Meilensteine der Fotografie # 6: Frank Herfort

Fotokunst zum Sammeln
01.12.2006

„Was macht das Tier hier? Ein Elefant im Moskauer Treppenhaus, davor diese apathisch wirkende Frau mit Sonnenbrille? Die Szenerie will einfach nicht so richtig zusammenpassen.

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"Elephant #2", Moskau 2005

"Elephant #2", Moskau 2005

© Frank Herford

Der Fußboden spiegelt mit seinem wirren, chaotisch angeordneten Mustermix aus Karos und floralen Motiven diese Diskrepanzen. Unser Blick wandert weiter. Und findet die unwirkliche Polarisierung auch in anderen Details. Ein roter Metallkasten neben dem sperrigen Holzpult der Siebziger Jahre, Kreuzbogendecke versus rechter Winkel, Kunstlicht tritt auf Tageslicht.

Diese seltsam surreale Welt der unerwarteten Gegensätze liefert die Initialzündung für Geschichten unserer Imagination. Und steht typisch für Frank Herforts Bildserie Blue Sky. Wir sehen zumeist ältere Personen in einem tranceähnlichen Zustand. Wie hypnotisiert sitzen sie dort, wo der junge Leipziger sie platziert hat. Natürlich hat der Bildermacher hier Regie geführt, wenngleich er mit Menschen arbeitet, die er vor Ort rekrutiert. Der Absolvent der Hamburger Hochschule für Bildende Künste ist ein Inszenierer, ein Meister der narrativen Bildgestaltung.

"Diese Orte sind merkwürdig. Ihre Funktion bleibt unklar. Ich suche Räume, die diese Widersprüche ausstrahlen."

Der Elefant stand übrigens tatsächlich an dieser Stelle. Er befindet sich in einem Moskauer Museum, in dem zum Zeitpunkt der Aufnahme Umbauarbeiten stattfanden. Deshalb hatte man ihn ein wenig deplaziert, als ihn der deutsche Besucher entdeckte. Herforts Interesse für den öffentlichen Raum, für die Ästhetik der alten Sowjetarchitektur, hat ihn für diese Serie nach Moskau gebracht. Die melancholische Stimmung dieser Räume, die implizierten Zeitsprünge prägen diese Bilder, die gelegentlich an Motive der russischen Malerei, an Bilder von Repin und Surikow erinnern. Stagnation und Isolation scheinen die dominanten Themen dieser Bildwelt. Alles verharrt, nichts geht voran. Nichts ist hier in dieser Kunstwelt ferner als der im Serientitel angekündigte blaue Himmel.               

"Die Russen interpretieren immer solch seltsame Dinge in meine Bilder", wundert sich Herfort. "Sie haben Sorgen um das Russlandbild, das ich transportiere, wollen, dass ich das Schöne zeige. Sie wissen diese Architektur nicht zu schätzen und verbinden mit ihr schlechte Zeiten." Herfort liebt hingegen diese Welt. So sehr, dass er mittlerweile nach Russland gezogen ist. Er lebt und arbeitet jetzt in Moskau.

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Dieses Bild lag dem fotoMAGAZIN 12/2006 als Sammel-Edition bei.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.