immer_wieder_sonntags_kolumne.jpg

Sebastian Sonntag Kolumne
Kolumne: "Immer wieder Sonntag" – von Sebastian Sonntag

Verlorener Zauber beim Fotografieren

Immer wieder Sonntag
02.07.2021

Die technische Entwicklung der letzten Kamera-Generationen ist beeindruckend. Doch sie verschlechtert auch zum Teil die Bildergebnisse. Wo bleibt die Emotion bei stets perfekt scharfen, rauschfreien Bilddateien, die direkt von der Kamera in die Cloud geladen werden?

sebastian_sonntag_portrait.jpg

Sebastian Sonntag

Der Münchner Sebastian Sonntag ist sowohl freier Journalist, als auch Fotograf.

Als ich frisch nach München gezogen bin, traf ich mich mit einem der damals erfolgreichsten deutschen Model-Agenten. Er erzählte mir von einem Shooting mit Jürgen Teller. Irgendwo im Park. Man wartete auf den Starfotografen, der nach ein paar Minuten mit einer Tüte voll Aldi-Einweg-Kameras um die Ecke kam. Kein Mittelformat, keine HMI-Ausleuchtung. Eine Handvoll Euro für die billigsten Kameras auf dem Markt. Die Geschichte ist schon ein paar Jahre her, aber gerade heute hochaktuell. Die technische Entwicklung der letzten Kamera-Generationen ist beeindruckend. Ergänzend zu geringerem Rauschen und schnellen AF-Systemen gibt es Motiverkennung, Motivverfolgung, Wi-Fi, Bluetooth ...

Wo bleiben die Zufälligkeiten?
Die kleinen Unperfektionen? Die Authentizität?

Was mich bei dieser Entwicklung stört, ist, dass das Wesentliche dabei auf der Strecke bleibt: die Kunst, zu fotografieren. Die Beziehung und Spannung zwischen Motiv und Fotografen. Der Zauber, der beim Fotografieren entsteht. Ein Phänomen, das wir leider aus dem Alltag kennen. E-Mail statt Telefonat, Ohrstöpsel statt Gespräch. Wir verdigitalisieren. Auf die Fotografie bezogen, ist das nicht nur traurig, es verschlechtert auch die Bildergebnisse. Wo bleibt die Emotion bei stets perfekt scharfen, absolut rauschfreien Bilddateien, die direkt von der Kamera in die Cloud geladen werden? Wo bleiben die Zufälligkeiten? Die kleinen Unperfektionen? Die Authentizität? Die Konzentration auf den Moment? Wer sich rückbesinnt, für einen Moment seine Spotify-Playlist pausiert und sich wieder die essenzielle Natur der Fotografie ins Herz ruft, kann auch mit einer Ladung Ritsch-Ratsch-Aldi-Kameras oder, für die Digitalfotografen, mit einer 15 Jahre alten DSLR extrem emotionale Bildgeschichten erzählen. Auch wenn er nicht Jürgen Teller heißt.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Sebastian Sonntag

Der Münchner Sebastian Sonntag ist sowohl freier Journalist, als auch Fotograf. In seinen Arbeiten konzentriert er sich auf die experimentelle Seite der Mode- und Beautyfotografie.