Smarte Knipserei

Warnkes Secondhand-Kolumne
04.06.2019

Winfried Warnke über das Smartphone als fotografisches Werkzeug und die ungeheure Bilderflut unserer Zeit.

Die Zahlen imponieren: Alleine die 600 Millionen Instagrammer stellten im Sommer 2016 jeden Tag rund 95 Millionen Bilder ins Internet. 69 Prozent der Bundesbürger über 14 Jahren fotografieren – laut Bitkom Research – mit dem Smartphone, der mit Abstand meistgenutzten Kamera.

Die Fotografie lebt und wir erleben eine Bilderflut wie nie zuvor. Und einen Wandel: einst analog, danach digital und nun smart? Smart ist das neue Zauberwort, alles ist heute irgendwie smart, vom Auto bis zum Vogelhäuschen. Hersteller traditioneller Kameras haben dicke Probleme und versuchen verzweifelt, ihre herkömmlichen Kameras smarter zu gestalten. Die Fantasielosen stehen ohnmächtig den Werbeauftritten der Handyhersteller gegenüber, die versuchen, Fotografie ganz neu zu definieren.

Aber ist die smarte Bildherstellung eine Fotografie im kreativen Sinne?

Aber ist die smarte Bildherstellung eine Fotografie im kreativen Sinne? Die ungeheure Bildermasse ist nicht gleichbedeutend mit echtem Interesse an Fotografie. Es ist eher eine neue Form des Miteinander-Redens, einer Massenkommunikation – „permanently online, permanently connected“, soziale Medien als permanentes Hintergrundrauschen. Schon die bloße Möglichkeit, jederzeit ein Foto machen und teilen zu können, ändert die Situation grundlegend. Der Moment ist entscheidend; Fotos werden produziert und nie wieder angeguckt.

Dieser smarte Klick, besser Kick, vernichtet Privatheit und macht alles öffentlich. Spieglein, Spieglein in der Hand, selbstverliebte Selfies zeugen von weitverbreitetem Narzissmus. Ich bin dabei und alle sollen es wissen. „Rocke dein visuelles Tagebuch“, lautet ein Slogan. Also massenhafte Entwertung der Kunstform Fotografie? Wohl kaum, denn die Knipser gab es schon immer. Unzählige Fotos in unseren Familien-Alben sind nichts anderes als persönliche Dokumentation.

Das Smartphone ist nicht nur Selfie-Maschine und Technik für (un)appetitliche Food-Bilder. Spezielle Foren und Workshops zeugen von etwas Neuem und Aufregendem im fotografischen Kunstbereich. Als fotografisches Werkzeug leben das Smartphone und die traditionelle Fotoausrüstung in friedlicher Koexistenz miteinander.

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 02/2017 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Winfried Warnke

Vermutlich kennt niemand den Kamera-Gebrauchtmarkt in Deutschland besser als unser Kolumnist und Autor Winfried Warnke: Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit Schätzen aus zweiter Hand.  Einmal im Jahr erstellt er für das fotoMAGAZIN den Secondhand-Guide, auch als FOMAG-Liste bekannt. Für unser Technik-Forum schreibt er in jeder Ausgabe die Second-Hand-Kolumne.