Fotofreunde

Zollners Zeilen
01.02.2016

Über eine längst verdrängte Spezies leidenschaftlicher Bildermacher

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Der letzte „Fotofreund“ verschwand so um das Jahr 1992. Vielleicht kannten Sie ihn. Er war der kleine Bruder des Amateurs, des „Fotoliebhabers“, ein engagierter, durchaus leidenschaftlicher Bildermacher. Der „Fotofreund“ galt als geselliges Wesen der vergangenen Analog-Welt, das sich gerne Donnerstagabend bei Wurstsalat und Bier in sogenannten Fotovereinen traf, um mit bedeutungsvoller Gesichtsmimik Punktwertungen für gute Fotografie zu vergeben. Irgendwann erging es ihm wie den „Kapellen“ in der Musikbranche und alten Weggefährten wie dem „Segelfreund“: Die Menschen mieden seine Gegenwart, weil sie mit seinem Engagement das Sektierertum einer kauzigen Rentnerbande in Verbindung brachten. Ja, plötzlich war der „Fotofreund“ ein wenig aus der Zeit gefallen.

Sollten Sie im Internet nach verbliebenen „Fotofreunden“ suchen, werden Sie wohl noch einige finden. Lassen Sie sich davon nicht irritieren: In Regionen mit schlechtem Handyempfang und noch schlechterer Mediennutzung soll es eine Art Zombie-Version des „Fotofreundes“ geben. Der Untote wurde bisweilen selbst bei manchen Großstadt-Fotomarathons gesichtet.

Der zeitgenössische Nachfolger des "Fotofreundes"
ist jünger, hipper und attraktiver: Er drückt seine Begeisterung durch "Likes" aus und ist dank
Social Networks auf der ganzen Welt zu Hause.

Niemand hat je einen Nekrolog verfasst, der die Verdienste des Fotofreundes so richtig würdigte. Dafür gibt es einen guten Grund. Sein gut situierter zeitgenössischer Nachfolger ist in Wahrheit ein hipper amerikanischer Verwandter, ein „Friend“ mit virtuellem Wohnsitz bei Facebook und anderen Social Networks. Dessen Zuneigung manifestiert sich in Likes und der international anerkannten Daumen-hoch-Geste. Der Facebook-Freund ist jünger, attraktiver und aktiver als unsere alten „Fotofreunde“. Bei Instagram hat er eine weitere Spielwiese für sein Hobby gefunden. Dieser amerikanische Freund erinnert uns bisweilen daran, dass der alte „Fotofreund“ ein echter Pionier war. Einer mit gut vernetzter Community und – zugegeben – etwas nüchtern in Bildbewertungsskalen vermittelten Ansichten. Vermutlich ist heute nur der gute Wurstsalat am Donnerstagabend auf der Strecke geblieben. Während wir den „Gefällt mir“-Button am Smartphone drücken, bleibt eben selten Zeit für derlei Mahlzeiten.

 

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 11/2015  erschienen.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.