Gebrauchtmarkt: Preis-Träumereien und Realitätsverlust

Warnkes Secondhand-Kolumne
06.10.2015

Was getan werden sollte, um Auktionsfrust zu entgehen

Ramsch-Ware überschwemmt den Secondhand-Fotomarkt. Ob auf Fotobörsen oder bei ebay-Auktionen, überall wimmelt es vor unverkäuflichem Zeug. Beim seitenweisen Scrollen durch die Auktionsangebote erschlagen einen diese Gebraucht-Grausamkeiten förmlich. Mehr als die Hälfte der ebay-Fotoauktionen endet mit null Geboten. Ob nun gebrauchte Fototaschen, Diaboxen, uralte Filter oder Dunkelkammerzubehör, die Tendenz zur Vermüllung ist unübersehbar.

Für diese Objekte müsste es neben den bekannten Zustandskategorien noch die Rubrik „Schrott“ geben. Auch in den Angebotsbereichen „Objektive“ und „Ferngläser“ wird haufenweise minderwertige Massenware angeboten. Ob nun Tchibo-Ferngläser oder Nullachtfünfzehn-Zooms der Gruselmarken Carenar, Hanimex oder Presenta, alles soll noch unters Volk gebracht werden. Alte Kameras scheinen mit dem Nimbus des Wertvollen verbunden, anders ist es nicht zu erklären, dass die Preisgestaltung derart danebenliegt. Vaters alte analoge SLR-Ausrüstung, damals unter finanziellen Opfern bei Neckermann oder Quelle erworben, hat schwer beeindruckt – doch deren Wert geht gegen Null. Das verklärende Bezeichnen mit Klassiker, Vintage oder Sammlerobjekt vernebelt die Wertlosigkeit vieler Objekte. Anzeigentexte erreichen hier oftmals satirisches Format. Oder ist es schlichtweg Gier, wenn der Weg zu Auktionen führt und nicht zum Mülleimer?

Der Foto-Secondhand-Markt ist nicht der Entsorgungsplatz für sogenannte Dachbodenfunde. Trödelmärkte wären gerade noch eine Alternative. Selbst bei noch marktfähiger Ware liegt der gewünschte Mindestpreis oft im Bereich des Utopischen. Ältere digitale Reflexen finden durchaus als Einstiegskameras ihre Abneh- mer, aber gerade hier verderben Preis-Träumereien oftmals das Verkaufsklima. Neuware ist so preiswert geworden, dass ältere Gebrauchtware nur zu Spottpreisen verkäuflich ist.

Ein Blick in bewährte Preisführer, wie dem fotoMAGAZIN Secondhand-Guide, schafft eine realistischere Preisgestaltung und bewahrt vor Auktionsfrust. Wenn der emotionale Wert der alten Sachen hoch ist, weil sie mit schönen Erinnerungen verbunden sind oder geerbt wurden, dann ist die Vitrine der richtige Ort – nicht der Secondhand-Markt.

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 08/2014 erschienen.

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Über den Autor
Winfried Warnke

Vermutlich kennt niemand den Kamera-Gebrauchtmarkt in Deutschland besser als unser Kolumnist und Autor Winfried Warnke: Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit Schätzen aus zweiter Hand.  Einmal im Jahr erstellt er für das fotoMAGAZIN den Secondhand-Guide, auch als FOMAG-Liste bekannt. Für unser Technik-Forum schreibt er in jeder Ausgabe die Second-Hand-Kolumne.