Burhan Ozbilicis: Fakten & Fiktion eines Siegerbildes

Zollners Zeilen
03.07.2017

Über visuelle Darstellungsformen im Zeitalter der „alternativen Fakten“ und die Ästhetik des World Press Photos 2017 von Burhan Ozbilicis

Ist die sogenannte Wirklichkeit bereits vollends fiktionalisiert? Kopiert das sogenannte „wahre Leben“ jetzt auf übelste Art die Drehbücher Hollywoods? An realen Locations, mit ähnlichen Dresscodes, aber mit Laiendarstellern in den altbekannten Rollen.

Burhan Ozbilicis World Press Photo 2017 wirkt wie ein Filmstill aus einem Quentin Tarantino-Film. Wir beobachten einen wild gestikulierenden Terroristen im schwarzen Maßanzug in einem Galerieraum Ankaras. Soeben hat er den russischen Botschafter ermordet. Die Bildkomposition erscheint wie eine ästhetisierte Gewaltphantasie. Hier wurde nichts nachträglich stilisiert. Hier repliziert ein Mörder den Gestus einer klassischen Szene des Action-Genres. Er gibt den „Natural Born Killer“. In ein paar Sekunden werden ihn Polizeibeamte töten.

Das „wahre“ Foto gibt es nicht. Es war schon immer eine Lüge.

Wir wissen aus Roberto Savianos „Gomorrha“-Sachbuch, dass auch italienische Mafiabosse Al Pacinos Filmauftritt in „Scarface“ imitierten. Der absurde Rollentausch von Fiktion und Wirklichkeit scheint neuerdings auch politisch probat. Die amerikanische Politik gleicht dieser Tage immer stärker einer neuen Folge der TV-Serie „House of Cards“.

Die Frage, die sich beim aktuellen Pressefoto des Jahres stellt, ist jedoch: Darf ein Pressefoto so aussehen? Darf es stumpfe Gewalt derart ästhetisieren und thematisieren? Presse-Ethiker warnen. Die Medienschelte scheint mir hier unberechtigt. Der Associated Press-Fotograf Ozbilicis hat einen Moment gefunden, in dem sich Hollywood-Klischee und Wirklichkeit vermengen. Einen Moment, der nebenbei perfekt die Krise des Fotojournalismus visualisiert: Das „wahre“ Foto gibt es nicht. Es war schon immer eine Lüge.

Die Diskussion über visuelle Darstellungsformen im Zeitalter der „alternativen Fakten“ ist wichtig. Was kann ein Pressefoto leisten? Wann wirkt es womöglich entlarvend? Ozbilicis Attentatsfoto lässt uns in einer Zeit, in der News-Fotos allzu oft nur apathisch konsumiert werden, unsere Reaktionen hinterfragen. Wir müssen wieder lernen, uns über die Täter und deren perverse Gewalt-Szenarien zu entrüsten, nicht über die Bildästhetik.

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 04/2017 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.