Aus Alt mach Neu: Werfen Sie einen Blick in Ihre alten Fotoalben

Zollners Zeilen
25.01.2017

Warum es sich lohnt, mal so richtig im alten Bildermüll zu wühlen und dabei vielleicht sogar ganz gezielt nach fotografischen Fehlern zu suchen

Jeden Tag werden irgendwo in Deutschland alte Fotoalben entsorgt! Kistenweise entledigen sich die Bundesbürger ebenso bedenkenlos alter Dias. Wer braucht diese noch, wo doch jetzt alles digital im Computer ein neues Zuhause gefunden hat? Also nichts wie weg damit! In den muffigen Fotoalben der 1920er-Jahre finden sich meist Bilder von Menschen und Orten, die heute ohnehin keiner mehr kennt. Könnte man meinen. Doch im Zeitalter des Kurators haben jetzt immer mehr Menschen Spaß dabei, diese alten Fotoalben etwas genauer zu betrachten.

Leute wie der holländische Werbefachmann Eric Kessels. Kessels Grundidee: Heute ist sowieso schon jedes Bild mal geknipst worden. Da lohnt es sich, lieber im Bildermüll zu wühlen, als alte Ideen zu reproduzieren. So sucht und katalogisiert Kessels. Er hat dabei gelernt, den fotografischen Fehler lieben zu lernen. Etwa, wenn ein Autofahrer am Straßenrand ein Reh im Dämmerlicht knipst. Und das Blitzlicht seiner Billigkamera sich in den Augen der Tiere spiegelt. Kessels hat davon nicht nur ein Motiv, sondern Dutzende. Auf riesiges XXL-Ausstellungsformat vergrößert sieht seine Ansammlung von trüb gefärbten Blink-Bambis aus wie ein trunkener Besuch auf einem fremden Planeten.

Was zählt, ist Ihre Phantasie als Sammler

Derlei Fotos lauern überall auf uns. Sie wollen nur gefunden werden in all den Bilder-Friedhöfen. Dort können Sie mit etwas Glück auch jene Schwarzweiß-Portraits von Zoobesuchern entdecken, die in einer scheinbar fernen Zeit mit ziemlich unentspanntem Gesichtsausdruck Löwenbabys streichelten. Ja, es gab tatsächlich mal andere Vorstellungen von Streichelzoos. Die Löwenbaby-Bilder sind derzeit eines meiner liebsten Sammelthemen.

Am Ende des Katalogisierens und Archivierens steht ein Gedanke, den wir seit Andy Warhols Pop-Factory lieben gelernt haben: In der Multiplikation bekommt das Alltägliche oft wunderbar absurde Konnotationen. Was zählt, ist Ihre Phantasie als Sammler. Die Multimedia-Künstlerin Bennie Flores Ansell schneidet beispielsweise aus alten Dias Formen und Muster und verwendet sie skulptural. Schenken auch Sie alten Fotos neues Leben!

 

Dieses Kolumne ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 09/2016 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.