Zeit der Zines

Zollners Zeilen
03.08.2016

Über den Wunsch, einen eigenen Bildband zu produzieren, den aktuellen Büchermarkt und eine Möglichkeit der Verwirklichung dieser tollkühnen Pläne

Bis vor kurzem wollte scheinbar jeder ein Fotobuch produzieren. Einen eigenen Bildband, veröffentlicht in einem mehr oder minder berühmten Verlag. Das war ein wenig wie jener Traum von der Teilnahme am New York Marathon, den der Freizeitläufer auf dem Weg um den Stadtpark von Dinslaken träumt. Etwas teurer vielleicht, angesichts von selbst beigesteuerten Produktionskosten von 25.000 Euro.

Hochschulabsolventen träumten den Traum von der im Bildband veröffentlichten Abschlussarbeit. Erfahrene Bildjournalisten ersehnten sich die Buch gewordene Retrospektive ihrer besten Bilder. Und mancher Amateur fand, seine gesammelten Aufnahmen des Urlaubsortes am Mittelmeer habe das Zeug zum Bestseller. Irgendwann offenbarte sich ihnen allen Erstaunliches: die Realität. Und die verweist auf einen gesättigten Büchermarkt, in dem selbst berühmte Fotografen über drastisch sinkende Auflagen jammern.

Jeder ist sein eigener Verleger und
bewirbt das Heft über Social Media.

Die derzeitige Marktsituation zeigt uns eine kleine, global und mehr oder weniger ambitioniert sammelnde Gemeinde von Buchliebhabern. Und immer mehr Fotografen, die sich lieber kleine Träume von selbst produzierten Büchern in kleinen Auflagen bis 500 Exemplaren erfüllen, als auf tausenden unverkäuflichen Bildbänden zu hocken. Noch ein Effekt offenbart sich bei der derzeitigen Bücherschwemme: Hier scheint jetzt fast jeder bereits hinlänglich Bekanntes zu kopieren. Unter all den Büchern mit trashigen Personenportraits und archivarisch typologisierten Interieurs entdecken wir selten etwas Originelles, das sinnvoll über 100 Seiten und mehr ausgebreitet wird.

Eine Lösung für das inhaltliche Dilemma ist längst in Sicht. Sogenannte Zines (kurz für: Magazines) werden die nächsten Jahre prägen. Das sind von Fotografen selbst produzierte Zeitschriften in ebenfalls kleinen Auflagen. Hier können die jüngste Reportage oder andere Einzelprojekte über 36 Seiten und mehr vorgestellt werden. Jeder ist sein eigener Verleger und bewirbt das Heft über Social Media. Ein erschwinglicher Preis reduziert für alle Beteiligten das Risiko. Die Idee einer Kultur-Zeitschrift könnte sich dabei radikal verändern. Innovative Printideen haben auch im Internet-Zeitalter eine Chance.

 

Dieses Interview ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 06/2016 erschienen.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.