Gemeinschaft: Gesprächskultur in Fotoforen

Warnkes Secondhand-Kolumne
28.05.2018

Foren dienen nicht nur zum produktbezogenen Austausch, sondern befriedigen nicht selten Gelüste einer gewünschten Hierarchie. Winfried Warnke über die Gesprächskultur in Fotoforen.

Der Mensch ist ein geselliges Wesen. Haben sich früher Gruppen zu Interessensgemeinschaften zusammengetan, um dann bei gelegentlichen Treffen in direktem Kontakt über ihre Hobbys zu fachsimpeln, so findet diese Kommunikation heute in den entsprechenden Foren statt. Was so überzeugend klingen mag – erfahrene Fachleute helfen unbedarften Neulingen, Experten vertiefen ihr Wissen – ist in den meisten Foto-Foren keine Realität. Denn eigentlich sind die harten Spezies lieber unter sich. Der Ton gegenüber den Unwissenden ist überheblich bis beleidigend. Anfänger-Bashing verschafft der Experten-Gruppe tiefste Befriedigung. Diese Gemeinschaft schafft eher Gemeinheiten denn Hilfe.

Die Moderatoren der Foto-Foren sind Heilige. Sie sind für das Niveau des Mediums verantwortlich.

In Foren, die das Bild als Zentrum haben, ist der Ton moderater, aber auch belangloser. Gefälligkeitskommentare oder oberflächliche Pauschalkritik dominieren. Konstruktive Kritik oder wirklich inhaltlich-ästhetische Auseinandersetzungen sind die Ausnahme. Dafür müsste sich die Kommentarsprache grundsätzlich ändern. Das Facebook-Niveau liefert dem Leser keine substanziellen Hilfen. Sprachliche Diffamierungen nehmen zu – das Forum als Mittel zum Aggressionsabbau.

Die techniklastigen Foren pflegen andere Macken: Technik dient oft als Selbstzweck. Geräte und banalste Inhalte werden von Dauer-Postern endlos debattiert. Schnell wird auch klar, die Kamera ist nicht Mittel zum Zweck, sondern Technik-Spielzeug. Das gute Foto ist ein technisch perfektes; abfotografierte Backsteinwände bilden die erfüllenden Motivschwerpunkte.

Die Moderatoren der Foto-Foren sind Heilige. Sie sind für das Niveau des Mediums verantwortlich. Aber ihr Vorgehen, Aussprechen von Verwarnungen und Foren-Verbot ist oft nicht nachvollziehbar und Kritik unerwünscht. Foren-Ordnungen lesen sich eher wie Gesetze diktatorischer Regime. Dabei hätten sie es in der Hand, Foren zu helfenden Orten zu machen, die auch den anspruchsvollen Diskurs lieben. Wäre es nicht sinnvoller, sich mehr Zeit zum Fotografieren zu nehmen, statt die Zeit vor dem Rechner mit permanentem Kommentieren zu verbringen?

 

Dieses Interview ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 07/2016 erschienen.

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Über den Autor
Winfried Warnke

Vermutlich kennt niemand den Kamera-Gebrauchtmarkt in Deutschland besser als unser Kolumnist und Autor Winfried Warnke: Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit Schätzen aus zweiter Hand.  Einmal im Jahr erstellt er für das fotoMAGAZIN den Secondhand-Guide, auch als FOMAG-Liste bekannt. Für unser Technik-Forum schreibt er in jeder Ausgabe die Second-Hand-Kolumne.