Schmalz für die Wand

Kolumne Zollners Zeilen
03.07.2015

Wie sich von der Aktfotografie als Sammelobjekt abgewandt wird

Das Bilder-Schmalz des Pixel-Universums – es schmiert das Getriebe des „Kunstbetriebes“ und macht das Geld der Sammler locker. Fotokünstler, die es dosiert einzusetzen wissen, finden mit ihren lieblichen Abbildungen schnell die Medien- und Käufergunst. Mit Bildern wie frischer Maiglöckchenduft oder blütenweiße Spitzenklöppelei. Niedliche Fotos, vollgepackt mit allerlei plumpen Stereotypen, die ästhetisch zu jedem Wohnzimmersofa passen.

Fine Art-Prints wie die kitschigen Babybilder der Australierin Anne Geddes oder die Großtableaus des zeitgenössischen Naturvolk-Inszenierers Jimmy Nelson gehören dazu. Bei Geddes kuschelt sich der niedliche Nachwuchs mit gehäkelter Gemüsekappe in riesige Kürbishälften. Bei Nelson blickt der anmutige Indianer kurz vor Sonnenuntergang in traditioneller Stammeskluft wie Winnetou auf imaginäre Jagdgründe. So sieht sie also aus, die teure neue XXL-Postkartenidylle für den kultivierten Weltbürger.

Eine erträumte Welt der edlen Wilden, der erdigen Landliebe und auch der friedlich schlummernden Säuglinge. Verbunden mit ein paar wärmenden Gedanken über „die Letzten ihrer Art“ oder den „Zauber der Kindheit“ finden diese Fotovisionen problemlos ihre Käufer. Derlei Idyllen des post-industriellen Zeitalters können im Luxus-Eigenheim des betuchten Sammlers gut neben Nick Brandts schwarzweißem Portrait eines satten Geparden im Masai Mara-Nationalpark hängen. Diese stilisierten Idealbilder des modernen Pauschalreisenden haben weltweit enormen Erfolg als bunte Folklore gedanklicher Rundreisen ohne Allrad-Antrieb. Fast ein wenig aus der Mode gekommen scheint bei alledem die Aktfotografie.

Jahrzehntelang hatten hier die barbusigen Top-Models des Pirelli-Kalenders die Proportionen vorgegeben. Brust raus, lasziver Blick mit halb geöffneten Lippen in Richtung Kamera, dazu ein lässiges Lümmeln auf dem Pfauenthron. Echte Schönheiten, mehr oder weniger glamourös arrangiert von Bildermachern, deren exorbitanter Stundenlohn allein schon als Qualitätskriterium herhalten musste. Und jetzt? Erregt sich Anfang Dezember halb Amerika über Angela Strassheims künstlerisches Portrait einer unbekleideten Schwangeren, vermutet angesicht der braven Nacktheit gar Pornographie. Eine werdende US-Mittelstands-Mama ganz ohne trendige Ethno-Nostalgie? So wird das nichts mehr mit der Aktfotografie.

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 02/2015 erschienen.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.