Das Wunder - Polaroid

Warnkes Secondhand-Kolumne
21.06.2016

Die Kunstform Polaroid lebt. Polaroid-Kameras, einst Loser des Gebrauchtmarkts, sind heute große Gewinner 

Der Gebrauchtmarkt ist radikal: Was technisch veraltet ist, fliegt raus. Nur ganz wenige Klassiker, wie zum Beispiel Leicas, Rolleiflexen oder Zeiss-Objektive, behaupten ihre Preisposition in diesem gnadenlosen Umfeld. Was erst mal an Marktbedeutung verloren hat, ist weg vom Fenster.

Anders Polaroid: Die technisch anspruchsvolleren Polaroid-Sofortbildkameras erleben eine wahre Renaissance. Lagen diese vor Jahren noch in der Ramschkiste, so boomt heute die Nachfrage gerade nach technisch einwandfreien Modellen. Diese Rückbesinnung auf eine besondere Kunstform der Fotografie ist nachvollziehbar und überzeugend, denn die Sofortbild-Technologie fasziniert – gerade in ihrer technisch vollendeten Form der Polaroid SX-70-Reihe aus den 70er-Jahren. Abdrücken, Bild auswerfen, warten, fertig ist das sichtbare Bild. Gerade diese Teilhabe am Werdeprozess, wenn das Motiv Gestalt annimmt, lässt ein besonderes Verhältnis zum Bild entstehen. Und: Es gibt nur dieses Original, ein Unikat der erlebten Realität. Kein Wunder, dass heute die Polaroid-Fotografie zum Kultfaktor aufsteigt.

Im Zeitalter der digitalen Massenfotografie sind die unverwechselbaren kleinen, einmaligen Bilder mit dem markanten weißen Rahmen vielleicht die analogste Form der Fotografie. Nachdem nun dank der österreichischen Firma Impossible Project auch die Filmfrage geklärt ist, sind die alten Polaroid SX-70-Kameras Renner auf dem Gebrauchtmarkt und erzielen in den anspruchsvolleren Varianten Gebrauchtpreise jenseits der 100-Euro-Grenze.

Diese Kameras faszinieren auch technisch: Im zusammengeklappten Zustand eher an ein Taschenbuch erinnernd, entpuppt sich die SX-70 entfaltet als geniale Kamera mit doppelseitigem Spiegel, der das Bild vom Objektiv in den Sucher und nach Auslösung hochgeklappt auf den Film lenkt. Das Surren des motorisch ausgeworfenen, belichteten Papierbilds ist ihr Markenzeichen. Die Kunstform Polaroid lebt und nicht als Aktion von Retro-Verirrten, sondern durch eine spezifische Ästhetik, die gerade die Unberechenbarkeit und Einmaligkeit der Bildergebnisse zum Ziel hat.

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 12/2013 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Winfried Warnke

Vermutlich kennt niemand den Kamera-Gebrauchtmarkt in Deutschland besser als unser Kolumnist und Autor Winfried Warnke: Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit Schätzen aus zweiter Hand.  Einmal im Jahr erstellt er für das fotoMAGAZIN den Secondhand-Guide, auch als FOMAG-Liste bekannt. Für unser Technik-Forum schreibt er in jeder Ausgabe die Second-Hand-Kolumne.