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Dorothea Lange gehört zu den bekanntesten Fotografinnen aller Zeiten – ihre Arbeit wurde zu Zeitgeschichte.
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Zehn Fotografinnen, die Sie kennen sollten

Diese zehn Frauen haben Geschichte geschrieben – und dokumentiert.
17.01.2022

Die Fotografie kann oft als eine von Männern dominierte Domäne angesehen werden. Doch wäre sie nicht das, was sie heute ist, wenn es nicht den Mut und die Leidenschaft dieser zehn Fotografinnen gegeben hätte.

Dank der Überzeugung und Leidenschaft vieler großartiger Frauen hat die Fotografie einen außergewöhnlichen Stellenwert in unserer Gesellschaft angenommen. Hier lernen Sie zehn der ausergwöhnlichsten Persönlichkeiten ihrer Zeit kennen.

Anna Atkins (1799 – 1871)

Im Oktober 1843 veröffentlich die Botanikerin und Fotografin Anna Atkins "Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions". Es ist das erste Fotobuch der Welt. Sie fängt darin Pflanzen in einer bis dahin unterreichten Detailgenauigkeit ein. Atkins verbindet darin ihre Leidenschaften für wissenschaftliche Untersuchungen und künstlerischen Ausdruck. Während frühere Wissenschaftler ihre Forschungen durch Zeichnungen oder Drucke ergänzten, will sich Atkins einen eigenen Eindruck von Pflanzen machen. Auf der Suche nach einer präzisen und dennoch anschaulichen Darstellungsweise wendet sie eine Technologie an, die erst einige Jahre zuvor aufkam – die Fotografie. Das von ihrem Nachbarn Sir John Herschel entwickelte Zyanotypie-Verfahren erzeugt blau-weiße Abzüge, die Atkins wegen ihrer scharfen Konturen und auffallenden Farben schätzt. Nach der Fertigstellung ihres ersten Buchs beginnt sie mit der Herstellung von Zyanotypien von Farnen. Cyanotypes of British and Foreign Plants and Ferns gilt als ihre gelungenste Veröffentlichung. Gleichzeitig beginnt Atkins andere Motive zu fotografieren. Sie nimmt Blumen, Federn und Spitzen in Abzügen auf, die sich durch neue komplizierte Kompositionen, Überlagerungen und unterschiedliche Texturen auszeichnen. Befreit von den Zwängen wissenschaftlicher Genauigkeit, konzentriert sie sich zunehmend auf visuelle Darstellungsweisen. Trotz ihrer Vorreiterrolle geraten Atkins und ihre bahnbrechenden Fotografien im späten 19. Jahrhundert fast in Vergessenheit.

Tina Modotti (1846 – 1942)

Die in Italien geborene Künstlerin wandert im Alter von 17 Jahren in die USA aus. Sie arbeitet während ihrer ersten Jahre in den USA als Künstlermodell. Schnell lernt sie den Fotografen Edward Weston kennen, der einen großen Einfluss auf ihr späteres Schaffen haben soll. Sie zieht mit ihm nach Mexiko-Stadt. Dort freundet sie sich mit mit mexikanischen Intellektuellen und Künstlern wie Frida Kahlo und Diego Rivera an und eröffnet in der Stadt ein Porträtstudio. Mit ihrer Kamera hält Modotti die Sehenswürdigkeiten und Menschen Mexikos fest. Sie nimmt die Volkskunst und die Landschaften Mexikos als Ausgangspunkt für ihre abstraktesten Bilder. In ihren Bildern schafft sie es, soziales Engagement mit strengen geometrischen Aufbauprinzipien zu verbinden. 1929 wird ihr Lebensgefährte, der kubanische Revolutionär Antonio Mella, an ihrer Seite auf offener Straße erschossen. Nach einem Attentat auf den Präsidenten wird sie, wie viele linksgerichtete Ausländer, aus Mexiko ausgewiesen. Modotti lässt sich in Moskau nieder, wo sie sich der Kommunistischen Partei anschloss. Im Jahr 1931 gibt sie die Fotografie vollständig auf, um sich der politischen Arbeit zu widmen. Sie hinterließ ein kleines, aber sehr einflussreiches Werk, das ihre Wertschätzung für die mexikanische Arbeiterklasse widerspiegelt.

Dorothea Lange (1895 – 1965)

Dorothea Lange ist vor allem für ihre Aufnahmen für die Farm Security Administration (FSA) während der Great Depression bekannt ist. Lange macht ihre Fotografie-Ausbildung an der Columbia University in New York. 1918 zieht sie nach San Francisco, um ein Fotostudio eröffnen. Zu Beginn der 1930er Jahre verbringt Lange immer mehr Zeit damit, Menschen zu fotografieren, die aufgrund der Weltwirtschaftskrise arbeitslos oder obdachlos wurden. Diese Werke ziehen die Aufmerksamkeit der Resettlement Administration, die später in FSA umbenannt wurde, auf sich. Langes zweiter Ehemann, Paul Schuster Taylor, dokumentiert mit ihr zusammen die ländliche Armut und die Ausbeutung der Landarbeiter. Diese Arbeiten werfen Licht auf die Not dieser geknechteten Menschen und dienen als Anstoß zum Wandel. Langes Fotografie, Migrant Mother, das 1936 aufgenommen wird, gilt als eines der herausragenden Werke seiner Zeit. Nach der Vergabe eines Guggenheim-Stipendiums 1941 verlagert Lange ihren Schwerpunkt auf Fotografien der Zwangsevakuierung von japanisch-stämmigen Amerikanern in Internierungslager. Ähnlich wie ihre Werke, die während der Depression entstanden sind, fangen auch diese Fotografien die Lage und den Zeitgeist perfekt ein.

Lisette Model (1901 – 1983)

Die gebürtige Österreicherin Lisette Model ist vor allem für ihren offenen Humanismus in der Straßenfotografie bekannt. In Nizza produziert sie 1934 eine ironische Bilderserie über die Nobelurlauber an der Promenade, die 1935 mit einem sozialkritischen Kommentar in der Zeitschrift Regards veröffentlicht wird. Sie emegriert 1938 zusammen mit ihren Mann nach New York. Model fotografiert in New Yorker Hotels, Bars und Nachtlokale der Lower Eastside sowie Tagesausflügler in Coney. In den 1940er Jahren ist sie eine der produktivsten Fotografinnen ihrer Zeit und Mitglied der New Yorker Photo League. Sie wird in namhaften Magazinen wie Harper's Bazaar und US Camera veröffentlicht, bevor sie 1949, auf Empfehlung von Ansel Adams, eine Lehrtätigkeit aufnimmt. Sie fotografiert weiter und unterrichtete von 1951 bis zu ihrem Tod 1983 an der New School for Social Research in New York, wo sie viele namhafte Schüler hat, von denen wohl Diane Arbus die berühmteste ist. Ihre Arbeiten werden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt und befinden sich noch immer in mehreren ständigen Sammlungen, darunter die der National Gallery of Canada und des J. Paul Getty Museums.

Lee Miller (1907 – 1977)

Lee Miller arbeitet zunächst in New York als Modell für die großen Fotografen ihrer Zeit. 1929 geht sie nach Paris, wo sie mit dem Künstler und Fotografen ManRay zusammenarbeitet. 1932 kehrt sie nach New York zurück und eröffnet ihr eigenes Studio, das sie zwei Jahre lang mit großem Erfolg betreibt. Nach Aufenthalten in Paris und Ägypten geht sie kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach London und nimmt eine Stelle als freiberufliche Fotografin für die Vogue an. 1944 wird sie als Korrespondentin bei der US-Armee akkreditiert und schließt sich dem Fotografen David E. Scherman an. Sie folgen den US-Truppen am D-Day nach Übersee. Wahrscheinlich ist sie die einzige weibliche Fotojournalistin, die über den Krieg an der Front in Europa berichtet. Miller dokumentiert bei der Befreiung von St. Malo den erstmaligen Einsatz von Napalmbomben. Sie begleitet den Vormarsch der amerikanischen Armee in Deutschland und fotografiert in den befreiten Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau. Danach dringt sie nach Osteuropa vor und dokumentiert erschütternde Szenen des Kindersterbens in Wien, das bäuerliche Leben im Nachkriegsungarn und schließlich die Hinrichtung von Premierminister Lazlo Bardossy. Nach dem Krieg zieht sie sich aus dem Bildjournalismus zurück und arbeitet nur noch sporadisch für die Vogue oder Life.

Gerda Taro (1910 – 1937)

Die deutsche Fotografin Gerda Taro (geb. Gerta Pohorylle) dokumentierte zusammen mit Robert Capa die Gräuel des spanischen Bürgerkrieges und war damit die erste weibliche Bildjournalistin in einem Kriegsgebiet. Taro war Weggefährtin und Kollegin des Fotografen Robert Capa. Der Name „Robert Capa“ war ursprünglich ein Alias, den Taro und Capa (geb. Endre Friedmann) gemeinsam hatten, eine Erfindung, die die zunehmende politische Intoleranz in Europa mildern und den lukrativen amerikanischen Markt anlocken sollte. Ein erheblicher Teil dessen, was als Robert Capas frühes Werk gilt, wurde tatsächlich von Taro gemacht. Leider stirbt Gerda Taro viel zu früh. Im Jahr 1937 wird sie bei dem Versuch aus einer Kampfregion westlich von Madrid zu fliehen von einem Panzer überrollt.

Diane Arbus (1923 – 1971)

Die Amerikanerin Diane Arbus ist wohl am besten für ihre einfühlsamen Porträtaufnahmen bekannt. Sie konzentriert sich auf Menschen am Rande der Gesellschaft und gilt als die führende Fotografin ihrer Generation. Geboren in New York als Diane Nemerov, dokumentiert sie ihre Beziehung zu der Stadt anhand unzähliger Porträts. Im Jahr 1967 waren die Bilder von Arbus Teil der Ausstellung "New Documents" im New Yorker Museum of Modern Art. Die Ausstellung war neuen Betrachtungsweisen der Dokumentarfotografie gewidmet und für Arbus die erste bedeutende Werkschau. Nur vier Jahre später, am 26. Juli 1971, begeht sie im Alter von 48 Jahren Selbstmord. Nach ihrem Tod repräsentiert Arbus die Vereinigten Staaten auf der Biennale von Venedig im Jahr 1972 – eine Premiere für eine Fotokünstlerin. Ihr Archiv wurde 2007 vom New Yorker Metropolitan Museum of Art erworben. Die 1972 erstmals erschienene Monographie "Diane Arbus: An Aperture Monograph" ist eines der meistverkauften Bücher der Fotografiegeschichte und wird noch bis heute ständig neu aufgelegt.

Hilla Becher (1934 – 2015)

Hilla Becher ist wohl eine der einflussreichsten Fotografinnen der Neuzeit. Sie wird 1934 als Hilla Wobeser in Potsdam geboren, wo sie von 1951 bis 1953 eine Ausbildung zur Fotografin absolviert. Von 1958 bis 1961 studiert sie Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf. Dort beginnt sie 1959 auch die Zusammenarbeit mit Bernd Becher, den sie 1961 heiratet. Mit Schwarz-Weiß-Fotografien von Fachwerkhäusern und Industriebauten wird das Künstlerpaar international bekannt. Bernd Becher übernimmt 1976 an der Kunstakademie Düsseldorf eine Professur für Fotografie, doch versteht sich das Ehepaar als gemeinsam lehrend. Mitte der 1970er Jahre lehren sie Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf und begründen die Düsseldorfer Photoschule. Fotografen Andreas Gursky, Thomas Ruff oder Candida Höfer studieren bei dem Künstlerpaar. 2004 erhalten die Bechers den Internationalen Preis für Photographie der Erna-und-Victor-Hasselblad-Stiftung Göteborg. Ihre Arbeiten werden in internationalen Galerien und Museen gezeigt, darunter das Museum of Modern Art in New York, der Kunstverein München und das Palais des Beaux Arts in Brüssel.

Cindy Sherman (1954)

Die amerikanische Fotografin und Filmemacherin Cindy Sherman setzt sich durch Selbstporträts mit Geschlechterklischees und Identität auseinander. Sie lebt und arbeitet seit den 1970er Jahren in New York. Charakteristisch für ihr Werk ist der Einsatz ihres eigenen Körpers in bestimmten Rollen. Die zwischen 1977 und 1980 entstandene Arbeit "Untitled Film Stills" gilt als bahnbrechend. Die Schwarzweiß-Bilder, die Sherman in verschiedenen Kostümen und Posen zeigen, stellen weibliche Stereotype aus Film, Fernsehen und Werbung dar. Sherman erforscht und verzerrt dabei Femininität als soziales Konstrukt. Fortwährend lotet sie weibliche Typologien aus und verwendet dabei häufig aufwendige Verkleidungen in ihren großformatigen Farbfotografien. Die markante Mischung aus Selbstinszenierung und Fotografie ist dabei fraglos einzigartig.

 

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Über den Autor
Julius Schien

Julius studiert Fotojournalismus und Dokumentarfotografie in Hannover. Wenn er nicht gerade die Redaktion unterstützt, ist er mit seiner 4×5 Inch Großformatkamera unterwegs.