Holga muss gehen

Zollners Zeilen
12.02.2016

Über den Charme einer Plastik-Kamera und die Schönheit ihrer unvollkommenen Bilder

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Die Holga 120GN in schwarz

Und so sieht sie aus, die Holga. Neben der Farbe schwarz wurde der analoge Plastik-Klassiker in vielen weiteren Farben hergestellt: rot, grün, neon-bunt oder auch gelb

© Lomographic Society International

Kameras werden eher selten wegen ihrer Fehler gekauft. Bei der Holga war das immer anders. Die analoge Phantastic Plastic-Knipse wurde und wird gerade wegen ihrer kleinen Macken und Fehler geliebt, die ganz eigenständige Bilder fern des Mainstreams produzieren. Ja, ihre Linse verzerrte und vignettierte wie der Blick durchs leere Bierglas nach der zweiten Starkbiermaß. Zugegeben: Durch ihr billig gepresstes Plastikgehäuse drangen oft Lichtstreifen auf den Rollfilm, der ohne improvisierte Hilfsmittel ziemlich lose im Gehäuse wabbelte. Dieser Hongkonger Knipskasten hatte wirklich seine Launen und einen ziemlich störrischen Charakter. Der zeigte sich vielleicht nicht ganz so ausgeprägt wie bei der ebenso kultigen, zickigen Toy Camera-Schwester Diana, aber genug, um sie zum Liebling der Künstler zu machen.

Amerikanischen Fotoschülern hat man früher
Holgas und Dianas in die Hand gedrückt, damit sie erst einmal sehen lernen.

Die Holga fotografierte so, als ob wir einen bekifften Marshmallow-Mann als Fotografen für einen Hundegeburtstag angeheuert hätten. Freundschaften mit Holga mussten häufig eine komplizierte Gewöhnungs- und Testphase durchleben. Könnte sie sprechen, wäre manche Begegnung im Streit auseinander gegangen. Doch Holga schwieg. Schwieg als das Analogzeitalter zu Ende ging. Und sie schwieg, als die Digital Natives das Analog-Schätzchen für sich entdeckten.

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Holga Bildbeispiel Unschärfe, Vignette, Light Leaks
© Anne Schellhase

Plötzlich schien es, als würde sie mit jeder schrägen neuen Aufnahme auf Zelluloid ziemlich ironisch und total entschleunigt in unsere Digitalwelt blinzeln. Das gefiel der hippen Generation Lomo. Amerikanischen Fotoschülern hat man früher Holgas und Dianas in die Hand gedrückt. Damit sie erst einmal sehen lernen und dabei nicht von technischem Krimskrams abgelenkt werden.

Nun soll also nach über 33 Jahren wirklich Schluss sein. Die Produktionsstätten stehen seit November 2015 leer, die Fertigungsmaschinen wurden bereits entsorgt. Nicht nur Fotokünstler wie Sylvia Plachy und Michael Ackerman werden jetzt trauern und Ersatz finden müssen. Noch gibt es letzte Exemplare im Fotohandel, doch spekulative Hamsterkäufe wie einst bei Polaroid haben längst begonnen. Mit dem Verschwinden der Holga aber endet für viele eine Langzeitbeziehung. Ciao, Bella!

 

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 2/2016 erschienen.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.