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@ William Eggleston

Autos in der Fotografie: Unser Bild vom Auto

Eröffnung der "Autophoto" in Paris
19.04.2017

Autos in der Fotografie spiegeln soziokulturelle Veränderungen und unseren Umgang mit Mobilität und Urbanität. Jetzt widmet die Pariser Fondation Cartier pour l´art contemporain dem Mythos Auto eine spektakuläre Bilderschau

 

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Alejandro Cartagena: Auto 01

ALEJANDRO CARTAGENA: „CARPOOLERS #12“
Mitfahrgelegenheit: Blick auf Mitreisende auf der Ladefläche von Pickup-Trucks

© Alejandro Cartagena

Die Geschichte des Automobils und die Geschichte der Fotografie sind eng miteinander verwoben. Keiner weiß das besser als Philippe Séclier. Seit fünf Jahren hat der Kurator zusammen mit dem Verleger Xavier Barral eine Ausstellung vorbereitet, die in wenigen Tagen unter dem Titel „Autophoto“ in der Pariser Fondation Cartier pour l´art contemporain eröffnet wird.

Nun sitzt er in seinem Büro am Boulevard Raspail und beginnt zu schwärmen. Bereits der Fotopionier Joseph Nicéphore Niépce habe mit seinem Bruder an einem Motorantrieb gearbeitet, berichtet Séclier, der seit vielen Jahren auch Chefredakteur einer großen französischen Auto-Zeitschrift ist. Die Forschungsarbeit der Niépce-Brüder musste im 19. Jahrhundert aus Geldmangel eingestellt werden. Joseph Nicéphore widmete sich in der Folge der Fotografie. Und entwickelte 1826 die erste lichtbeständige Fotografie – auf einer lichtempfindlichen Asphaltschicht.

Die Fotografiegeschichte wiederum spiegelt etwa seit dem Ende des Ersten Weltkriegs die Faszination der Bildermacher für das Automobil. Fotografen haben mit ihren Autobildern Aspekte wie Mobilität und Geschwindigkeit dokumentiert, sie beschäftigten sich mit der Fetisch-Kraft des Autos oder betrachteten die Veränderungen der Umwelt durch die Autoindustrie und das neue, globale Straßennetz.

Fetisch Auto: Valérie Belin inszeniert den Motorblock als Skulptur des Industriezeitalters

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Lee Friedlander: Auto 02

LEE FRIEDLANDER: „CALIFORNIA, 2008“
Fenstergucker: Die USA durchs Autofenster betrachtet. Friedlander-Serie „America by Car“

© Lee Friedlander/ Courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

Das ganze Spektrum der fotografischen Herangehensweisen findet sich derzeit in Miniatur-Version an den Wänden von Sécliers Büro in der Fondation Cartier. Auf Fotos, die die Struktur, das Grundgerüst dieser spektakulären neuen Ausstellung zeigen, die bis zum 24. September 2017 in der französischen Hauptstadt zu sehen sein wird. Das Lebensgefühl des Unterwegsseins „on the road“ taucht in dieser fotografischen Auseinandersetzung ebenso auf wie in der Literaturgeschichte. In Sécliers Ausstellungskonzept entdecken wir es etwa bei Lee Friedlanders durch die Windschutzscheibe fotografierten Aufnahmen der amerikanischen Landschaft.

Die Autoindustrie hat früh das Potenzial des Mediums Fotografie erkannt und große Fotografen wie Robert Doisneau oder Peter Keetman engagiert, die fern der gewöhnlichen Werbeästhetik Motive fanden, die heute zu den Ikonen der Fotokunst zählen. Doisneau arbeitete im Renault-Werk, sein deutscher Kollege bei Volkswagen.

 

 

Quer durch die Geschichte der Fotokunst und kulturübergreifend finden wir in der Pariser Ausstellung Motive berühmter Fotografen wie Walker Evans, William Eggleston oder Hiroshi Sugimoto. Jacques Henri Lartigue fixierte bereits 1912 den Tempo-Rausch der betuchten Freizeitgesellschaft an der Côte d´Azur. Bildermacher wie Bruce Davidson und Larry Clark beschäftigten sich in Bildessays der 1960er-Jahre mit amerikanischen Teens und Twens, denen das Auto plötzlich das Gefühl von neuer Freiheit und Raum für Lust und Liebe bot.

Fotos der Auto-Kultur spiegeln unsere Eroberung der Landschaft und die Idee einer neuen Freiheit

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Stéphane Couturier: Auto 03

STÉPHANE COUTURIER: „TOYOTA NO 8, 2005“
Werkzyklus: Fabrikation und Maschinenkult im Zeitalter automatisierter Produktionsmechanismen als Gegenstand der Fotokunst

© Stéphane Couturier/Courtesy La Galerie Particulière, Paris-Brüssel

„Autophoto“ widmet sich dem Blick der Fotokünstler aus dem Auto und auf das Auto. Bildermacher wie Stéphane Couturier und Valérie Belin beschäftigten sich mit der Kult-Karosse des Industriezeitalters und blickten auf die Anatomie des Fahrzeugs. Ihre Perspektive auf die Produktionsstätten und skulpturale Schönheit des Motorblocks bleibt sachlich kühl. Autodesign steht immer auch für das Lebensgefühl einer Epoche. „Autophoto“ betrachtet die Macho-Riten rund um den Autokult, die Inszenierungen des Menschen am und im Auto. Und zeigt uns die Kehrseiten der Autokultur: Unfallfotos, Umweltverschmutzung, Zersiedelung, den Einsatz des Autos als Waffe (Autobomben). Die Auswahl der Kuratoren bleibt nicht bei der stilisierten Überhöhung des Kultobjektes Auto. Sie widmet sich auch Arbeiten, die den Mythos demontieren.

Der Zeitpunkt für diese tatsächlich weltweit erste große Ausstellung über unser Bild vom Auto scheint optimal gewählt. Im Augenblick befindet sich sowohl die Fotografie, als das Automobil in einer technologischen Umbruchphase, welche die Beziehung des Menschen zum Medium und zum Fortbewegungsmittel radikal verändern wird. Carsharing, Elektroautos und computergelenkte Fahrzeuge werden unser Konzept von Mobilität verändern. Die Fotografie hat im Zeitalter des Smartphones und der Digitalisierung bereits jetzt andere Nutzungsweisen mit sich gebracht. „In fünf Jahren wird man auf dieses Thema schon wieder völlig anders blicken“, sagt Philippe Séclier. Das Autobild von morgen ist heute sozusagen schon in der Entwicklung.

Autophoto: Die Ausstellung in Paris

Vom 20. April bis 24. September 2017 in der Pariser Fondation Cartier pour l´art contemporain. Zur Ausstellung erscheint der Katalog „Autophoto“ bei Éditions Xavier Barral (49 Euro)

Unser Bild vom Auto

Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 04/2017 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.