Migräne-Posen

Kolumne Zollners Zeilen
31.07.2015

Was getan werden sollte, damit kein Krankheitsbild entsteht

Warum wirken eigentlich so viele Frauen auf Studioaufnahmen von Amateuren, als wären sie gerade Opfer eines Migräneanfalls geworden? Medizinisch betrachtet erscheint die Angelegenheit angesichts der Kreativideen ihrer sogenannten „Portraitisten“ durchaus verständlich. Die Aufnahmesituation gäbe schon genug Grund zu Kopfschmerzen.

Fällt denn tatsächlich vielen Fotografen nichts Besseres ein, als ihre Models bei der Aufnahme zu nötigen, den Handrücken an die Stirn oder Schläfe zu legen? Ganz so, als wolle man einen baldigen Ohnmachtsanfall vortäuschen. Derlei gymnastische Minimal-Künstelei wirkt heute ungefähr so natürlich, als ob Sie Ihren Hamster zum Handstand zwingen würden. Diese Verklemmtheiten der Portrait- und Aktfotografie werden unbedarften Anfängern tatsächlich noch in manchen Lehrbüchern und Workshops vermittelt. Gerne nötigt man die Frau dort auf witzigen Schaubildern auch zur „Amphoren“-Pose: Hände auf die Hüfte gestützt, Ellbogen nach außen gebeugt, Hohlkreuz – und jetzt bitte die Brust raus! So missrät garantiert die anmutigste Anatomie zur ebenso unvorteilhaften wie unbequemen Henkelfigur.

Vielleicht sind diese seltsamen Verrenkungen des Yoga-Zeitalters ja noch immer eine Spätfolge jener „Akademien“ des 19. Jahrhunderts, die eine fotografische Auseinandersetzung mit dem Körper in einen vermeintlichen Kunstkontext zwangen. Und erscheint es nicht tatsächlich wie bei mancher antiken Marmorstatue, wenn das Model nun würdig wie Venus auf dem Sofa lümmelt? Ehrlich gesagt: Nein! Überspringen Sie doch einfach 150 Jahre Zeit- und Fotogeschichte und versuchen Sie es mal mit ein wenig Natürlichkeit.

Es ist schwierig genug, in einer Studiosituation mit all den Leuchten und ihren technischen Herausforderungen jene Augenblicke zu finden, in denen sich Ihr Model gerade öffnet. Eine ehrliche Geste, ein Moment der Besinnung, eine alltägliche Situation sind aussagekräftiger, als wenn Sie jemand in Krampfposen erstarren lassen. Konzentrieren Sie sich auf die Frau vor Ihnen, kommunizieren Sie und vergessen Sie mal für einen Augenblick das ganze Gerede vom Goldenen Schnitt und perfekten Bildaufbau. Dann gelingen Motive, nach deren Betrachtung man nicht dem Model Schmerztabletten verabreichen möchte.

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 06/2015 erschienen.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.