Unter den Normalobjektiven gibt es keine Gurken

Warnkes Secondhand Kolumne
18.01.2021

Die universale Festbrennweite, das 50-mm-Normalobjektiv, zwingt einen im Sinne eines Fußzooms zur Bewegung, zur bewussten Gestaltung.

Da steckst du in einer fotografischen Kreativitätskrise, die Bilder sind okay, aber eben nicht berauschend. Der Materialeinsatz ist hoch, das Ergebnis nicht so toll. Deine Zoomobjektive bieten Fotografieren mit viel Komfort. Aber sie verderben auch den geschulten Blick des Fotografen. Klar, in Situationen, in denen Schnelligkeit und Flexibilität gefragt sind, sind diese Objektive nicht zu ersetzen. Kreative Schaffenskrisen sind oft Ausdruck fehlender Kompositionsruhe. Schnelligkeit und Bequemlichkeit bekommen dem Bild nicht gut. Festbrennweiten zwingen den Fotografen zur Kontemplation und Bewegung. Die universale Festbrennweite, das 50-mm-Normalobjektiv, zwingt einen im Sinne eines Fußzooms zur Bewegung, zur bewussten Gestaltung. Das Normalobjektiv ähnelt unserem Sehempfinden, gibt Größenverhältnisse realistisch wieder.

Trotz aller technischen Innovationen,
das Normalobjektiv hat überlebt.

Es ist günstig, lichtstark, scharf und herausfordernd. Selbst die preiswerteren Exemplare sind abbildungsmäßig in Ordnung – es gibt keine Gurken. Normalobjektive üben in der Praxis einen positiven Zwang aus: Sie lassen ein Gespür entwickeln für den richtigen Bildausschnitt, für die Wahl der passenden Perspektive. Durch den beschränkteren Bildwinkel wird Detailflut vermieden, weniger auf dem Bild ist meistens mehr. Geringe Schärfentiefe durch offene Blende ist kreativ einsetzbar; kein Allheilmittel, aber gestalterische Möglichkeit. Der sanfte Vordergrund-/Hintergrundverlauf mit Bokeh-Eindruck – man mag dieses Wort ja kaum noch verwenden – hat schon etwas. Der Anfänger lenkt seine Energie nicht in wildes Rumzoomen, er kann seine Aufmerksamkeit auch auf das Lernen zentraler technischer Grundlagen, die Bedeutung von Zeit, Blende und ISO, richten.
Klar, mit der Beschränkung auf eine Brennweite werden die Fotos nicht automatisch besser. Eine bestimmte Pfanne verbessert auch nicht die Kochkunst. Der Einsatz provoziert aber die besondere Herausforderung, die Anstrengung, die ein befriedigendes Ergebnis erst möglich macht.

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Über den Autor
Winfried Warnke

Vermutlich kennt niemand den Kamera-Gebrauchtmarkt in Deutschland besser als unser Kolumnist und Autor Winfried Warnke: Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit Schätzen aus zweiter Hand. Einmal im Jahr erstellt er für das fotoMAGAZIN den Secondhand-Guide, auch als FOMAG-Liste bekannt. Für unser Technik-Forum schreibt er in jeder Ausgabe die Second-Hand-Kolumne.