Yoichi Nagata

31.05.2010

In seiner Serie „Star of the Stars” portraitiert der Japaner Yoichi Nagata die Besucher eines Tokioter Szeneclubs als schillernde Lichtgestalten und moderne Schamanen

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die Fiktionen der japanischen Manga- und Anime-Kultur vermengen mit einem sehr individuellen Fashion-Style und der Persönlichkeit der Tokioter Clubbesuch

Es gibt ihn noch, den archaischen Stammeskult, die gemeinsamen Rituale, die trance-ähnlichen Tänze und die charismatischen Schamanen. Nachts, in den Szeneclubs der modernen japanischen Metropole treffen sie sich heute mit Gefolgsleuten wie einst zum Stammesfest an den Feuerstellen des Dorfes.

Seit über vier Jahren portraitiert Yoichi Nagata in einem Tokioter Club die Besucher der außergewöhnlichen Dresscode-Parties, die ein Freund von ihm organisiert. In einer Ecke des Clubs spannt er dafür schwarzes Leinentuch auf und fotografiert im improvisierten Mini-Studio die exzentrisch gekleidete Szene mit einem Ringblitz für fluoreszierendes Licht. Der resultierende Lichteffekt und Nagatas anschließende Photoshop-Bearbeitung der Portraits mit Solarisierungs- und leichten Unschärfeeffekten lässt die schrägen Nachtgestalten leuchten wie Astralkörper.  

Cyberpunk & Gothic-Lolita

Die Partygäste haben Stunden damit verbracht, sich für das Event zu stylen. Die meisten dieser bunten Vögel sind zwischen zwanzig und dreissig Jahren, doch laut Nagata gibt es hier selbst inszenierungsfreudige Besucher über Sechzig. Tagsüber arbeiten die Exzentriker als Webdesigner, Kunststudenten, Bankangestellte, als Bestatter oder Gebäudereiniger. Ihre aufwändige Abendmode ist beeinflusst von der zeitgenössischen Fetischkultur, von SM-Trends in Lack und Leder, die sich mit Lokalkolorit vermengen zur typisch japanischen Gothic-Lolita, Cyberpunk und Yamanba (weißes Make-up auf extrem gebräunter Haut, schrill gefärbte Haare und extravagant leuchtende Kleidung).

In diesen Look fließen Fashion-Einflüsse ebenso wie Impulse japanischer Manga-Comics und Zeichentrickfilme. Vielleicht kann man diese Partygäste als moderne Versionen der Basara und Kabukimono sehen, jenen gesellschaftlichen Rebellen in Japans mittelalterlichen und frühmodernen Perioden, die bekannt waren für gewagte, ausgefallene Bekleidung und Verhalten, sagt der Fotokünstler. Oft kommen solche Nonkonformisten in Zeiten sozialer Unsicherheit oder am Ende einer Epoche auf. Diese Leute sind heute keineswegs roh oder aggressiv, ganz im Gegenteil:  Sie geben einander höflich Komplimente. 

Man bewundert superlange falsche Wimpern in der Größe bizarrer Insektenflügel, die künstlichen Haarteile und alle nur erdenklichen Arten von Körperschmuck. Täglich scheinen hier die Tattoos, die Piercings und Rollenspiele ausgefallener zu werden. Man trifft sich zu hämmernder Dark Electro-Musik und sirenenhaften Anime-Songs, auf der Bühne performen die Tokyo Shock Boys und an manchen Abenden verschlingen hier Entertainer Würmer zum Amusement der Besucher. Archaisch anmutende Rituale inmitten des Großstadtclubs.

Seit Urzeiten, erklärt denn auch der Bildermacher, wurden von Menschen leuchtende Farben und Ornamente eingesetzt, um die Geister gewogen zu stimmen und Beistand zu erbitten.

 

Moderne Schamanen

Der Legende nach fühlen sich diese Geister von dem Leuchten angezogen. Können diese zeitgenössischen Basara wie die Schamanen von gestern sein, ein Sprachrohr der Götter und Geister dieser Megalopolis, die lange aufgehört hatten, die Menschen anzusprechen?, fragt Yoishi Nagata. Wenn ja, werden diese Schamanen den Segen des Übernatürlichen über Tokio bringen?

Die Pin-ups scheinen für Nagata eine Seance in Erinnerung zu rufen, ein endloses Fest  für die Geister. Manche dieser schillernden Nachtlichter sind mittlerweile zu bekannten Figuren der japanischen Subkultur geworden und haben auch die Aufmerksamkeit europäischer und amerikanischer Medien auf sich gezogen. Nagatas Serie Star of the Stars umfasst mittlerweile fast 600 Portraits und wird weiter fortgesetzt.

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.