Kolumne Zollners Zeilen: Aufmacher

Kolumne Zollners Zeilen: Manfred Zollner
Kolumne Zollners Zeilen: Manfred Zollner
© fotoMAGAZIN

Selfie-Sozialisation

Zollners Zeilen
11.03.2020

Über die junge Smartphone-Generation und zur Schnabel-Schnute verdrehte Lippen zeitgenössischer Selfie-Beauties.

Wenn heute drei Jugendliche versuchen, ein cooles Portrait von sich zu bekommen, wird das Bild mit Sicherheit ein Selfie. Einer der Drei wird lässig und spontan den Arm ausstrecken und wie seine in strammer Pose wartenden Freunde das Gesicht zur Grimasse verziehen. Vielleicht haben diese Kids auch einen Selfie-Stick dabei und knipsen damit aus leichter Distanz, schräg von oben. Wohlmeinende Passanten ohne Selfie-Sozialisation, die bei dieser Gelegenheit anbieten, ein Portrait der Kleingruppe zu knipsen, werden verständnislos und müde lächelnd abgewimmelt. Was will der Alte? Hier hat sich also das Fotografierverhalten in der Öffentlichkeit radikal verändert. Steckt dahinter letztlich der Wunsch, die absolute Kontrolle über das (Selbst-)Bild zu behalten? Will die junge Smartphone-Generation es nun einfach nicht länger Fremden überlassen, wie das im Portrait gespiegelte Ego aussehen soll?

Selfies prägen unser Bild von Schönheit und Smartphones bügeln dabei längst ungefragt unsere Gesichtsfalten weg.

Plötzlich erscheint die Zeit ganz fern, in der man zufällig vorbeieilenden Mitbürgern vertrauensvoll die eigene Kamera in die Hand drückte und sie bat, einmal den Auslöser zu drücken. Mit der nahe ans Gesicht gerückten Weitwinkellinse unserer Smartphones hat sich selbst die Pose der zeitgenössischen Ego-Shooter verändert. Als „Duckface“ hätte selbst der anglophile Großvater der 90er-Jahre allenfalls das Wildlife-Closeup eines Entenschnabels bezeichnet. Heute sind die zur Schnabel-Schnute verdrehten Lippen eine durchaus beliebte Darstellungsform zeitgenössischer Selfie-Beauties.

Selfies prägen unser Bild von Schönheit und Smartphones bügeln dabei längst ungefragt unsere Gesichtsfalten weg. Das nennt sich dann Portrait-Modus und lässt unsere Kopfhaut im Bild strahlen wie ein frisch geschmückter Weihnachtsbaum. Müssen wir wirklich aussehen wie all diese entstellten Photoshop-Damen auf den Titelblättern der TV-Illustrierten – weil das Algorithmen sekundenschnell auch in der Handy-Software erledigen? Vielleicht kommt bald auch der Tag, an dem der heimische „Smart-Mirror“ unser Spiegelbild softwaregesteuert schönt. Eines bleibt jedoch klar: Die Falten in meinem Gesicht verschwinden deshalb nicht!

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.