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Rechtskolumne Motivschutz
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FokusFotorecht: Der Motivschutz

Unsere Kolumne um das Thema Recht & Fotografie
27.01.2016

Die Situation gibt es häufig: ein Fotograf hat sich ein besonders schönes und ausgefallenes Motiv ausgesucht und einen speziellen Blickwinkel für sein Foto gefunden. Wenig Zeit später stößt er auf eine fast identische nachgestellte „Kopie“ seines Fotos. Muss ich es als Fotograf dulden, dass ein anderer mein Foto nachstellt?

Rechtsanwalt und Kolumnenautor Robert Golz

Rechtsanwalt und Kolumnenautor Robert Golz

Robert Golz, LL.M. ist Partner bei HÄRTING Rechtsanwälte und Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht mit einer Liebe zur Straßenfotografie. In seiner anwaltlichen Praxis begegnen ihm Fragen rund um das spannende Gebiet „Fotorecht“ in den unterschiedlichsten Gewändern, vom Persönlichkeitsrecht, über Vertragsgestaltung wie Model-Release- und Lizenzverträge, bis hin zu Urheberrechtsverletzungen.

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Kürzlich hat sich auch das VICE-Magazin im Zusammenhang mit dem Fotografen Tyler Shields, einem besonders erfolgreichen Vertreter seiner Kunst,  diese Frage gestellt. Und tatsächlich erinnern viele seiner Fotografien und sogar Fotoserien stark an die früheren Werke anderer Künstler. In dem Artikel werden die Fotografien ihren vermuteten Vorbildern gegenübergestellt. Shields selbst soll sich nicht nur von jeder Form der Kopie freigesprochen, sondern auch eine Inspiration durch andere Werke und Künstler ausgeschlossen haben. Dies ist jedenfalls schwer zu glauben, legt man die Fotografien nebeneinander. Wie seine Werke aber rechtlich zu bewerten sind, steht auf einem anderen Blatt Papier. 

Die Frage hat schon des Öfteren die deutschen Gerichte beschäftigt. Ihre eindeutige Beantwortung fällt jedoch schwer. Klar ist, dass dies kein Fall der zulässigen „Doppelschöpfung“ darstellt, denn die zeitlich nachfolgende Aufnahme erfolgte in Kenntnis des Originals. Bei der Doppelschöpfung fertigen hingegen zwei Fotografen unabhängig voneinander übereinstimmende Fotos, rein zufällig, an. Klar ist auch, dass hier nicht  von der schnöden Vervielfältigung eines Fotos, also der klassischen Kopie eines Fotos die Rede ist.

Dem Grunde nach kennt das deutsche Urheberrecht weder einen Motivschutz, noch den Schutz einer Idee. Schutz erlangt nach dem Urheberrecht stets nur das verkörperte Werk selbst, also das konkrete Foto. Aber selbst eine zum Werkinhalt gewordene Idee ist nicht geschützt, wenn sie zum Gemeingut gehört. Kein Fotograf kann etwa Naturereignisse wie Sonnaufgänge monopolisieren. Aber auch der Schutz eines bloßen Fotokonzeptes, etwa eines „ready mades“, z.B. die in diversen Fotos wiederkehrende „rote Couch“ des Künstlers Horst Wackerbath, scheidet aus. Dass eine rote Couch im Foto arrangiert wird kann niemand untersagen.

Was der Fotograf jedoch untersagen kann, ist die unfreie Bearbeitung seines Fotos.  Diese ist abzugrenzen von der freien Benutzung. Letztere ist nur dann anzunehmen, wenn das neue Werk gegenüber dem benutzten Werk selbständig ist. Maßgebend hierfür ist der Abstand, den das neue Werk zu den entlehnten eigenpersönlichen Zügen des benutzten Werks hält. Eine freie Benutzung setzt voraus, dass angesichts der Eigenart des neuen Werks die entlehnten eigenpersönlichen Züge des geschützten älteren Werks verblassen.

Die Grenze der freien Benutzung kann bei der Fotografie dort erreicht sein, wo die Auswahl des Motivs, des Bildausschnitts sowie der Perspektive besonders ungewöhnlich sind.

Hier spielt sogar einmal die Unterscheidung zwischen dem einfachen Lichtbild, also jeder beliebe Schnappschuss, und dem Lichtbildwerk, die künstlerisch schöpferisch geschaffene Fotografie, eine praktische Rolle, denn das Lichtbild, gewährt Schutz gegen die Übernahme nicht in dem Umfang wie das Lichtbildwerk.

Für die Abgrenzung zwischen unfreier Bearbeitung und freier Benutzung kommt es maßgeblich darauf an, welche Elemente der Originalfotografie übernommen wurden und ob diese geschützt sind. Wie bereits ausgeführt dürfen gemeinfreie Elemente aus einem Lichtbildwerk stets übernommen werden. Hierzu zählen regelmäßig eben die Wahl eines bestimmten Motivs oder einer bestimmten Perspektive sowie der Einsatz einer bestimmten fotografischen Technik. Die Grenze der freien Benutzung kann jedoch bei der Fotografie dort erreicht sein, wo die Auswahl des Motivs, des Bildausschnitts sowie der Perspektive besonders ungewöhnlich sind. Das gleiche gilt für die Übernahme stilistischer Elemente wie Licht und Schatten, Kontrastgebung, Bildschärfe, Überschneidungen und Überblendungen, der  Wahl des richtigen Moments bei Bewegungsabläufen oder Portraits unter Verwendung von Filtern und besonderen Linsen, der Retusche oder Fotomontagen.

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Rechtskolumne Motivschutz
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Je eigentümlicher sich die Originalfotografie darstellt und je weniger sie auf bekannte Gestaltungsformen zurückgreift, desto weiter reicht ihr Schutzbereich. Je geringer also der Einfluss ist, den der Fotograf auf die bildliche Fixierung seines Motivs ausübt, weil er es z.B. nicht besonders arrangiert hat, sondern es mehr oder weniger unverändert abbildet, wie dies bei Gebäuden und fest mit dem Grund verankerten Objekten häufig der Fall sein wird, so geringer ist der Schutz des Fotos gegen eine Nachstellung.

Die Beantwortung der Frage, ob eine unfreie Bearbeitung oder eine freie Benutzung vorliegt erfordert also einen Vergleich des Originals mit dem nachgeschaffenen Foto. Hierbei ist sodann nur auf die Übereinstimmungen und nicht auf die Unterschiede zwischen den Fotos abzustellen. Anregungen sind gestattet.  Die eigene kreative Arbeit soll sich der „Nachschaffer“ hingegen durch die Übernahme nicht ersparen.

Je eigentümlicher sich die Originalfotografie darstellt und je weniger sie auf bekannte Gestaltungsformen zurückgreift, desto weiter reicht ihr Schutzbereich.

Wie schwer dieses Urteil zu treffen ist, wird auch an den Fotografien von Herrn Shields deutlich. Die verglichenen Motive (siehe Verlinkung) des Dreierkusses und der Frau, die in der Wand verschwindet, zeigen ungewöhnliche Motive. Beim zweiten Fotopaar (der Frau, die in der Wand verschwindet) ist das Motiv besonderes ausgefallen. Dafür ist die allgemeine Ähnlichkeit beim ersten Fotopaar (der Kuss zu dritt) wesentlich höher. Durch die spiegelverkehrte Darstellung der Person und die gänzlich andere Wandfarbe entfernt sich das Foto des Herrn Shields wohl jedoch noch in ausreichendem Maße, so dass von einer freien Benutzung auszugehen sein dürfte. Bei dem ersten Fotopaar könnte es sich in der Tat um eine unfreie Bearbeitung handeln. Die Übereinstimmungen hinsichtlich Farbe, Motiv, Perspektive und Bildausschnitt haben in jedem Fall ein kritisches Maß erreicht.

Aber auch wenn das strenge Urheberrecht keinen Schutz gewährt kann der Fotograf unter Umständen aus dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) gegen die Nachahmung vorgehen, nämlich wenn neben die Nachahmung noch ein unlauteres Verhalten des Nachahmers tritt, etwa wenn er die für die Nachahmung erforderlichen Kenntnisse oder Unterlagen auf unredliche oder unter Verletzung einer Geheimhaltungsvereinbarung erlangt hat.

 

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Härting Rechtsanwälte - Fokus Recht
Über den Autor
Härting Rechtsanwälte

Fotografen haben Rechte und manchmal auch Pflichten. Die Anwälte Marie Slowioczek und Robert Golz aus der Kanzlei Härting Rechtsanwälte erklären in ihrer Kolumne Fokus Fotorecht neue Gesetzesentwürfe, stellen populäre Irrtümer richtig und bringen Licht ins Dunkel bei Fragen rund um die Fotografie.