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Brief-/Postkarten-Stempel
Die Geschichte der Fotopostkarte beginnt 1869. Ihren Tiefpunkt erreichte die Postkarte mit der Handyfotografie.
Bild: © Getty Images / Oleskii Arseniuk

Von der Fotopostkarte zum Smartphone-Foto

Fotohistorie
21.07.2021

Die erste Bildpostkarte wurde 1889 zur Pariser Weltausstellung herausgegeben. Für die Anschrift war hier noch eine ganze Seite vorgesehen.

Die Anfänge der Correspondenzkarte im Jahr 1869

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Postkarte New York 1907

Das 1902 errichtete Flatiron-Building in New York auf einer Postkarte aus dem Jahr 1907.

© Sammlung Zollner

Fast zeitgleich mit der Fotografie wurde 1840 die Briefmarke erfunden. Bis dahin zahlte der Empfänger die Transportgebühren, was sich in der Massenkommunikation der zunehmend industrialisierten Welt als unbrauchbar erwies. 1869 wurde in Österreich anstelle eines verschlossenen Briefes zum ersten Mal eine „Correspondenzkarte“ versandt. Die Karte war praktisch und vulgär zugleich, denn hier konnte jeder mitlesen. Ihren Durchbruch schaffte die Postkarte (wie sie in Preußen genannt wurde) während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71, als 10 Millionen Postkarten vom Schlachtfeld nach Hause geschickt wurden. Natürlich las auch damals nicht nur die Zensur mit. Bei den ersten Postkarten ist noch eine Seite für die Adresse, die andere Seite für die Nachricht bestimmt. Als 1875 der Weltpostverband gegründet wird, wird die Postkarte standardisiert auf das Format von 3,5 mal 5,5 Zoll, oder 88 x 140 mm. Zunächst landen nur grafische Elemente als Verzierung auf den Karten. Die erste Bildpostkarte wird schließlich zur Pariser Weltausstellung 1889 herausgegeben. Das Motiv ist natürlich das Wahrzeichen der Ausstellung: der Eiffelturm. Bis 1901 bleibt die Tradition erhalten, dass die Anschrift des Adressaten eine ganze Seite einnehmen muss. So werden Bilder nur teilweise auf Karten gedruckt und mit Text versehen. Fortan muss die Adresse nur noch die Hälfte der Seite einnehmen. Die Ansichtskarte – wie wir sie heute kennen – ist damit erfunden.

Photochrom-Verfahren bis in die 1980er-Jahre

Um 1900 kommen die ersten „echten“ Fotopostkarten auf den Markt. Kodak fertigt Fotopapier, das auf der Rückseite bereits mit dem vorgeschriebenen Postkarten-Layout versehen ist. Hinweise zum Motiv oder Fotograf müssen dabei ins Bild belichtet werden. Mit dem Tourismus der Jahrhundertwende beginnt die große Zeit der Postkarten. Bis in die 1930er-Jahre werden viele Millionen Schwarzweißfotos auf Postkarten belichtet. Auch berühmte Fotografen wie Walker Evans nutzen das Medium. 1888 entwickelt der Zürcher Lithograf Hans Jakob Schmid für seinen Arbeitgeber, den Verlag Orell Füssli, das Photochrom-Verfahren. Dabei belichtet er ein Schwarzweiß-Negativ auf bis zu 16 lichtempfindlich gemachte Lithografie-Steine und behandelt diese in weiteren komplizierten Arbeitsschritten so, dass sie in verschiedenen Farben gedruckt werden können. Weil die Farbe transparent ist, kann er mit 16 Steinplatten eine fast unendliche Zahl an Farbnuancen drucken. Sein Verfahren wird bis in die 1980er-Jahre angewandt und kommt heute für hochwertige Drucke zum Einsatz, denn es zählt zu den besten Farbdrucktechniken, da die Bilder kein Druckraster aufweisen.  

Einbruch von 75 % beim Postkarten-Versand  

Postkarten waren immer wirklicher als wirklich: Das Blau der Flüsse und Seen war blauer, der Himmel dramatischer, die Bäckchen der Damen rosiger, die Hotels schöner als in der Realität. Postkarten aus dem Urlaub zu versenden wurde ein Hobby und zugleich ein Statussymbol, denn damit zeigte jeder seinen Nachbarn, welche Luxusferien er sich leisten konnte. 

Mit der Einführung der DIN-Normen wird 1927 die Postkarte 148,5 x 105 mm groß. Sie fällt damit aus dem fotografischen Formatsystem. In den 1930ern verschwinden die „echten“ Fotopostkarten immer mehr. Nun werden Postkartenmotive fast ausschließlich in großen Auflagen gedruckt. Mit dem Einzug der Smartphone-Fotografie entstehen neue Verhaltensweisen. Impressionen werden nun schnell und individualisiert aus dem Urlaub versendet. Zwischen 1997 und 2007 bricht weltweit bei der Post der Versand von Ansichtskarten um 75 Prozent ein. Auch in den Museen, die zusätzliche Einnahmen mit dem Verkauf von Postkarten ihrer Kunstwerke generieren, bringt das Handyfoto einen Einkommenseinbruch. Dafür erfreut sich heute die originelle Werbekarte als kostenloser Mitnehm-Artikel in Kneipen großer Beliebtheit.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
peter.michels

Bei Peter Michels liegt das Schreiben und Unterrichten rund um die Fotografie in der DNA. Er unterrichtet Kamerabau, historische Fotoprozesse und Analogfotografie. Ihm ist es zu verdanken, dass in der Schweiz Analogfotografie als schützenswertes Handwerk definiert wurde. Als Kurator konzipierte er die Werkschau PHOTO an den Standorten Zürich und München.