Vernon Trent - Fredau

Vernon Trent - Fredau
© Vernon Trent

Die Unikatmacher

Renaissance der Nassplatte
24.10.2014

Das& zeit- und materialaufwändige Analog-Verfahren erlebt eine Renaissance

Ein soziales Netzwerk ohne Bilder wäre undenkbar: Jeden Tag werden heute über 350 Millionen Bilder auf Facebook hochgeladen. Jeder fotografiert, und sei es mit einem Smartphone. Und vielleicht wird irgendwann jeder Moment unseres Lebens mit Technologien wie der Google Glass automatisch dokumentiert und zu einem großen Gesamtbild zusammengesetzt.

Verliert das Foto an sich so seinen Wert? Geht es in der Masse der digitalen Bilderflut unter? Wird jeder Moment dann flüchtig und belanglos?

Warum gibt es dann Fotografen, die einer einzigen Aufnahme Stunden und Tage widmen?

Das Kollodium-Nassplatten-Verfahren gehört zu den ältesten fotografischen Verfahren der Welt. Bei diesem aufwändigen, durchaus mühsamen Analog-Verfahren wird eine Glasplatte mit einer Silbernitratlösung lichtempfindlich gemacht. In einer sperrigen, schweren Holzkamera wird die Platte dann mehrere

Vernon Trent - Fredau

Vernon Trent - Fredau

Model Fredau auf Wetplate

© Vernon Trent (2)

Sekunden belichtet und später unter Rotlicht entwickelt. Das Ergebnis ist ein Glasnegativ mit geringster Tiefenschärfe und erstaunlichen Details. Wird es vor einen dunklen Hintergrund gehalten, wird es zum Positiv.

Bis es so weit ist, hat der Fotograf bereits Monate mit Recherche verbracht, sich den Duftnoten verschiedener Chemikalien ausgesetzt, unzählige Glasplatten beim Versuch sie zu schneiden zertrümmert, und er hat ein kleines Vermögen für etliche Fehlversuche investiert, bis er die richtige Mixtur, die richtige Technik, die richtige Belichtungszeit für sein Foto gefunden hat.
Vorher hat er in - mindestens - eine große Holzkamera und das passende Objektiv investiert, gefunden auf Fotoflohmärkten und einschlägigen Sammlerbörsen, und sich eine Dunkelkammer eingerichtet - nicht selten mobil.

Die Erschaffung eines Unikates

Der belgische Fotograf und Filmemacher Patrice Lesueur hat den niederländischen Wetplate-Fotografen Alex Timmermans bei seiner Arbeit begleitet - und ein poetisches Stück zu diesem besonderen Verfahren geschaffen. Der Niederländer inszeniert seine Motive in der freien Natur, und dort ist auch sein Arbeitsplatz. Die Dunkelkammer ist eingerichtet in einer mobilen Box. Die Nassplatten bereitet er über einem Tisch vor, den er mitten im Wald aufgestellt hat. Eine faszinierende Dokumentation von einer entschleunigten Welt.

Hingabe und die Liebe zum Moment

In Deutschland gehört der Düsseldorfer Fotograf Vernon Trent zu den bekannten Künstlern der Wetplate-Szene. Der gebürtige Rumäne, der sich für seine Motive mal von klassischen Klängen, mal von Psychedelic Rock inspirieren lässt, der sich in New Jersey sogar eine Anthony Style Tail Board Bellows Camera nach Originalbauplänen von 1850 hat nachbauen lassen, lässt die Hingabe erfühlen, die er zu seiner Arbeit entwickelt hat.

Bei einem Besuch in seinem Atelier konnte ich ihn bei seinem Ritual im Labor portraitieren.

Unikate wecken Begehrlichkeiten

Solche mit Passion geschaffenen Unikate sind etwas Besonderes: Die Werke faszinieren und begeistern auch Fans der digitalen Fotografie. Die Wetplate-Fotografie findet immer mehr Nacheiferer und auch unter Sammlern immer mehr Liebhaber. Die beiden hier vorgestellten Fotografen haben internationale Galerievertretungen, Vernon Trent gibt Workshops.

Vielleicht wird das Einfangen eines Momentes durch alte Handwerksverfahren, die dem Fotografen Konzentration, Mühe, Kreativität und Vorbereitung abverlangen, doch wieder etwas Besonderes?

Smartphone Apps imitieren den Effekt

Portrait Tintype - Hipstamatic

Portrait Tintype - Hipstamatic

Portrait mit Tintype von Hipstamatic

© Sandra Schink

​Doch natürlich gibt es auch für Smartphone-Fotografen, die sich dem aufwändigen analogen Prozess nicht stellen wollen, die dem Effekt aber zumindest ein kleines bisschen nahe kommen möchten, die passenden Anwendungen. Für das iPhone hat Hipstamatic, bekannt als Entwickler für Apps mit dem analogen Flair, Tintype entwickelt und im Oktober 2014 gelauncht. Die App erkennt die Augen bei einem Portrait und setzt dort den Fokuspunkt, und die geringe Tiefenschärfe von echten Großformatkameras,

Koloid - Wetplate App

Koloid - Wetplate App

In der Koloid-App wird der Entwicklungsprozess durch Bewegungen des Smartphones simuliert.

© Sandra Schink

sowie der eigentümliche Rand einer echten Wetplate werden nachempfunden.

In der App Koloid wird sogar der Entwicklungsprozess simuliert: Durch das Bewegen des iPhones bewirkt das Verteilen der Flüssigkeit marginale Unikat-Effekte auf dem Foto.

Und in der Gratis-App The History of Cameras erfährt der technik-interessierte Smartphone-User etwas über die historische Entwicklung und Arbeitsweisen von Fotoapparaten.

Für Android und Windows scheint es keine entsprechenden Apps zu geben. Hinweise werden aber gern entgegen genommen!

Weiterführende Links

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Sandra Schink

Sandra Schink arbeitete seit den frühen 1990ern als Fotoreporterin für BILD, EXPRESS und die Westdeutsche Zeitung. Seit 1996 ist sie online und nie wieder offline gegangen. Sie nutzt das Internet als Netzwerk-, Recherche- und Blogplattform und hat Foren und Communities betreut, darunter bei stern die VIEW Fotocommunity. Seit 2014 arbeitet sie für das fotoMAGAZIN. Für das SMART SHOT Magazin macht sie Konzept und Redaktion. Im Team Socialgrafr gibt sie Workshops zur Smartphone-Fotografie.