Der letzte Akt

Kolumne Zollners Zeilen
24.04.2015

Ist der fotografierte Kunst-Akt wirklich nicht mehr en vogue? Alles Quatsch: Die erotische Fotokunst wird jetzt einfach zum politischen Protestbild. Und zeigt neues Potenzial für den Krieg gegen den Terror

Aktfotos sind out, behauptete neulich das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Nackt war gestern. Heute sei eben alles erzählt über den enthüllten Body in der Fotografie. Im Zeitalter des anonymen Nobody aus dem Net dominiert dieser Tage allerorts der ambitionslose, mehr oder weniger erotische Amateur-Akt.

Die Kunst übt hingegen die Körperverhüllung oder schwelgt in kopflastigen Abstraktionsideen. Burkas statt Busen – künftig auch bei uns? Es gäbe durchaus andere Verwertungsmöglichkeiten für die fotografierten Kunstkörper, fern des deutschen Galerienalltags.

Nehmen wir die Popmusik als Vorbild: Britney Spears´ Hits werden mittlerweile am Horn von Afrika als lärmender Piratenschreck der britischen Marine eingesetzt. Per Lautsprecher-Beschallung sollen dort muslimische Raubritter auf Hoher See mit „Oops! I did it again“ vergrätzt werden. Derlei Liedgut steht schließlich für die Dekadenz der Kultur des Westens.

Sisley Werbekampagne Terry Richardson

Sisley Werbekampagne Terry Richardson

Sisley-Kampagne von Terry Richardson als provokantes Kampfmittel gegen Piraten?

@ Sisley/Richardson

Mein Vorschlag: Vielleicht könnten flankierend dazu großflächig vergrößerte Erotikaufnahmen eingesetzt werden? Ich denke da an Richardsons Werbesex alter Sisley-Plakate, LaChapelles XXL-Kitsch oder gar an Salgados textilfreien Ethno-Pathos. Kunst als Waffe!

Überhaupt: Der Akt erfreut sich doch dieser Tage als Instrument der (Protest-)Politik größter Beliebtheit. Muss nicht bald jeder Politiker damit rechnen, dass selbst fadeste Presseevents durch die mit Fettstiften bekritzelten Protest-Busen der Femen sinnlich angereichert werden?
So wandert die Erotik eben vom Feuilleton zum News-Ressort der Fotoredaktionen.

Liebhaber der erotischen Fotokunst, grämt Euch nicht!

Richtig „out“ ist bekanntlich schon die Vorstufe zu ziemlich „hip“. Schließlich ist die Aktfotografie ein Genre wie Portrait und Landschaft, in dem unterschiedliche Gesellschaftsverhältnisse und technische Herangehensweisen immer neue künstlerische Ansätze mit sich bringen.

Besucht bei Entzugserscheinungen einfach Weihnachten den Kölner Dom. Vielleicht springt dann ja wieder eine Oben-ohne-Aktivistin fürs Foto-Happening auf den Altar...

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 3/2014 erschienen.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.