Kolumne Zollners Zeilen: Aufmacher

Kolumne Zollners Zeilen: Manfred Zollner
Kolumne Zollners Zeilen: Manfred Zollner
© fotoMAGAZIN

Schönheit nebenan

Zollners Zeilen
31.08.2020

Über Invasions-Tourismus und das Fotografieren in der Heimat.

Es konnte einfach nicht exotisch genug sein. Möglichst weit weg mussten die Reiseziele sein: Ein schneller Ausflug mit dem Hubschrauber oder Kleinflugzeug zu einem abgeschiedenen lebenden afrikanischen Volksstamm? Kein Problem. Nordlicht-Phänomene am Abendhimmel, schmelzende Eisberge oder hungrige Eisbären auf Futtersuche? Da hätten wir etwas für Sie. Moderner Invasions-Tourismus war stets problemlos buchbar für den vermögenden Abenteurer – natürlich ohne Motivgarantie, dafür aber mit dem Thrill der drohenden Klimawandel-Katastrophe. Wer weiß, wie lange das noch möglich ist? Diese Frage flog ohnehin schon mit all den Reisenden zu den letzten Paradiesen.

Reise-Raser lassen die besten Bilder meist unbeachtet
am Wegesrand liegen.

Zusätzlich ermutigt wurden die Ethno-Knipser noch durch fotografierende Völker-Verniedlicher wie Jimmy Nelson („Before They Pass Away“), der bereits viel zu lange die Ansicht vertritt, die letzten authentischen, archaisch lebenden Stämme müssten einfach von mehr Zivilisationsbürgern besucht werden, denn ihr Brauchtum könne nur als Folklore überleben. Das ist so, als würde er hierzulande bayerischen Trachtenvereine einreden, Dirndl, Lederhosen und Schuhplatteln hätten als Kulturgut nur eine Überlebenschance, wenn wir sie wöchentlich vor amerikanischen Touristenhorden vorführten.

Im Corona-Jahr 2020 hat sich unsere Idee von Urlaub nun ohnehin radikal verändert. Vorbei war – zumindest in diesem Sommer – der Extrem-Eskapismus vergangener Tage. In den Wochen der Isolation und des Social Distancing hatten viele Zeit, über das Fotografieren in der Heimat nachzudenken. Es lohnt sich durchaus, jetzt vor der eigenen Haustür auf Expedition zu gehen, einmal nicht unter dem Zeitdruck einer Urlaubsreise Motive abzuhaken und Kitsch-Postkarten zu reproduzieren. Reise-Raser lassen die besten Bilder meist unbeachtet am Wegesrand liegen. Bleiben Sie doch mal länger an einem Ort und beobachten Sie die Dinge aus einer attraktiven Perspektive! Was ist eigentlich das Gegenteil von Fernweh – die Sehnsucht nach Nähe? Suchen Sie diese Nähe und Sie werden gute Bilder finden. Gleich nebenan.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.