Wandgewand: Über die Kunst, Bilder aufzuhängen

Zollners Zeilen
16.01.2017

Über die Präsentation von Bildern und weil zuviel Mix auch einfach zuviel sein kann

 

Vergessen Sie die öde „Petersburger Hängung“. Früher hingen Bilder einfach neben- und übereinander. Jetzt kommt das legere Bilder-Sandwich – eine Art Zwei-Bilder-Zoom für die Wand. Plötzlich ist es bei jungen Fotografen so todschick wie der Hotzenplotz-Vollbart, sich ein Fotomotiv als Poster an die Wand zu kleben und sogleich darauf ein gerahmtes Foto zu nageln. Oder zwei. Mittenrein. Falls dieser Bildermix tatsächlich noch immer nicht ästhetisch prägend für Ihr hippes Großraum-Empfinden sein sollte, dann kaufen Sie doch einfach noch einen Materialmix aus Holz- und Stahlrahmen für den Rest Ihrer zeitgenössischen Fotowand.

 

In der Spätfolge Wolfgang Tillman´scher Bildtableaus der 1990er-Jahre wird eben noch immer gerne mit verschiedenen Bildformaten gespielt. So weit, so gut. Damit könnte jeder sinnvolle Akzente setzen. Aber warum würde jemand ein Foto in Mauseloch-Höhe hängen und einen weiteren Bilderrahmen zersägt über die Zimmerecke ziehen? Wie etwa letztens bei einer Bilderschau junger Fotostudenten der Berliner Ostkreuz-Schule. Dabei scheint heute eigentlich nur Eines in Vergessenheit zu geraten: Der Grund für derlei Bilder-Puzzle. Zu oft reicht es den Fotografen, wenn ihr Ausstellungsraum einfach nur „cool“ aussieht. Wen interessiert schon, was uns die Bilder erzählen könnten?

Schlechte Bilder werden jedenfalls nicht besser, wenn man sie uns originell präsentiert.

Damit sind wir beim Kern des Problems angelangt. Während unendlich viele Gedanken in den Aufbau einer Bildreportage fließen, gibt es zur Präsentation von Fotografie im Raum kein gedankliches Grundlagenwerk. Was wird hier wie kommuniziert? Was bedeutet die Auswahl bestimmter Rahmen-Materialien für ein Motiv? Wann sollte ein Bild auf ein anderes gelegt werden und wann werden dadurch beide Motive entwertet? Schlechte Bilder werden jedenfalls nicht besser, wenn man sie uns originell präsentiert. Sie erscheinen allenfalls dekorativer, buhlen um eine Aufmerksamkeit, die sie nicht ertragen. Wer ins Vakuum blickt, wird dort keinen Blumenstrauß finden. Machen Sie Ihre Fotos nicht zum sinnentleerten Wandgewand. Und überlegen Sie lieber, was Sie uns erzählen möchten!

 

Dieses Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 07/2016 erschienen.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.