Das Orakel vom Selfie

Kolumne Zollners Zeilen
15.05.2015

Jetzt kann sich endlich jeder auch im Pseudohipster-Kaufhaus Urban Outfitters Selfies kaufen. The Selfie ist hier ein ziemlich sperriger schwarzer Fernauslöser in der Größe eines Elektrorasierers, der sich per Kabel mit neueren iPhones verbinden lässt. Toll!

Hatten wir nicht gerade erst gelernt, dass der gestreckte Arm ein typisches Kennzeichen zeitgenössischer Selfie-Darsteller ist? So versucht nun manch einer, Kapital aus einem Fototrend zu schlagen, der dieser Tage selbst die US-Politik beschäftigt. Dort wird jetzt ernsthaft über ein Selfie-Verbot für Barack Obama diskutiert.

Nicht etwa, weil bei dem Weltmann eine gewisse Fotosuchtgefahr bestünde, sondern weil ein Technologieunternehmen mit einem Selfie geworben hatte, auf dem der smarte US-Präsident abgebildet war.

Was lernen wir daraus? Überlegt Euch, mit wem Ihr dieser Tage ins Smartphone grinst. Und warum!
Wer partout nicht grinsen will, weicht derzeit gerne auf Belfies aus (Butt Selfies, das heisst Bilder vom eigenen Hintern), gerne auch Welfies (durchaus themennahe Workout-Selfies im Fitness Studio) oder seltsame After-Sex-Selfies mit dem/der Lebensabschnittspartner/in.

 

Ist das Selfie also nichts weiter als eine per Smartphone vollzogene Form des Lifetrackings? Zu einem Zeitpunkt, an dem strenge Persönlichkeitsschutz- Bestimmungen das öffentliche Fotografieren regulieren, setzt zumindest die voyeuristisch gesinnte Welt große Hoffnungen in das freiwillig geschossene Selbstportrait.

Beautys wie die Popdiva Beyoncé posten heute bereits kurz nach dem Aufwachen ihr erstes Selbstbildniss mit sinnlich wuscheliger Haarpracht. Wer braucht da noch Paparazzi und moderne Drohnentechnik? Promis grinsen bei Oscar- oder Romy-Verleihungen grenzdebil ins Smartphone, als wärs ihr Garderobenspiegel.

 

Ein von Beyoncé (@beyonce) gepostetes Foto am

 

Oder sie regen sich tatsächlich noch wie Karl Lagerfeld über die Selfie-Sucht als eine Art „digitaler Masturbation“auf. Wie konnte sich übrigens dieser infantile Gaga-Name durchsetzen, nachdem über Jahrhunderte ein „Selbstportrait“ gut genug war? Wenn Sie im Restaurant ein Wiener Schnitzel bestellen, kämen Sie doch nie auf den Gedanken, ein Schnitzie zu ordern.

Falls das so weiter geht, drohen uns demnächst noch Nose-ups (Endoskopische Nasenbilder) und Boastraits (Angeberportraits). Das war jetzt hoffentlich keine Prophezeihung!

Und Vorsicht: Manche Selfies sind lebensgefährlich ;)

 

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 7/2014 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.