Public Viewing vor dem Standbild

Kolumne Zollners Zeilen
29.05.2015

Warum es sich lohnt Fotografie-Festivals zu besuchen

Kaum zu glauben: Es gibt ein Leben jenseits der Fußballwelt. Mit gut besuchten Events fern von Caipi & Copacabana. Mit Fanmeilen, Public Viewing und sensationellen Standbildern (man nennt das hier „Ausstellung“) anstelle der nächtlichen TV-Schalte ins Amazonas-Becken. Mit glamourösen Stars, Preisverleihungen und durchaus auch Besuchermassen. Okay, Pokal und Goldlametta-Regen fehlen. Und anstelle der Kanzlerin reist allenfalls die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten an. Fußballweltmeisterschaften sind nur alle vier Jahre. Fotofestivals gibt es dafür gefühlt alle vier Wochen. Zingst, Oberstdorf, Hannover locken im deutschen Sommer, dann packt die Branche den Koffer für die große Auslandsreise.

Was Cannes, Venedig und Berlin für die Filmwelt, sind Arles, Madrid und Houston für die Fotografie. Hier mag vielleicht kein roter Teppich ausgebreitet werden. Selbst Top-Events wie die Rencontres d ́Arles oder PHotoEspana in Madrid sind dafür deutlich zugänglicher. Fotoamateure erleben hier Starfotografen tagsüber im Workshop, lauschen ihnen Abends beim Vortrag und begegnen ihnen möglicherweise nächtens noch am Tresen einer Bar. Für den gut verdienenden Business-Manager und ambitionierten Hobby-Fotografen ist das durchaus verlockend. Manch einer sammelt heute Promi-Namen wie andere Besuche im Sterne-Restaurant: „Ich war bei Nadav Kander im Nordic Light-Workshop!“ Klingt doch gut.

Die Festivalszene ist längst ein internationaler Wanderzirkus – mit französischen Festivalleitern in China, mit polnischen Chefkuratoren in Hamburg und Bonnern in Texas. Derlei Festivals bieten ihren Besuchern deutlich mehr als Star-Events mit exzessiv betriebener Bilderschau. Hier trifft sozusagen die Haute Couture der Fotozunft auf Leute, die sich ihre Klamotten sonst selbst schneidern. Bei Festivals erleben Sie intensiv, was die Faszination Fotografie heute wirklich ausmacht. Sie begegnen der kreativen Vielfalt des Mediums, hören die Geschichten hinter den Fotos. Und ganz beiläufig lernen Sie den Charakter der Fotografen jener Fotoikonen kennen, die Sie schon immer bewundert haben. Falls unbedingt nötig, können Sport-Junkies am Ende des Tages dann immer noch heimlich im Hotel etwaige Fußballübertragungen ansehen.

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 09/2014 erschienen.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.