Der Zahn der Zeit

Warnkes Secondhand-Kolumne
01.02.2016

Alt werden ist beschwerlich. Auch an Kameras geht dieser Prozess nicht spurlos vorbei. Winfried Warnke über Alterserscheinungen bei Kameras

Nach einem arbeitsreichen Kameraleben gibt es Verschleiß an allen Ecken und Kanten. Es sind nicht die Beulen und Schrammen, die Sorgen machen, sondern der echte Materialverschleiß, die abgenutzte Mechanik, die das Ende nahen lässt. Diese Arbeitspatina dokumentiert eine erlebnisreiche Zeit. Das ist der Lauf der Dinge. Aber auch Nichtstun schützt vor Alter nicht. Diese bittere Erkenntnis machen Kamera-Sammler Jahr für Jahr. Da werden die geliebten Objekte geputzt und sorgfältig präsentiert, den Verfallsprozess hält es nicht auf.

Mit der Elektronisierung der Kameras begann
die Epoche der absoluten Endlichkeit.

Traumatisierende Erfahrungen kommen regelmäßig vor: Was gestern noch funktionierte, ist heute kaputt. Diese zerstörende Kraft der Zeit ist nicht aufzuhalten. Gerade jüngere Sammlerobjekte, schon mit Elektronik gefüllt, sterben an Organversagen, wenn es der Chip nicht mehr macht. Durchblutungsstörungen, elektrische Kontaktprobleme, führen zu Totalschäden. Aber auch die mechanischen Alten haben mit Verfallserscheinungen zu kämpfen. Kamera-Inkontinenz, im Sinne von sich auflösenden Lichtdichtungen, ist leider Alltag. Und das Hauptübel mechanischer (Compur-) Verschlüsse, ihre Verharzung, weist alle Anzeichen von Arthrose auf: Nichts geht mehr.

Nicht alle Probleme gelten sehr alten Sammlerkameras. Sich auftuende Altersfalten, also Probleme mit der Kamera-Außenhaut, sind eher neueren Datums. Die Contax SLR-Modelle und neuere Nikon-Typen sehen schon nach kurzer Gebrauchszeit alt aus. Typisch für die Krankheiten bestimmter Modellreihen ist auch der Canon-Keuchhusten. Bei den Canon A-Modellen waren verharzte Spiegelbremsen die Ursache für diese asthmatischen Erscheinungen. Auch frühere Profi-Modelle bleiben vom Niedergang nicht verschont. Die Nikon F3, eigentlich ein robuster mechanischer Bolide, und die Nikon F4 haben ihre elektronischen Beschwerden. Mit der Zeit verabschieden sich die Displays für die Anzeige der Belichtungszeit, nicht heilbar, da inzwischen Ersatzteile dafür nicht mehr existieren.

Sich auftuende Altersfalten, also Probleme mit der
Kamera-Außenhaut, sind eher neueren Datums.

Mit der Elektronisierung der Kameras begann die Epoche der absoluten Endlichkeit: Nicht mehr lieferbare Energiequellen und fehlende Ersatzteile führen zu Totalschäden. Defekte Mechanik ist in der Regel reparierbar, wenn auch unter großem Aufwand, eine Wiederbelebung wird hier meistens geschafft. Und es gibt sie, die Typen, die scheinbar nie defekt sind: Zwei Extreme im Gebrauchtmarktwert, die Praktica FX(2) aus der Mitte der 50er-Jahre und die erste Nikon F (ab 1959) mit reinem Prismensucher, sie gelten quasi als unkaputtbar.

 

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 10/2015 erschienen.

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Über den Autor
Winfried Warnke

Vermutlich kennt niemand den Kamera-Gebrauchtmarkt in Deutschland besser als unser Kolumnist und Autor Winfried Warnke: Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit Schätzen aus zweiter Hand.  Einmal im Jahr erstellt er für das fotoMAGAZIN den Secondhand-Guide, auch als FOMAG-Liste bekannt. Für unser Technik-Forum schreibt er in jeder Ausgabe die Second-Hand-Kolumne.