Kameras mit Patina

Warnkes Secondhand-Kolumne
21.08.2020

Über echte Patina und Retro-Look. Kameras mit Shabby Chic sind gefragt.

Die natürliche Alterung kann metallische Oberflächen veredeln. Patina an Kameras ist für die einen Beleg für runtergekommenes, altes Zeug, für die anderen Dokument eines bewegten Arbeitslebens voller faszinierender Erzählungen. Abgewetzte Messing­ecken beweisen fotografische Aktivität; alt aussehen, aber über die Anmut des Alters verfügen. Dies gekoppelt mit Nostalgie bei den persönlichen, biografischen Schätzchen: unbezahlbar. Auch auf Außenstehende üben diese Black-Beauty-Bodys besonderen Reiz aus.

Heute droht schon in der Kamera-Pubertät die Verrentung.

Retro- und Patina-Look sind gefragt. Die Shabby-Welle – als Auswuchs dieses Trends – soll scheinbar Geschichte dokumentieren, nachgemachte Alterung ist Teil geschickten Marketings: Leica legte 2015 eine Sonderedition „M-P Set Correspondent by Lenny Kravitz for Kravitz Design“ auf, die mit per Hand herausgearbeiteten Gebrauchsspuren bei Gehäuse, Objektiven, Koffer und sogar Trageriemen daherkam. 22.500 Euro für den „used look“ waren kein Schnäppchen und sorgten für Spott. Die „stone washed“ Leicas waren trotz Vergangenheitsschummelei schnell ausverkauft. Für Leica-Modelle mit echter Patina aus den 50er-, 60er- Jahren zahlt der Sammler heute Traumpreise. Gerade bei personifizierten Altteilen werden preisliche Schamgrenzen schnell überschritten: Eine Patina-strotzende Leica MP aus dem Jahre 1955 des „Life“-Fotografen D. D. Duncan wurde 2017 bei einer Auktion für knapp 1,7 Millionen Euro versteigert – knapp zwei Kilogramm Kamera im Gegenwert von über 30 Kilogramm Gold. Echt-Patina-Look gibt es heute aber auch preiswert. Eine schwarze Asahi Pentax oder Canon FTb mit schönen Gebrauchsspuren aus den 60er-/70er-Jahren kostet heute mit Objektiv nicht mehr als 100 bis 200 Euro.

Damals konnten Kameras während langer Produktionszyklen noch Patina ansetzen. Heute droht schon in der Kamera-Pubertät die Verrentung. Die schwarze Kunststoffhülle zeigt keine Patina, nur hässliche Abnutzung, Risse statt Beulen. Junge Leute können ihre eigene Patina-Geschichte wohl nur mit digitalen Luxusmodellen schreiben.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Winfried Warnke

Vermutlich kennt niemand den Kamera-Gebrauchtmarkt in Deutschland besser als unser Kolumnist und Autor Winfried Warnke: Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit Schätzen aus zweiter Hand. Einmal im Jahr erstellt er für das fotoMAGAZIN den Secondhand-Guide, auch als FOMAG-Liste bekannt. Für unser Technik-Forum schreibt er in jeder Ausgabe die Second-Hand-Kolumne.