabe lautet, fotografiere deine Startnummer klar erkennbar zum Thema Ich bin ich von Rosenstolz. Wo finde ich so eine Zahl? Wie fasse ich sie in Musik? Die 229 sieht man nicht so schnell an Haustüren, Nummernschildern, im Hosenbund. Aber ich darf jetzt auch keine Zeit vertrödeln, denn im Schnitt muss ich zwei Fotos pro Stunde von der Liste abschießen. Ich versuche schlendernd, mich gleichzeitig zu entspannen (Gaaanz ruhig!) und zu konzentrieren (Wenn ich die fertige 229 nicht finde, wie könnte ich sie mir basteln?). Beim Blick auf die vielen Fahrräder klingelt es plötzlich. Ein Zahlenschloss! Das muss es doch noch geben. Nach einem Dutzend Bügelschlössern finde ich endlich ein vierstelliges Zahlenschloss und drehe meine Nummer ein. Einige Aufnahmen später fällt mir ein, dass ich für das Rahmenthema noch mein Handy mit MP3-Player ins Bild halten könnte. Gedacht, getan.
Den Gedanken, meinen Bildern ein durchgängiges Element zu verpassen, verwerfe ich. Ich fürchte, das nutzt sich zu schnell ab. Viele Marathonis manche mit Hackenporsche nehmen die zwölf Stunden zu Fuß und mit Öffentlichen in Angriff. Ich auch, Richtung Potsdamer Platz, gut dreieinhalb Stunden bleiben mir dafür. Thema zwei ist Die Großstadtpflanze (Claire Waldorff). Mangels Textkenntnis beschließe ich, Pflanze wörtlich zu nehmen und ein wildwucherndes, betonsprengendes Unkraut im Hochhausdschungel zu fotografieren. Aber rund um den Osthafen liegen vor jedem Pflänzchen etwa zwei Teilnehmer im Staub und fotografieren. Noch auf der Oberbaumbrücke gleich nachdem ich einer englischsprachigen Touristin erklärt habe, worum es beim Fotomarathon geht sichte ich den Wipfel eines Baumes, der hinter einer Dachterrasse und vor einer bemalten Hauswand hervorleuchtet. Kaum entdeckt, schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, das Motiv ist tot. Dank Wind muss ich nicht lange warten und komme mit 240 mm Brennweite zum Schuss. 12 Uhr, zwei Fotos im Kasten, ich liege also im Schnitt.
Um ein Haar hätte ich dabei einen Fehler gemacht: im Hochformat zu fotografieren. Das ist für mich tabu, denn im Regelwerk wird klar empfohlen, das Querformat mit dem Seitenverhältnis 2:3 zu nutzen. In Versuchung gerate ich später noch häufiger, aber ich denke jedes Mal daran.
Wochenend und Sonnenschein (Comedian Harmonists) ist an der Reihe. Die Sonne scheint, ich brauche also nur noch den Wochendaspekt. Laut Stadtplan ist in der Nähe ein Park, da sollte samstags doch ein wenig Faulenzerei zu finden sein. Angekommen, ist die Enttäuschung groß. Nur zwei Väter spielen mit ihren Kindern auf der Wiese zwischen Häuserblocks. Wegen der Bildrechte, zeitraubenden Erklärungen und Diskussionen verzichte ich darauf, sie anzusprechen und streife stattdessen in eine andere Ecke des Parks. Dort fallen mir zwei tollende Hunde auf, deren Frauchen auf einer Kuppe in der Sonne vor dunklem Grün sitzt und liest. Fotogen und passend zum Thema, aber weit weg. Mit dem 300-mm-Tele nähere ich mich, mache Aufnahmen, und dann räkelt sich doch glatt einer der Hunde auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt. Nach der kleinen Serie bemerkt mich die Dame, packt ihre Sachen und verschwindet hinter dem Hügel. Ich hinterher, denn für das Foto hätte ich nun sehr gerne ihre Genehmigung. Als ich oben anlange, ist sie verschwunden, doch wenig später treffe ich sie wieder. Ihre Skepsis wegen meiner Hundefotos kann ich schnell zerstreuen, alles ist gut. Kaum an der U-Bahn Prinzenstraße eingetroffen, kommt der erste Regenguss. Beim Studium des Fahrplans versucht ein alkoholisierter Typ, mir die Kamera von der Schulter zu nesteln.

 

Das verpasste Motiv

Mit einer Tageskarte fahre ich zwei Stationen und laufe dann Richtung Technikmuseum. Zum ersten Mal fühle ich mich alleine. Weit und breit keine Marathonis zu sehen. Mit 4. Überall wird instandbesetzt (Chaotencombo) im Kopf, scanne ich die Umgebung, aber hier wird nichts im herkömmlichen Sinn instandbesetzt. Ein weiterer Schauer zwingt mich unter einer Brücke zu einer Pause, einem Energieriegel, einigen Schlucken Wasser. Ich beobachte Kohlweißlinge im Grünstreifen am Tempelhofer Ufer, die sich von einer Blüte auf die andere setzen. Aber setzen sie auch instand? Mit langer Brennweite pirsche ich mich heran und es gelingt eine akzeptable Aufnahme. Wenn sich nichts Besseres ergibt, nehme ich die. Hoffentlich kauft mir die Jury das ab.
Weiter geht es mit 5. Keine Schönheit ohne Gefahr (Einstürzende Neubauten). Die Spatzen im Straßenverkehr haben leider nicht die richtige Schärfe. Beim Stromern verpasse ich das Hammermotiv, als eine attraktive Brünette vor einem abbremsenden Müllwagen die Straße quert. Zu spät gesehen, zu langsam reagiert. Ärger. Am Technikmuseum ist der Rosinenbomber unübersehbar. Seine eleganten Linien faszinieren, andererseits haben die C-47 früher nicht nur Rosinen abgeworfen und die Flüge waren auch für die Besatzung riskant. Wenn das mal nicht Schönheit und Gefahr in einer Sache ist. Der symmetrische Bildaufbau ohne viel Drumherum und die Untersicht sollen dies betonen.
Für Der Fernsehturm hat Ohren (Lexy & K-Paul) habe ich schon die ganze Zeit nach einem kleinen Souvenir-Fernsehturm Ausschau gehalten. Den möchte ich mir vor die Nase halten, bis nur noch meine Ohren hervorlugen. Aber bislang habe ich noch keinen gefunden und ich ändere meinen Plan. Jetzt suche ich nach einem Plakat mit Turm, dem ich einfach Ohren male. Zum Glück dauert es nicht lange, bis ich ein durchweichtes Exemplar entdecke, das sich sehr gut eignet.
7. Süßes Leben Saures Leben (Wolf Biermann). Ich greife zum Strohhalm, genauer: zu süßen und sauren Stangen, die ich in einem Kiosk kaufe. Selbstportrait mit süß-säuerlichem Gesicht. Ob ich das hinkriege? Endlich hat mein Stativ auch seinen Sinn. In einem Hauseingang mache ich Mienen zum Spiel.
Wer oder was kann sich im Garten begegnen? Beim letzten Thema des Blocks, Wir trafen uns in einem Garten (2Raumwohnung), kommt mir der Gedanke, dass sich zwei süße Gummitiere doch hervorragend im Gras treffen könnten. Eines steckt in meiner Süßigkeitentüte, das zweite wird im Kiosk schnell nachgekauft. Ein banaler Grünstreifen wird in der Nahaufnahme zum Garten, wie ich hoffe.
Bei der zweiten Station muss jeder rechtzeitig auflaufen, um sich seine Startnummer stempeln zu lassen und den nächsten Themenzettel zu erhalten. Wer das nicht schafft, fliegt raus. Und ich will auf jeden Fall durchkommen. Überraschung: Der nächste Stopp zwischen 18:45 und 19:15 Uhr ist wieder hier im Studio. Wir fotografieren also vier Stunden lang in der gleichen Suppe. Die Themen des zweiten Zettels erscheinen mir abstrakter.

Es wird abstrakt

9. Ich will Spaß (Markus). Meine Laune sinkt bei dem spaßigen Thema gen Null. Ich gehe durch eine Einkaufspassage, am Ausgang steht ein Gasballonverkäufer. Nach einigen Fotos der im Wind wogenden Heliummaus fragt mich der Halter: Marathon? Ich bin also nicht der erste und vermutlich nicht der letzte Spaßsucher bei ihm. Chaos (Herbert Grönemeyer) liegt mir schon mehr. Die Gegend bietet genügend Chaos. Ich will aber ein Bild von Unordnung im Kleinen und entdecke eine Handvoll aneinandergelehnter Fahrräder, deren Speichen durch die Reifen fotografiert ein herrlich chaotisches Foto abgeben müssten. Eine Droschke fährt vorüber, ein Passagier stützt gelangweilt den Kopf in die Hand, die Frau daneben gähnt herzhaft. Ist das eine ironisierende Lösung von Ich will Spaß? Leider ist das Foto nicht wirklich scharf und die Bildrechte sind heikel. Lieber nicht.
Ein Schauer treibt mich unter eine Arkade. Unsichtbar (Farin Urlaub) steht auf der Liste. Wie fotografiert man etwas Unsichtbares? Ich bemerke meine Spiegelung in einer großen Glastür, in der ich durchsichtig erscheine. Einige tänzelnde Bewegungen später kann ich mich dem folgenden Thema widmen: Monotonie (Ideal). Gefällt mir, sollte in einer Weltstadt doch kein Problem sein. Ich mustere die Fassaden der umstehenden Neubauten. Eine hat es mir angetan, ich gehe nach links, nach rechts, finde die mir am besten passende Perspektive und drücke ab. Auch Tapetenwechsel von Hildegard Knef gelingt schnell. Die abblätternde Wandtapete eines Abrisshauses wäre mir lieber gewesen, doch jetzt muss das aufgeweichte Plakatchaos einer Litfaßsäule herhalten. Nicht besonders kreativ, aber ein Spatz in der Hand.
In einer Pause vom Regen laufe ich Richtung Tiergarten, auf der Jagd von 14. Unbekanntes Wesen (Linie 1). Bevor ich ein erkennbares Wesen aus der echten Welt fotografiere, kreiere ich lieber selber eines. Wie schön, dass mich aus einer Tiefgarageneinfahrt einige Wandlampen anstarren. Mit Tele und offener Blende mache ich aus zweien davon eine Bestie hinter Gittern hoffe ich.
Vor der 15, der Punkhochzeit (Nina Hagen), grault es mir schon seit der Themenausgabe. Natürlich stelle ich mir echte Punks vor, die sich als Paar darstellen. Aber finde ´mal welche, wenn du sie brauchst. Zwischen Potsdamer Platz, Tiergarten und Holocaust-Mahnmal laufen mir keine über den Weg. Donner rollen über die Stadt, dunkelgraue Wolkenfelder jagen über uns hinweg. Unter dem Vordach eines Andenkenladens suche ich Schutz vor dem Gewitterguss. Drinnen gibt es keine punkigen Teddys. Eine halbe Stunde harre ich dort aus. Zwei junge Brüder mit Fahrrädern sind auch in Sachen Marathon unterwegs. Sie kämpfen noch mit Monotonie und diskutieren ihre Bilder. Die Herren werden sich sputen müssen. Unübersehbar ist auf der anderen Straßenseite ein Stück Berliner Mauer aufgestellt, bemalt mit bunten Köpfen. Wenn der Regen aufhört, picke ich mir zwei mit Tele heraus und verkaufe sie als Punkhochzeit wenigstens haben sie bunte Haare.
Menschliche Bedürfnisse wie Hunger und Durst treiben mich in das Berlin Bistro. Die fast leere Frittenbude erlaubt trockenes Sitzen und Ruhe zum Entspannen und überlegen: 16. Immer da wo du bist bin ich nie (Element of Crime). Mir kommt eine Szene mit durch langer Belichtungszeit fast durchsichtiger Person in den Sinn. Während der Currywurst grübele ich über den Bildaufbau, die Position des Stativs und meiner Wenigkeit im Foto nach. Gesättigt und mit freundlicher Erlaubnis der Bedienung gehe ich ans Werk, baue auf und belichte mit Selbstauslöser und kleiner Blende lange. Nach einigen Versuchen sitze ich mir schließlich selbst gegenüber klasse. Sehr zufrieden packe ich ein und muss mich auf dem Weg zur Station 3 nicht abhetzen.

Kompromisse und Glückstreffer

In den rappelvollen Musikstudios erhalten wir den letzten Themenblock. Die Ballade vom angenehmen Leben (Brecht/Weill) macht den Auftakt. Hmm. Erstmal raus. Im Tilla-Durieux-Park drapiert ein Marathoni seinen Stoffpinguin mit knallgelbem Schirm und ausgeschnittenen Musiknoten. Ich bin mehr der Sammler von Bildern, die das Thema illustrieren, weniger der Arrangeur und Bastler von passenden Motiven.
Wenigstens sind die Regenwolken fortgezogen und die Abendsonne bricht durch, ein schönes Licht liegt auf der frischen Stadt. Auf einer Laterne über einer vielbefahrenen Straße lümmeln zwei Tauben. Die haben ein angenehmes Leben, wie ich finde.
Ich beschließe, Richtung Zielort im Görlitzer Park zu fahren, mit offenen Augen für Illusionen (Marlene Dietrich). Die Büste von Mendelssohn Bartholdy merke ich mir für den Sommernachtstraum, doch vorher sind noch andere Aufgaben zu lösen. Der lichtdurchflutete Bahnsteig der U-Bahn fordert regelrecht ein Foto von mir. Die Weißkopf-Seeadlerfolien an den großen Scheiben sind sowohl Illusionen für Vögel als auch für Menschen. Der Traum vom Fliegen. Und ich habe einmal mehr viel Luft aus dem Rahmenthema im Bild.
Zur Nummer 19 Ding von Seeed habe ich den falschen Text im Ohr, wie ich später erfahre. Statt hübsches Ding denke ich an süßes Ding. Auch hier nahm ich mir beim ersten Lesen vor, einen möglichst abstrakten Gegenstand zu fotografieren, ein namenloses Ding eben. Meine Süßigkeitentüte muss zum dritten Mal herhalten. Das süße Ding drapiere ich auf einem Brett, auf die Wirkung meines aufgepoppten Aufhell-Reflektors verzichte ich dann doch. Ganz in der Nähe steht ein Plakat für einen Zirkusclown mit viel Schwarz und noch mehr Blau. Darauf und auf die Sterne konzentriert sich meine Aufnahme, um den Morgengrauen-Song Schwarz zu blau (Peter Fox) zu bebildern. Eine billige Nummer, aber sie ging schnell und verschafft mir etwas Luft für die kommenden Themen.
Ich steige einmal mehr die Treppe hoch zur überirdischen Untergrundbahn, um in Richtung Ziel zu fahren. Für die 21 Irgendwie, irgendwo, irgendwann (Nena) geistert mir natürlich auch die Diskrepanz zwischen Fahrplan und Realität des öffentlichen (Nah-)Verkehrs durch den Kopf. Die Hinweise zu Schienenersatzverkehr zwischen Gleisdreieck und Wittenbergplatz begleiten mich schon den halben Tag, allerdings ist es mir zu platt, einen Fahrplan oder Aushang abzulichten. An der Haltestelle Möckernbrücke finde ich meine Alternative. Die Fußgängerbrücke über den Seitenkanal schwebt im Bildausschnitt irgendwo in der Luft, die verschwommenen Personen begegnen sich irgendwie irgendwann. Es dauert allerdings über 25 Minuten, bis ich die Aufnahme, weit aus einem Fenster der Haltestelle gelehnt, wie gewünscht im Kasten habe.
Mittlerweile geht die Sonne unter und es wird Zeit für 22 Ein Sommernachtstraum (Felix Mendelssohn Bartholdy). Seine Büste ist weit weg und hilft mir jetzt nicht weiter. Um das tolle Licht auf den Wolken nicht zu verpassen und den erhöhten Standort auszunutzen, fange ich den Himmel über Berlin mit Flugzeug, Luft, Wolken und in die Ferne führenden Schienen ein. Ein Traum? Ich zweifle, aber hoffe.
Es ist schon 21:30 Uhr, zwei Bilder fehlen mir noch: Zauberland (Rio Reiser) und zu guter Letzt 25 Stunden am Tag (Die Ärzte). Das schaffe ich auch noch, denke ich mir, aber habe keinen blassen Schimmer, wo ich ein Zauberland finden könnte. Ausgebrannt schleiche ich irgendwo zwischen Kreuzberg und Treptow durch die Straßen. ...kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Da steht doch unglaublicherweise eine seltsam leuchtende Kulisse in einer Erdgeschosswohnung wie in einem Schaufenster. Total abstrus, mit feuerspuckendem Vulkan, aus Papier geschnittenen Personen, Pilzen, Vögeln, Blumen, Fantasiefiguren mein Zauberland-Glück. Ich nehme sämtliche Beschimpfungen aufrichtig zurück, die ich dem Gewicht meines Stativs im Laufe des Tages gewidmet habe, und banne in 1,3 Sekunden diese Zauberwelt auf Speicherkarte.
Dieser Zufallstreffer beflügelt mich körperlich, aber inspiriert keineswegs zu 25 Stunden am Tag. Immerhin hat er mir meine LED-Taschenlampe ins Gedächtnis gerufen, mit deren Hilfe ich schwierige Motive notfalls ausleuchten wollte. Vielleicht kann ich damit noch eine Lichtmalerei anstellen? 25 Stunden. Die hätte ich jetzt gerne noch, aber die Restzeit geht mir aus. An einer Feuerwache stoße ich auf ein breites Graffito. Nichts wirklich Thementreffendes kann ich entdecken, aber ich beschließe, mit dem gebündelten Licht eine 25 auf eine Landschaftsszene zu malen. Bildausschnitt gesucht, Stativ aufgebaut, den Flachmann aus Gründen der Plastizität und Authentizität nicht vom Gehweg entfernt, kleine Blende gewählt, zehn Sekunden Belichtungszeit eingestellt und losgemalt. Drei neugierigen brasilianischen Fotografen erkläre ich, was ich hier treibe und warum überhaupt. Den zehnten Versuch halte ich endlich für gelungen.
Ausgelaugt treffe ich am Ziel, der Wirtschaft Edelweiss, ein. Auch die beiden Fahrradbrüder aus dem Gewitter sind hier. Jetzt hat mein Laptop endlich seinen Auftritt, ich sichere meine Bilddaten und wähle die 24 von etwa 230 Fotos aus, die ich in den Wettbewerb schicken will. Nach gut 20 Minuten ist das geschafft. Runterfahren, einpacken und in die Warteschlange stellen, die auf über 30 Meter angewachsen ist. 302 Serien werden abgegeben, darunter 17 Filmrollen. 7248 Bilder. Erst in fünf Wochen werden alle Bildreihen ausgestellt. Eine Jury beurteilt die Serien, kürt und prämiert die Sieger. Es bleibt spannend.

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Epilog

Am Wochenende 23./24. Juli 2011 fand die Ausstellung sämtlicher Bilder in der Arena Berlin statt. Dort wurden dann auch die Gewinner bekanntgegeben, deren Aufnahmen hier zu sehen sind.

Beim Gewinnspiel um Freikarten auf fotoMAGAZIN.de hatte Konstantin Escher Losglück, sein Können bewies er dann mit dem besten Bild zum Thema Unsichtbar und dem Gewinn des zitty-Preises.

326 Teilnehmer(teams) zwischen 14 und 63 Jahren gingen an den Start, darunter 238 Berliner und Berlinerinnen. Die Damen waren mit 182 Starterinnen deutlich in der Überzahl.

Unter www.fotomarathon.de finden Sie eine Linksammlung zu Fotomarathons weltweit. Der nächste Fotomarathon ist am 25.9.2011 in Wien, der nächste Berliner Fotomarathon soll am 16. Juni 2012 stattfinden.
Einen kurzen geschichtlichen Abriss der Fotomarathons bietet Wikipedia (Englisch).

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Lars Theiß
Über den Autor
Lars Theiß

Unser Technikredakteur Lars Theiß kümmert sich vorwiegend um Tests und Praxisthemen rund um Kameras, Objektive und Zubehör. Seit 1995 arbeitet der besonders an naturfotografischen Themen interessierte Wahlhamburger beim fotoMAGAZIN. Zu seinen Aufgabenbereichen gehören die Objektivtests, Secondhand-Themen und die fotoMAGAZIN-Spezialausgabe Einkaufsberater.