Mehr Sein als Schein: Welcher Gattung Sammler gehören Sie an?

Warnkes Secondhand-Kolumne
01.02.2016

Mal ehrlich: Welcher Gattung Sammler gehören Sie an? Konzentrieren Sie sich eher auf wertsteigernde Kameras, oder ist Ihnen der persönliche Bezug zur Marke wichtig? Winfried Warnke über den Reiz des Sammelns alter Ost-Boliden

Klar: Wer hätte nicht gerne eine repräsentative Leica-Sammlung!? Auch von Rollei- oder Zeiss-Museen wären wir gerne der Besitzer. Vitrinen voller historischer Leica-Dokumente, das wäre als würden die Wände mit einer Reihe von Picassos geschmückt. Epochal, sündhaft teuer und statusbringend – welch eine Traumwelt.

Aber nicht nur die  Protz-Marken haben ihren Reiz. Anders als beim elitären Sammeln, wo oft die Geldanlage im Vordergrund steht, hat das Zusammentragen von Massenkameras durchaus seinen Reiz. Dafür brauchen wir keine Nobel-Marken. Entscheidend ist ein persönliches Moment, ein Bezug zur Marke.

Was heißt schon wertvoll?
Der Wert ist die persönliche Freude,
das Abtauchen in Geschichte, der dingliche Genuss.

Was Wetzlar, Oberkochen und Braunschweig für den Westen, ist kamerahistorisch Dresden für den Osten. Pentacon Dresden hat fast neun Millionen Praktica-Kameras gebaut, mit Abstand die meisten Spiegelreflexkameras in Deutschland. Jahrzehntelang war der Osten Praktica-Land. Viele ältere engagierte Amateurfotografen sind durch Prakticas fotografisch sozialisiert worden und haben die Faszination der SLR-Fotografie gerade durch diese Marke kennengelernt. Also: Prakticas sind geradezu prädestinierte Sammelobjekte. Diese Ost-Boliden haben sämtliche deutsche Nachkriegsetappen vom volkseigenen Betrieb 1949 bis zum Wende-Durcheinander 1991 dokumentarisch begleitet, sie sind deutsche (Kamera-)Geschichte pur.

Es ist nicht nur die Masse, die fasziniert. Prakticas standen auch für technische Meilensteine. Knüller waren das legendäre M42-Objektivanschluss-Gewinde, selbst von den Japanern Praktica-Gewinde genannt, und 1965 die erste europäische Spiegelreflex – Praktica mat – mit TTL-Belichtungsmessung, als Leitz mit der Leicaflex noch mit simpler Außenmessung hantierte. Die Praktica LLC arbeitete 1969 sensationell erstmalig mit einer elektronischen Blendenübertragung über Kontakte zum Gehäuse.

Anders als beim elitären Sammeln,
wo oft die Geldanlage im Vordergrund steht,
hat das Zusammentragen von Massenkameras
durchaus seinen Reiz.

Sammler suchen Struktur – die Praktica-Baureihe bietet sie mit vier klar abgegrenzten Grundtypen. Viele der passenden Objektive sind optische Knaller: Zeiss-Ost steht für die Traumnamen Flektogon, Tessar, Sonnar. Meyer-Görlitz ist objektivmäßig wieder in aller Munde. Praktica-Sammler bekommen viel Masse fürs Geld: Zehn verschiedene Gehäuse für 150 Euro sind ein klasse Einstieg in diese faszinierende Historienwelt, für 1000 Euro bekomme ich schon eine Sammlung musealer Ausmaße.
Was heißt schon wertvoll? Der Wert ist die persönliche Freude, das Abtauchen in Geschichte, der dingliche Genuss. Das bringen Praktica, Agfa und Voigtländer auch.

 

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe  fotoMAGAZIN 07/2015 erschienen.

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Über den Autor
Winfried Warnke

Vermutlich kennt niemand den Kamera-Gebrauchtmarkt in Deutschland besser als unser Kolumnist und Autor Winfried Warnke: Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit Schätzen aus zweiter Hand.  Einmal im Jahr erstellt er für das fotoMAGAZIN den Secondhand-Guide, auch als FOMAG-Liste bekannt. Für unser Technik-Forum schreibt er in jeder Ausgabe die Second-Hand-Kolumne.