Reportage: Fotofest in China

fotoMAGAZIN-Talentscout in Peking
19.01.2007

Portfolioreviews sind immer eine gute Gelegenheit zur Entdeckung junger Talente. Insbesondere, wenn die Macher von Amerikas bestem Fotofestival mit chinesischen Organisatoren zum ersten Fotofest Beijing laden. fotoMAGAZIN reiste an und hielt Ausschau nach Chinas neuer Fotoelite

Am Anfang war der Meeting Place im texanischen Houston. Ein legendärer Treffpunkt der Kreativbranche, das weltweit bekannteste Portfolio Reviewing Event, bei dem so manche Fotografenkarriere ihren Anfang genommen hat.

Mittendrin im März 2006: eine kleine chinesische Delegation aus Journalisten, Fotografen und Ge­schäfts­leuten. Die Herren aus Fernost haben eine Idee. Warum eigentlich nicht so etwas in China organisieren? Als Veranstaltung für Chinas Dokumentaristen, Fotokünstler, kurz: die besten Bildermacher im Lande. Man fragte bei Fred Baldwin und Wendy Watriss an, dem Erfolgsteam der Houstoner Fototage, ob die beiden nicht Lust hätten, ihr Know-how, ihre Expertise bei einer Veranstaltung im fernen Peking einzubringen. Sie hatten.

Sieben Monate später ist es soweit. Blitzlichtgewitter in einem Pekinger Hotel, Fanfaren, feierliche Eröffnungsreden. Im Hintergrund arbeitet derweil Hewlett Packards neueste Printergeneration unter Hochdruck. HP ist Hauptsponsor dieses ersten Meeting Place FotoFest Beijing. Und hat sich unter anderem bereit erklärt, den angereisten Fotografen kostenfrei Prints für eine ansprechende Präsentation ihrer Arbeiten zu liefern. Gao Lei, chinesischer Mit-Organisator, Fotograf, Kurator und Gründer des Q-Image Lab, steht den Fotografen als Berater zur Seite. Vorbereitend hat er bereits Workshops zur Bildpräsentation veranstaltet. Wer hier in den nächsten Tagen sein Portfolio zeigt, der kennt den internationalen Standard: Man bringt Bild-CDs mit Low Res-Daten für die Reviewer und zeigt eine ansprechende Auswahl hochwertiger Prints.      

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Portfolio Reviews

Portfolio Reviews am Meeting Place

© Manfred Zollner

30 Experten aus den Vereinigten Staaten, Europa und Australien sind für diese Fototage eingeflogen. Dazu kommen fünf chinesische Kuratoren. Vom 23. bis 27. Oktober 2006 werden sie alle im 20-Minuten-Rhythmus Werke chinesischer Bildermacher sichten und beurteilen. Eines zeichnet sich schon vorher ab: Die Resonanz auf diesen Meeting Place ist gewaltig, über 1000 Fotografen haben sich für die 260 Review-Termine beworben. Die Teilnahme ist gratis. Keine Anmeldegebühren, keine Review-Kosten, dafür die Gelegenheit, direkte Kontakte zur Fotoszene des Westens zu knüpfen, unmittelbar Feedback aus dem Ausland zu bekommen. Vergleichbares hat es in dieser Dimension hier noch nicht gegeben, sagen alle.

fotoMAGAZIN darf sich geehrt fühlen, neben bedeutenden Kuratoren, Galeristen und Festivalmachern als einzige deutsche Zeitschrift bei den Re­views vertreten zu sein. Am Abend vor dem offiziellen Arbeitsbeginn lerne ich noch meine Übersetzerin kennen. Die Englischkenntnisse chinesischer Fotografen reichen noch nicht für intensive Einzelgespräche. Helena, eine junge Sprachstudentin, wird vermitteln. Sie hat die schwierige Aufgabe bekommen, dem deutschen Besucher die Dialekte der aus allen Landesteilen Chinas angereisten Fotografen zu übersetzen und dabei immer wieder auf Fachvokabeln wie Umkehrverfahren oder Platindruck zurückgreifen zu müssen. Sie wird ihren ehrenamtlichen Job mit Bravour meistern.

Spiegelbild des Wandels

Am Montag um 9 Uhr morgens geht es richtig los. In den nächsten Tagen wird sich aus tausenden Fotos vor uns das Spiegelbild eines Landes im Aufbruch formieren. Pekings Hu­tongs, Tibets Buddhisten, überhaupt: Religion im Reich der Mitte, Wanderarbeiter in den Großstädten, Arbeitsbedingungen in al­ten Kohleminen. Spuren der Geschichte und Zeug­nisse der neuen Zukunft. Der permanente, rasend schnelle Wandel im Land be­schäftigt die Bildermacher, er ist allgegenwärtig bei diesen Portfoliopräsentationen. Wir sehen Bildreportagen, Fotokunst, vereinzelt auch mal Tierportraits.

Zum ersten Mal kommen in China solch unterschiedliche Fotografen zusammen, freut sich Gao Lei bei unserem Gespräch während der Mittagspause. Die Vorauswahl jener Bildermacher, die ihre Werke hier zeigen, berichtet er, hätten zwei chinesische und drei ausländische Reviewer gemacht. Anonym, ausgehend von Bildern, nicht nach Namen und persönlichen Connections. Im Unterschied zur zeitgleich in Deutschland vorgestellten Bilderschau FotoChina (die in Mannheim etwas gehobene Wettbewerbsfotografie präsentiert) von meist hoher Qualität. Natürlich kennen die hier versammelten Reviewer die westlich kuratierten China-Ausstellungen vergangener Jahre in New York, London oder Wolfsburg. Das hier ist anders. Ein Neuaufbruch. Ohne piefiges Klassendenken. Hier präsentieren Hochschuldozenten und Studenten, Profis und engagierte Amateure, die daran denken, die Berufung zum Beruf zu machen. Menschen in Aufbruchstimmung, die auf diesen Tag gewartet zu haben scheinen.

Wir sehen im Stil der klassischen Bildreportage arbeitende Bildermacher. Der Polizeifotograf Niu Ghuzheng ist so einer. Sein taffes, sehr direkt fotografiertes Projekt Prisoner liegt am zweiten Tag der Reviews auf meinem Tisch. Ghuzheng zeigt hier ungeschönt den Gefängnisalltag in Schwarzweißbildern. Das verrohte Haareschneiden mit Glasscherben, die Fights, gescheiterte Fluchtversuche, die Isolation unter verschärften Haftbedingungen. Eine grandiose Reportage, die den Betrachter atemlos zurücklässt. Ein zweites von Niu Ghuzheng vorgestelltes Projekt geht in seiner Darstellungsweise weit über die Bildreportage hinaus und weist ihn als Poet mit Kamera aus. Plastic Garden zeigt uns eine gigantische Müllhalde, auf der Plastikblüten Bäume zu künstlicher, bizarrer Blüte verhelfen.

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Portfolio Reviews

Der Autor bei den Reviews

Die luzide Lyrik der im Licht leuchtenden Zufalls­skulpturen lässt uns fasziniert erschaudern, denn die Schönheit dieser windzerzausten Tüten ist in Wahrheit die Folge von Umweltverschmutzung gigantischen Ausmaßes. In dieser subtil aufgebauten Widersprüchlichkeit gewinnt die Arbeit des Behördenreporters aus Henan eine Komplexität, die sie an konzeptionelle Kunst rückt. Niu Ghuzheng ist am Ende einer jener Bildermacher, die mich in Peking am anhaltendsten begeistert, am tiefsten berührt haben.

Draußen im Foyer vor dem Reviewing-Saal treffe ich während der Mittagspause  zwei junge Redakteurinnen der Zeitung China Photo Press. Das mit Parteigeldern finanzierte Blatt erscheine zwei Mal wöchentlich in einer Auflage von 300.000 Exemplaren, berichten die beiden beim Kaffeplausch. Das entspricht mit nur einer Ausgabe fast der kompletten Monatsauflage der deutschen Fotopresse. So viel zur Fotobegeisterung der Chinesen. Das Interesse an westlicher Fotografie ist groß. Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Chinese Photography, die mir Chefredakteur Li Bo überreicht, zeigt unter anderem ein Portfolio des Deutschen Peter Bialobrzeski. Eine Pekinger Studentin erzählt, an ihrer Hochschule sei fotoMAGAZIN als Stdentenlektüre zugänglich. Das Internet spielt darüber hinaus eine große Rolle als heutige Informationsquelle.

Die Internationalisierung des Wissens und der Bildästhetik ist bei den gezeigten Arbeiten immer wieder erkennbar. Im Bereich der Street Photography werden bei den Bildermachern Einflüsse der New York School genannt, bei den anderen Fotografen mag man Daido Moriyamas düstre schwarzweiße Perspektiven erkennen. Wie immer reichen die besten Arbeiten darüber hinaus, zeigen hier Künstler eigene Wege auf. Wei Zhjii und Zhu Feng zum Beispiel. Ihre Panoramen der Serien "A Sign of Shanghai" und "Zero Shanghai" zeigen uns die Stadt aus ungewohnter Perspektive. Fast wirkt die monochrom abgelichtete Stadt bei Zhijie wie New York. Zhu Feng durchschreitet das unmittelbare Wohnumfeld und zeigt dessen surreale Transformation in einen Freizeitpark.

Der Fotokünstler Yanshi zeigt mir am letzten Reviewing-Tag seine großartige Serie To the unknown God, die sich mit den chinesischen Essgewohnheiten auseinandersetzt. Hier hat er perfekt digital Tiere in die Landschaft gesetzt, romantisch verspielt, auf den ersten Bild idyllisch. Bei genauer Betrachtung sind diese Schweine, Zicklein und Hasen gebraten. Eine der eigenständigsten Arbeiten dieser Tage! Noch erstaunlich selten blieben selbst­zentrierte Arbeiten wie Liu Li Jies Another Episode, die in ihren Selbstinszenierungen eigene Ängste thematisiert.

Der letzte offizielle Termin ist vorbei, als Freitagabend eine Arbeit vor mir liegt, die zu den besten zählt, die ich hier gesehen habe. Wie jeden Abend haben ein paar Dutzend Fotografen auf dem Boden des Veranstaltungszentrums ihre Bilder ausgelegt, um uns noch einmal Gelegenheit zu geben, Werke und Künstler zu sehen, die nicht in unserem Terminplan auftauchten. Meng Jin ist dabei. Hier liegt und leuchtet seine neue Serie Lumination. Strahlend hell frisst sich das Licht in die Konturen der von Jin fotografierten Lampen. Der junge Fotokünstler hat das eigentliche Wesen der Fotografie, das Malen mit Licht, bis an die Grenze der Abstraktion umgesetzt. Sein Projekt Come and Go wiederum visualisiert das Thema Fernbeziehungen im Vielfliegerzeitalter. Wie Vögel kreisen bei Jin die Flugzeuge am digital verfremdeten Himmel in einem ewigen Wolkenwirbel. Von dem jungen Mann werden wir noch viel sehen! Sein Werk ist vielversprechend und bringt meinem Aufenthalt ein wunderbares Abschluss-Highlight.

Ein Event mit Zukunft 

Für alle Beteiligten war der Meeting Place Fotofest Beijing eine große Erfahrung und eine phan­tastische Gelegenheit, Zeuge der un­glaub­lichen Aufbruchstimmung im Land zu werden. Der Erfolg des Events war so überwältigend, dass es künftig als Biennale ausgetragen wird. Fotofest Beijing war ein Ort des interkulturellen Gedankenaustausches, eine Plattform für chinesische Fotografie auf ho­hem Niveau. Den Veranstaltern ist ein Brückenschlag geglückt, der den Erfahrungsschatz der US-Festivalmacher Fred Baldwin und Wendy Watriss mit dem lokalen Organisationstalent von Lei Gao und Jimmy Chu perfekt und harmonisch verband. So wurde binnen kürzester Zeit nicht nur ein minutiös und reibungslos funktionierendes Reviewing-System geschaffen, sondern auch auf chinesischer Seite ein künstlerisches Aktivierungspotenzial geschaffen, das Fotografen verschiedener Generationen und Gesinnungen anzog. Und wenngleich natürlich nicht jeder Reviewer alle Arbeiten sehen konnte, wurde spontan durch vorabendliche Bildpräsentationen im Anschluss an die One-on-One-Reviews eine Möglichkeit gefunden, in entspannter Atmosphäre auf Fotografen zu­zugehen. Fotofest Beijing hat die Fotowelt ein Stück näher zusammen gebracht. Und Kontakte geknüpft, die unseren Blick auf Chinas Fotoszene über Jahre prägen werden.    

 

Dieser Artikel wurde im fotoMAGAZIN 2/2007 veröffentlicht.

Siehe auch unser Interview mit Wendy Watriss.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.