Kolumne Zollners Zeilen: Aufmacher

Kolumne Zollners Zeilen: Manfred Zollner
Kolumne Zollners Zeilen: Manfred Zollner
© fotoMAGAZIN

Biester, Bären & Bescheuerte

Kolumne Zollners Zeilen
26.06.2015

Welche Risiken in kauf genommen werden, damit Selfies nicht langweilig werden

Arme Promis. Musste es wirklich soweit mit Euch kommen? Hollywood-Star Kirsten Dunst hat es in einem brutalen „Aufklärungsvideo“ der ganzen Welt gezeigt: Leinwand-Helden sind heute jenseits des Kinos nicht mehr, als eine akzeptable Staffage für die Selfies des gemeinen Bürgers. Sie dürfen lächelnd neben dem Handy-Knipser stehen, falls dieser auf sie zukommt. Keiner spricht mit ihnen, kaum jemand will ein Autogramm. Was für ein Leben. Nach dem Motto: „Ich bin ein Star – wird Zeit, dass ich mal wieder ein Foto von mir mache“ sucht jeder nur noch nach passenden Kulissen. Stars gelten dabei noch als vorzeigbar.

Bisweilen nimmt das Fotocasting für den perfekten Bildbegleiter tollkühne Ausmaße an. So zeigt sich neuerdings selbst der naturnahe US Forest Service besorgt. Und warnt vor den zunehmend beliebteren Bären-Selfies. Richtig gelesen: Bären-Selfies! Durch das dichte Gehölz von Amerikas Nationalparks streifen dieser Tage scheinbar allerlei Selfiedioten, deren zoologische Bildung mit dem Wissen um alte Yogi Bär-Cartoons endet. Besorgnis erregende Nachrichten dringen aus den Wäldern um Lake Tahoe zu uns, die von geistesarmen Touristen berichten. Ganz im Gedanken an das perfekte Selfie scheinen sich die Fotoabenteurer dem dort lebenden Braunbär derart penetrant zu nähern, dass Förster im US-Bundesstat Nevada darüber nachdenken, ob der öffentliche Zugang zu einigen Waldgebieten verboten werden sollte.

In diesem Zusammenhang sollte auch der russische „Spiderman“ Kirill Oreshkin und seine Kletterkameraden erwähnt werden. Kirill und Co. erklimmen seit 2008 als Freeclimber Moskaus Wolkenkratzer, um an dortigen Gebäudespitzen hängend den Blick auf die Welt unter ihren Turnschuhen zu knipsen. Das Abgrund-Selfie bringt als eine Art „Formel 1 der Fotografie“ neben dem ordentlichen Adrenalinschub an der zugigen Hausfassade reichlich Klicks bei den sozialen Netzwerken.

Angesichts von derlei Draufgängertum bleibt das Selfie mit Mega-Star tatsächlich noch harmlos. Fragt sich, wann nach hunderttausenden Duckface-Posen und anderen sich öffnenden fotografischen Abgründen das öffentliche Interesse am Selbstportrait schwindet? Oder könnte es sein, dass Facebook, Instagram und Co. ohne diese mehr oder minder possierlichen Beweislasten schlichtweg zu langweilig wären?

Diese Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 01/2015 erschienen.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.