Anhäufungssyndrom

Warnkes Secondhand-Kolumne
05.06.2020

Über technische Aufrüstung und kreative Krisen.

Klar, das fehlende lichtstarke Objektiv ist schuld, dass die Fotos nicht so geworden sind, wie man sich das vorgestellt hat. Mit dem Supertele wären die Aufnahmen im Zoo ganz anders geworden. Es gibt unendlich viele Gründe, den fotografischen Fuhrpark weiter aufzustocken. Wer kennt nicht den Drang, fotografische Ausrüstung kaufen und wohl auch anhäufen zu wollen. Dieses Ausrüstungs-Anhäufungs-Syndrom ist rational nicht mehr erklärbar, wenn dieses Habenwollen einen derartigen Stellenwert einnimmt, dass man überhaupt nicht mehr zum Fotografieren kommt.

Unkontrollierter Konsum führt  schnell
zur Anhäufungsfrustration.

Nun muss beim Hobby zum Glück nicht alles genau hinterfragt werden, die Lust an neuen Technik-Spielsachen braucht niemand zu rechtfertigen, stundenlanges Studieren von Testberichten kann typbedingt sehr befriedigend sein. Die technische Seite der Fotografie ist dann aber nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern luststeigernder Selbstzweck. Das ist in Ordnung – Schärfe, Auflösung und Detailwiedergabe sind faszinierende Größen, machen in der Regel aber nicht das gute Bild aus.

Wer aber glaubt, durch technische Aufrüstung seine kreativen Krisen überwinden zu können, geht einen gefährlichen Weg. Der begrenzende Faktor liegt doch oft beim Fotografen: Fehlende Muße und gedankliche Klarheit, geringes technisches Wissen und unzureichende ästhetische Kompetenz schlagen auf das Bildergebnis viel stärker durch als Ausrüstungslücken. Es ist schon sehr bequem, alles auf Ausrüstungsmängel zu schieben. Unkontrollierter Konsum führt dann schnell zur Anhäufungsfrustration.
Selbsthilfe-Gruppen helfen da nicht weiter. Die Bewältigung kreativer Schaffenskrisen muss beim Ursprung ansetzen: Nicht Ausrüstungsmängel sind verantwortlich für meine schlechten Fotos. Das richtige Objektiv gerade nicht dabeizuhaben ist Folge meines überbordenden Equipments. Etwas mehr Minimalismus und lernbare Kompositionskompetenz bringen einen weiter. Und für die belastende Technikmasse gibt es ja den Gebrauchtmarkt.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Winfried Warnke

Vermutlich kennt niemand den Kamera-Gebrauchtmarkt in Deutschland besser als unser Kolumnist und Autor Winfried Warnke: Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit Schätzen aus zweiter Hand.  Einmal im Jahr erstellt er für das fotoMAGAZIN den Secondhand-Guide, auch als FOMAG-Liste bekannt. Für unser Technik-Forum schreibt er in jeder Ausgabe die Second-Hand-Kolumne.