Reportage: Analogrebellen

Auf der Suche nach dem Zauber des Analogen bei Lomo & Impossible
10.03.2014

Sind analoge Bilder anders als digitale? Wir besuchten die Analogrebellen von Lomo und Impossible auf der Suche nach dem Zauber des Zelluloids im Digitalzeitalter.

Vor etwa zwanzig Jahren, als die Welt noch Zelluloid-Streifen in Kameras klemmte und Kodak noch ein Gelber Riese war, definierte eine Wiener Studenten-WG den Schnapp-Schuss neu. Die Analogfotografie schwelgte im Präzisions-Mechanismus und zelebrierte das scharfe Bild, als 1991 der Freundeskreis um Matthias Fiegl und Wolfgang Stranzinger ein paar ketzerische Ideen entwickelte.

Mit einer billigen russischen Import-Kamera namens Lomo wollten sie unscharf fotografieren, Bilder aus der Hüfte schießen und zunächst auch überhaupt nicht wissen, was sie mit gestrecktem Arm und wachem Geist geknipst hatten. Da ihre Alltagsfotos und ihr erfrischender Enthusiasmus ziemlich ansteckend wirkten, ersannen sie bald ein augenzwinkerndes Manifest ihrer Lomo-Lust und klebten ihre bunten Bilder als flimmernde Großtableaus an Wände, die LomoWalls heißen sollten. Herzstück ihrer 10 Goldenen Regeln der Lomographie war die Lomo LC-A, die ebenso günstige wie robuste Kompaktkamera einer ansonsten für allerlei Waffen- und Optik-Zubehör bekannten Sowjet-Fabrik. Die Lebenskünstler ernannten sich jetzt frech zu Welt-Präsidenten einer neu gegründeten Lomographischen Gesellschaft Wien. Mit ihrer Kamera, einem Bündel Fotophilosophie und ihrer rasch wachsenden Fangemeinde wagten sie sich nun an eine erste interkontinentale Bilderaktion in New York und Moskau.

Eine fotoMAGAZIN-Reportage Anfang 1995 forcierte die kommerzielle Eigendynamik des Unternehmens. Lomographie ist eine Lebensform, die nach Abenteuern, Reisen und sozialen Kontakten drängt, postulierte damals Matthias Fiegl. Heute berichtet er von hunderten Faxen und Briefen der fotoMAGAZIN-Leser, die alsbald in der Lomo-WG landeten und die Studenten ermutigten, sich vollends auf die Lomographie einzulassen.

Lomo als Lifestyle

Lässig, augenzwinkernd, bunt wie das Leben und unscharf wie manche alte Erinnerung das alles war jetzt irgendwie Lomo. Immer ein wenig jugendlich frech und in seinem schrillen Aktionismus unheimlich telegen. So gänzlich anders, als jene Schräubchenzähler der Spiegelreflexge meinde, die seit Ewigkeiten John Hedgcoes fade Fotoideen nachfotografiert hatten. In den 90er-Jahren bereisten die Wiener Chef-Lomologen die Welt und begeisterten mit ihren XXL-Collagen und lockeren Sprüchen nicht nur die Medien. Schauspieler, Politiker und Musikstars outeten sich jetzt als Fans jener Kamera, die einst Einkäufer von Foto Quelle als untauglich abgelehnt hatten. Und noch etwas passierte: Fiegl, Stranzinger & Co. machten aus der Idee der Lomographie ein Geschäft. Nun wurde die Lomo LC-A im großen Stil aus Russland importiert und zunächst für 70 DM verkauft.

Rückblickend können wir unter den Lomographen jener Tage die ersten Hipster mit Kamera erkennen. "Wenn Du analysierst, wie die Lomo-Ästhetik die gesamte Werbesprache beeinflusste, wie plötzlich Ende der 90er-Jahre Firmen verwackelte Fotos in der Kommunikation einsetzten dann haben wir in gewisser Weise eine Revolution angezettelt", findet Chef-Lomographin Sally Bibawy heute. Lomo war und ist immer auch ein All-Inclusive-Lifestyle-Paket mit der Option, Teil einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu werden. Das Begleitbuch zur Kamera gibt ein Lebensgefühl vor, es liefert dem Einsteiger Orientierung und Inspiration. Und fördert die Überzeugung: "Ich muss die Welt mit anderen Augen sehen."

Die digitale Revolution

Die Lomo-Welt sollte in den nächsten Jahren facettenreicher werden. Dafür erweiterten die Wiener ihr Produktsortiment und ersannen neue Kamera-Kreationen wie den Supersampler. Doch die Welt um sie herum veränderte sich nun radikal. Die Revolution war jetzt vor allem digital.

2004 wollte jeder eine Digitalkamera besitzen. Wie sollte man da Analogtechnik verkaufen? Die Lomo-Bosse stellten alles in Frage: Sollten sie ihr Unternehmen schließen? Oder etwa eine digitale Lomo bauen? Eine Umfrage in der Community lieferte eindeutige Antworten: 99 Prozent der Lomographen sprachen sich gegen die Digitale aus. Nach dem Ende der Produktion im traditionellen Lomo-Werk wurde das Unternehmen kräftig umstrukturiert: Seit 2006 sind die Lomographen selbst Kamera-Produzenten mit Firmen in China und Russland. Seit 2001 wird die Holga-Plastikkamera von den Lomographen verkauft. Die Öffnung fürs analoge Mittelformat mit vignettierenden Plastiklinsen erschloss weite Teile der experimentierfreudigen Toy Camera-Community.

Die Aufnahme des Plastik-Klassikers Diana 2007 baute darauf auf. Als Produktfamilie verkaufen sich heute die Dianas am besten, unsere Lomo LCAs bleiben aber noch im Top-Level, sagt der Lomo-Mitgründer Wolfgang Stranzinger.

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als hätte ein Goldfisch eben mit dem Fotografieren begonnen. Die Diana F+ liefert ihre Weltsicht auf Mittelformatfilm

Der Charme des Analogen

Während die besten Kameraingenieure der Welt in immer kürzeren Produktzyklen neue Sensoren und Megapixel-Wunder entwickeln, setzen die Wiener Lifestyle-Knipser weiter auf schön verpackte Analogkameras mit Verhaltensauffälligkeiten beim Fotografieren. 2008 prophezeite das Wiener Marketing zur Kölner photokina trotzig wie ein Veganer beim Kannibalentreff: Die Zukunft ist analog! Warum eigentlich, wo mittlerweile jedes Smartphone mit Apps ausgestattet ist, die jeden Analogeffekt von der Daguerreotypie bis zum Polaroid imitieren?   

Sehnsucht nach authentischen Bildern

Analoge Bilder sind anders, behauptet Lomo-Chef Matthias Fiegl. Digitale Fotos erschienen überzogen in ihrer Farbgebung, in den darauf abgebildeten Gefühlen der Dargestellten, in deren Gesichtsausdrücken, ja der kompletten Aufnahmesituation. "Weil heute alles sofort gelöscht und optimiert wird!" Das unzensierte analoge Foto bleibt näher an der Realität, so die Botschaft. Lomographie bedient jetzt die Sehnsucht nach echten Bildern, nach Authentizität. Mit Aufnahmen, so zufällig wie jeder beliebige Augenblick.

"Auch der Autofokus ist eine fürchterliche Erfindung für den kreativen Output", wettert Ober-Lomograph Fiegl. "Er schränkt den Zufall ein und reduziert die Beschäftigung mit dem Bild, das Gestalterische." Die Schönheit im Ungekünstelten sehen wir nicht mehr. Das ständige Verhübschen der Welt mit dutzenden Filtern könne nicht das Ziel sein.
Matthias Fiegl predigt: "Glaubt an die Abweichungen vom Standard. Ein Mensch, der mal bei der Aufnahme wegschaut ist oft viel schöner."

Fotografie soll wie ein permanentes Experiment sein: So entwickeln Mitglieder der Lomo-Community bisweilen ihre Filme in der Waschmaschine, im Kaffeebad oder gar im Urin. Sie versuchen sich mit Doppelbelichtungen und zelebrieren ihre Grenzgänge ins Reich nie gesehener Bilder. Anstelle digitaler Datensätze bleibt ihr dabei produziertes Foto stets haptisch (er)fassbar. Das auf Film gebannte Ergebnis verspricht im Unterschied zum abstrakten Datensatz Stabilität in den Turbulenzen des technologischen Wandels. Analogfotografie bedeutet in der Lomo-Logik auch die bewusstere Beschäftigung mit dem Akt des Fotografierens. Sie bleibt die individualisierte Antwort auf die technologische Standardisierung des Blicks, indem der Fotograf die Entschleunigung sucht und dem Zufall eine Chance gibt. Eine Aufforderung zum bewussten Kontrollverlust auf dem Weg ins Bildabenteuer.

"Mit der Digitalen machst du zehn Fotos, wie du sie dir im Moment vorstellst", sagt Fiegl. "Ob deine Vorstellung in einer Woche die gleiche ist, wirst du nie herausfinden, weil die meisten Bilder dann von dir bereits gelöscht worden sind." Derzeit lautet die zentrale Botschaft aus Wien: Es gibt ein Leben jenseits der Cloud. Lebe bewusster und gönne dir das Gefühl, sozialer, künstlerisch freier und ungezwungener zu agieren.

Zwischen 300.000 und 500.000 Kameras verkauft die Lomographische Gesellschaft in 2013.

Dazu gesellen sich fast zwei Millionen verkaufter Filme und Einnahmen durch Filmentwicklungen in firmen-eigenen LomoLabs. Das Unternehmen Lomographie ist weltumspannend. Etwa 200 Angestellte hat die Firma heute, dazu kommen etwa 300 Mitarbeiter in ausgelagerten Produktionen. 25 Prozent des Firmenumsatzes werden jeweils in Asien und Amerika gemacht, 40 Prozent in Europa und weitere 10 Prozent im Rest der Welt.

"Das Wort Kommerz hat uns noch nie ein Problem bereitet", sagt Lomo-Chef Fiegl. "Wir haben uns immer mit der Pop-Kultur verglichen. Niemand würde Madonna fragen, ob sie Kunst oder Kommerz macht. Sie macht etwas, das künstlerisch und emotional interessant ist. Und sie erfindet sich immer wieder neu. Uns geht es darum, dass wir eine gewisse Bildsprache kontinuierlich weiterentwickeln, die anders als der Mainstream ist."

Im Vertrieb ihrer Produkte haben die Analog-Revoluzzer neue Absatzwege erschlossen. Lomo-Kameras finden sich in den Regalen hipper Fashion-Ketten, in der Pariser Design-Boutique Colette ebenso, wie in eigenen Flagship-Stores oder bei Urban Outfitters. Die Zielgruppe ist in den letzten Jahren deutlich jünger geworden. Es sind jetzt immer öfter die 20-Jährigen, die fragen: Was ist das eigentlich: eine Filmrolle? Junge Menschen fänden den Film, den Geruch, die Chemie des Analogen faszinierend, meint Matthias Fiegl.

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DAS IMPOSSIBLE-UNIVERSUM 1. Impossible-Gründer Florian Kaps; 2 + 3: Impossible-Stores in Wien und New York

Mission Impossible

Vergleichbare Erfahrungen hat auch Florian Kaps, Gründer des analogen Sofortbildfilm-Herstellers Impossible Project gemacht.

"Als ich begann, Polaroid-Filme zu verkaufen, interessierten sich Leute zwischen 27 und 42 Jahren dafür. Doch plötzlich rasselte das Alter der Käufer runter auf 18 bis 28 Jahre. 2006, bei der Eröffnungsparty meines ersten Geschäftes in Wien war ich noch einer der Jüngsten. Als wir den Wien-Space von Impossible eröffneten, war das so, als hätte ich mich auf die Party meiner ältesten Tochter geschlichen."

Kaps kam 1999 als Internet-Projektmanager zu den Lomographen. 2004 machte er sich selbstständig. Er wurde in den letzten Tagen des legendären Polaroid-Sofortbildfilms Polaroid-Händler, eröffnete 2006 einen eigenen Laden in Wien, verkaufte international Filme über seine Website.
"Ich wollte ganz ins Analoge und fand mit Polaroid ein Schlaraffenland", erzählt er. "Man konnte den Film nicht online erwerben, es gab keine einzige Plattform zu dem Thema. Ich ging also zu Polaroid und stürzte mich in dieses Abenteuer." Bis 2009 investierten Freunde und Familienangehörige in seine Firma und schließlich wurde die niederländische Polaroid-Filmfabrik in Enschede übernommen. In den nächsten Monaten wurde die komplette Polaroidfilm-Produktion eingestellt. Ich war schnell die letzte verlässliche Quelle, bei der man Filme kaufen konnte. Der abgelaufene Polaroid-Film war bei mir ein Bestseller.

Attraktiv für die Jugend

Nachdem die Restbestände verbraucht waren, wollte Kaps neue Firma die Nachfrage mit neu produzierten Filme stillen. Die Markenrechte für Polaroid waren geschützt, also nannte er die Firma Impossible Project. Zunächst zeigte sich, dass die Qualität des neuen Materials nicht die des Polaroids erreichte. Man lernt gegenwärtig noch immer mit den Usern, verkauft manche Produktfehler Eigenheit des Films. Und hat auch einen kleinen Trumpf in der Hand: Impossible-Fotos sind immer Unikate. Jüngere Bildermacher fasziniert das schnelle Bild des Augenblicks mit seiner sauberen Chemie.

Ist es reine Technik-Nostalgie, die Menschen dazu bringt, ihre alte SX 70 vom Speicher zu holen? Kaps sieht dahinter das zeitlose Verlangen nach Dingen, die als schön und richtig empfunden werden. Warum kauft man sich heute alte Vinyl-Platten? "Ich glaube, dass die Leute anders sein wollen." Das Haptische, der Gedanke des Teilens eines Prints sei für Impossible wichtig. Wenn ich jemandem ein Bild gebe, fühlt sich das wertiger an, als wenn ich das Foto per E-Mail verschicke. "Der Brite sagt: to take a photo – man nimmt ein Foto weg. Du hast es bei Dir, in diesem Moment. Um diese Wertigkeit geht es. Ich glaube, das Analoge ist ein starkes, warmes Gefühl für alle, die digital aufgewachsen sind. Stell dir vor, du hast ein Leben lang nur Frauen auf dem Bildschirm geküsst und dann auf einmal eine richtige im Arm. Ein Bild, wertig, schwer, unzerstörbar, analog in seiner herausforderndsten Art und Weise. Ich brauche dafür kein Labor, muss es nirgendwo hinschicken." 

Impossible Project hat nach Angaben von Florian Kaps im letzten Jahr 700.000 Filme produziert. "2012 hatten wir etwa 11 Millionen Euro Umsatz", berichtete er im Frühjahr 2013. Seit Mitte 2012 hat Impossible mit Slava Smolokowski einen millardenschweren Investor im Hintergrund.
Einige Wochen nach unserem Gespräch mit Kaps überraschte dieser die Impossible-Fans im Sommer mit seinem plötzlichen Rückzug aus dem Business. Jetzt ist der Japaner Takeo Toyoda Chef des Unternehmens.

Visuelles Slow Food aus Wien

Ist es Zufall, dass sich Wien mit seiner Lomo-Zentrale und den Revival-Produzenten von Impossible zur Welthauptstadt der Analogfotografie entwickelt hat? "Das Analoge passt in diese Stadt, in der der Esprit des 19. Jahrhunderts lebt. Die Leute hier sind Querdenker. Die Psyche der Wiener ist ein wenig kaputt, weil sie so zerrissen sind", sagt Matthias Fiegl über die Heimat von Sigmund Freud. "Wir haben solch ein irrsinniges historisches Paket zu tragen."

Auch Florian Kaps sieht hier einen guten Nährboden für analoge Strömungen: Vielleicht sind die Österreicher ein analoges Volk. Nehmen wir mal das Wiener Kaffeehaus: Man sitzt dort stundenlang und schmökert in seiner knisternden Zeitung. Was man oft als gemütlich bezeichnet, das ist schon hier. Analogbilder von der Lomo, der Diana oder Impossible-Sofortbildfilm sind heute fotografisches Slow Food der internationalen Retro-Hipster. Die Wiener Analog-Unternehmen schaffen es, eine junge Generation von Digital Natives mit dem Zelluloid-Virus zu infizieren, es mit Coolness anzureichern. Indem sie die Andersartigkeit des Materials betonen und auf Individualität setzen. So wird die Analogfotografie lange nicht zum Hobby einer Generation nostalgischer Rentner. 

Dieser Artikel wurde im fotoMAGAZIN 12/2013 veröffentlicht.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.