Gebrauchtmarkt: typische Macken analoger Kameras

Warnkes Secondhand-Kolumne
22.03.2017

Wie unterscheide ich solide Gebrauchte von altem Elektroschrott? Mit einem Kennerblick lassen sich unerwartete Schätze finden und typische Macken analoger Kameras eruieren. Wir verraten, worauf Sie achten sollten

Einige Fotobörsen-Händler schleppen ihren Apparate-Schrott seit Jahren von Börse zu Börse, verbreiten rumpelige Flohmarktatmosphäre und wundern sich, dass diese Haufen anwachsen. Kisten, randvoll gefüllt mit defekter oder unverkäuflicher Ware, stehen im harten Kontrast zu den gepflegten Glasvitrinen mit hübschen, wertigen Gebrauchtschätzen.

Die soliden, alten Schinken der letzten 50 bis 60 Jahre sind gut von den qualitativen Problemkindern zu unterscheiden. Hier die quasi unkaputtbaren Erzeugnisse, dort die Produkte mit schweren, typischen Macken. Poröse Tuchverschlüsse, tote Selen-Belichtungsmesser, defekte Zentralverschlüsse bei den Sucherkameras der 50er- und 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts, marode Lichtdichtungen bei vielen analogen Spiegelreflexen und sich verabschiedende Elektronik – bei den meisten Geräten aus der Anfangszeit der Automatisierung – sind häufige Ausfallgründe.

Mechanik ja, Elektronik nein, so lautet das Erfolgsrezept für solide Gebrauchtware aus der analogen Zeit.

Selbst Nobelmarken haben ihre Sorgenkinder. Leica R4-Reflexen kennen heute große Elektronik-Probleme, Canon T90-Modelle werden unbenutzbar, wenn die Pufferbatterie leer ist. Bei der legendären Ur-Minox 35 versagen in der Regel der Verschluss und die Belichtungssteuerung. Wohl alle Rolleiflex SL35 E sind kaputt, seit jeher gab es Elektronikprobleme, so auch bei den Prakticas der Bajonett-Baureihen. Die Canon AE-1 Program ächzt beim Auslösen asthmatisch. Nikon F3- und F4-Modelle markieren genau den wunden Punkt hinsichtlich Solidität. Die Mechanik arbeitet einwandfrei und die Belichtungssteuerung ist kein Problem; kaputt sind oft die Displays im Sucher – unreparierbar und damit das Todesurteil für die Kameras.

Die wohl solideste Kamera des letzten halben Jahrhunderts stellt die Nikon F2 dar. Ihre puristische Variante mit Prismensucher, die F2 Eyelevel, schlägt qualitativ die restliche Kamerawelt. Die Pentax Spotmatic gehört auch in die Spitzengruppe, wenn man Ersatzbatterien findet. Auch der Panzer Konica T3 ist kaum zu zerstören. Mechanik ja, Elektronik nein, so lautet das Erfolgsrezept für solide Gebrauchtware aus der analogen Zeit. Denkt man diesen Satz für unsere digitale Ära fort, dann steht es schlecht um wertige Gebrauchtkameras in den nächsten Jahrzehnten.

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 05/2016 erschienen.

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Über den Autor
Winfried Warnke

Vermutlich kennt niemand den Kamera-Gebrauchtmarkt in Deutschland besser als unser Kolumnist und Autor Winfried Warnke: Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit Schätzen aus zweiter Hand. Einmal im Jahr erstellt er für das fotoMAGAZIN den Secondhand-Guide, auch als FOMAG-Liste bekannt. Für unser Technik-Forum schreibt er in jeder Ausgabe die Second-Hand-Kolumne.