Kolumne Zollners Zeilen: Aufmacher

Kolumne Zollners Zeilen: Manfred Zollner
Kolumne Zollners Zeilen: Manfred Zollner
© fotoMAGAZIN

Salgados "Gold"

Zollners Zeilen
02.06.2020

Über Salgados Bilder der brasilianischen Goldrausch-Ära und die Frage nach dem Glück.

Geld macht nicht automatisch glücklich. Schon klar. Aber mit seiner gewagten These zum Glück und Elend überraschte uns Sebastião Salgado beim Interview im Februar 2020 dann doch. Im Jahr 1986 hatte Salgado im Amazonas-Gebiet beeindruckende Bilder der brasilianischen Goldrausch-Ära geschossen und die alles überragende Reportage seines Lebens fotografiert – voller Fotoikonen, die zum Besten zählen, was der Bildjournalismus des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Seine Aufnahmen der Minenarbeiter in einem 200 Meter tiefen Erdloch der Serra Pelada erinnern an Szenen aus Fritz Langs Stummfilm-Klassiker „Metropolis“. Sie visualisieren perfekt die menschliche Gier nach Gold und seine Bereitschaft zur Selbstausbeutung bei widrigsten Bedingungen. Diese Menschen seien letztlich glücklicher gewesen als der reiche deutsche Single-Unternehmer mit einem satten Bankkonto und dem fetten BMW vor der Haustür, der heute einsam und ohne Freunde in seinem Eigenheim lebt, meint nun Salgado. Denn unter den Minenarbeitern habe er eine echte Gemeinschaft erlebt. Sie seien trotz aller Erniedrigungen gerne an dem Höllenort gewesen.

Dem reichen Wohlstandsbürger des Westens ist es im Zweifelsfall selbst überlassen, sein Glück in der Gemeinschaft zu suchen.

Woran bemessen wir also das Glück? Ist es nicht ohnehin immer nur ein vorübergehender Zustand? Salgados Verallgemeinerung scheint mir zu weit zu gehen. Nicht jeder Schatzsucher in der Serra Pelada hat sein Glück gefunden, nicht alle fanden unter den elenden Arbeitsbedingungen Ausgleich durch das Gefühl von Gemeinschaft. Manche bezahlten das gefährliche Abenteur im Dschungel mit ihrem Leben. Und viele kehrten so arm zurück, wie sie angereist waren. Dem reichen Wohlstandsbürger des Westens ist es im Zweifelsfall selbst überlassen, sein Glück in der Gemeinschaft zu suchen. Ist dieses nicht ohnehin mehr vom persönlichen Charakter abhängig als von einem Bankkonto? Salgados Bildband „Gold“ (Taschen Verlag) lässt uns jedenfalls mit all den Bildern stoisch schwere Lasten schleppender Arbeiter über all das nachdenken. Dem Fotografen hat der mehrwöchige Aufenthalt im höllischen Schlammloch jedenfalls Glück gebracht. Mit seinen Goldgräberfotos wurde er international berühmt. 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.