Vitamin B

Zollners Zeilen
30.06.2016

Er macht möglich, wofür Profis sich jahrelang abrackern müssen. Denn wer von Beruf Sohn ist, bekommt tolle Aufträge von Burberry neuerdings ganz ohne Referenzen

Der Jugendliche hat als Fotograf keine besonderen Referenzen vorzuweisen. Brooklyn ist gerade 16 Jahre alt und zeigt nach Aussage seines Vaters seit etwas mehr als einem Jahr ein gewisses Interesse an Fotografie und Film. Grund genug, ihm jetzt den Auftrag zu erteilen, die Kampagne für das neue Burberry-Parfum knipsen zu lassen? Sicher nicht! Normalerweise holen sich Fashion-Konzerne für derlei Jobs Star-Fotografen wie Mario Testino oder Steven Maisel.

Vitamin B, wie Beckham.

Der wahre Grund für den überraschenden Werbeauftrag könnte also durchaus daran liegen, dass Brooklyn berühmte Eltern hat: Er ist der zweite Sohn des ehemaligen Spice Girls Victoria Beckham und von Englands Fußball-Idol David Beckham. Seine Eltern sind seit Jahrzehnten Meister der Selbstvermarktung und glamouröse Dauergäste der Klatschpresse.
Selbst Brooklyns Instagram-Account vermeldet heute bereits über 5,9 Millionen Fans. Interessierte Besucher finden dort unter anderem ein Foto seines schlafenden Dads, dessen Gesicht der Junior für seinen Schnappschuss mit Bonbons dekorierte.

Vielleicht spielte tatsächlich die Qualität der Bilder eine untergeordnete Rolle.

Und sonst so? Ein Portrait, das Brooklyn kurz vor seinem Burberry-Shooting mit einer Leica R9 zeigt. Neben diversen Kiddie-Schwärmereien tauchten hier nach Bekanntwerden des Burberry-Deals eine Menge gehässiger Kommentare auf. In der britischen Tagespresse äußerten Profi-Fotografen ihren Unmut. Der Modefotograf Chris Floyd etwa tobte im Guardian, die Verpflichtung des unerfahrenen Teenagers „entwerte die Fotografie“ und zeige mangelnden Respekt gegenüber hart arbeitenden, erfahrenen Profis.

Kollege Jon Gorrigan lästerte an gleicher Stelle, der Beckham-Boy hätte hier sicher nicht viel mehr zu tun gehabt, als auf den Auslöser zu drücken. Er kümmere sich sicher nicht um den Lichtaufbau, habe keine Ahnung von den Belichtungs-Programmen seiner Kamera oder von Photoshop. Vielleicht spielte tatsächlich die Qualität der Bilder eine untergeordnete Rolle. Die Burberry-Fotosession wurde über Social Media gestreamt, allein die Nachricht des Auftrags für den prominenten Teenie-Knipser machte in England Schlagzeilen. Vitamin B, wie Beckham, bringt eben immer auch Schlagzeilen.

Diese Komlumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 04/2016 erschienen.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.