Die Jimmy Nelson Foundation: eine gute Idee?

Zollners Zeilen
13.03.2017

Mit seinen Portraits indigener Völker vermag Nelson Wichtiges zu leisten. Sein neues Vorhaben – die Jimmy Nelson Foundation – geht dennoch einen Schritt zu weit. Wir erklären Ihnen, warum

Reisen bildet, behauptet der Volksmund hartnäckig. Tatsächlich kann der Kontakt mit fremden Kulturen im Idealfall sicher dazu beitragen, dass individuelle Vorurteile abgebaut und Verständnis für andere Länder und Nationen aufgebaut werden.

Dem britischen Starfotografen Jimmy Nelson mag man nur beste Absichten unterstellen, wenn er jetzt sein Lebensprojekt verwirklicht und die letzten indigenen Völker weltweit auf seine sehr eigene, ästhetische Art inszeniert und portraitiert. Nelson ist ein genialer Kommunikator, einer der es glänzend versteht, sein sehr persönlich geprägtes Projekt „Before They Pass Away“ international zu promoten und uns auf Volksstämme aufmerksam zu machen. Egal, wie man zu seinen epischen, monumentalen Bildwerken steht: Diesem Mann ist mit einem ästhetischen, stets positiven Ansatz gelungen, was Generationen von Bildjournalisten davor nicht vermocht haben. Er hat eine große Öffentlichkeit erreicht und schafft Bewusstsein für die heutige Situation dieser Völker.

Ist es denn wirklich eine Lösung, in Zeiten eines modernen Kulturkolonialismus den letzten verbleibenden Urvölkern Pauschaltouristen in die Hütten zu schicken?

Jetzt gründet er eine Stiftung, die einen Schritt weiter gehen möchte. Sein Gedanke: Nelson möchte dazu beitragen, dass möglichst viele diese in Abgeschiedenheit lebenden Menschen besuchen und sie fotografieren. In unserer globalisierten Welt wäre der Kontakt zu Außenstehenden sowieso unvermeidlich. Mag sein, doch das Propagieren eines expansiven Volksstamm-Tourismus wird diese Entwicklung nur stark beschleunigen.

Ist es denn wirklich eine Lösung, in Zeiten eines modernen Kulturkolonialismus den letzten verbleibenden Urvölkern Pauschaltouristen in die Hütten zu schicken? Werden sie künftig mehr Bezug zu ihren Traditionen finden, wenn sie täglich zur vollen Stunde die alte Stammestracht anziehen und gegen Bezahlung Volkstänzchen im Bast-Rock aufführen? Oder wird ihnen nicht ziemlich schnell ihr Habitat wie eine Art Ethno-Zoo vorkommen? Derlei offensive Besuchspläne machen aus Traditionen stereotype Klischeebilder im kulturellen Durchlauferhitzer.

 

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 12/2016 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.