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© Warren Richardson – Hope for a New Life

World Press Photo-Sieger Warren Richardson

Über den Paparazzo-Stil seines Siegerbildes und die Kraft von Dokumentarbildern
19.02.2016

Ein Exklusiv-Interview mit Warren Richardson, dem World Press Photo-Sieger 2015. Der Australier spricht über die Begleitumstände seines dramatischen Flüchtlingsbildes, das er in einer Vollmondnacht des vergangenen Sommers an der serbisch-ungarischen Grenze fotografierte

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Warren Richardson Portrait Startseite

Warren Richardson arbeitete als Paparazzo, bevor er zum Bildjournalismus kam. Der Australier fand als Autodidakt zur Fotografie. Am 18. Februar 2016 wurde sein Bild in Amsterdam als Press Photo of the Year ausgezeichnet

© Ildiko Fulop

fotoMAGAZIN: Wann hat man Ihnen eigentlich mitgeteilt, dass Sie den World Press Photo Award in diesem Jahr gewonnen haben?
Warren Richardson: Vergangenen Samstag. Sie haben mich mit dieser Nachricht aufgeweckt: Ich war gerade im Tiefschlaf, als sich mein Telefon plötzlich in den Vibrier-Modus stellte ...

fotoMAGAZIN: Haben Sie zum ersten Mal Bilder bei diesem Wettbewerb eingereicht?
Richardson: Richtig! Das machte übrigens meine Lebensgefährtin. Sie saß eines Tages am Computer und sagte mir: Ich werde jetzt eines deiner Bilder hochladen, denn du solltest wirklich mehr Anerkennung bekommen. Ich verdanke ihr also viel.

fotoMAGAZIN: In den Tagen, als Sie Ihr Siegerbild machten, wurden Sie in Ungarn inhaftiert.
Richardson: Ja, man verhaftete mich, verprügelte mich und sperrte mich 20 Stunden ein.

fotoMAGAZIN: Wie kamen Sie aus dieser Situation wieder raus?
Richardson: Ich habe viel und schnell geredet. (grinst) Ich war aber überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass man mich prügeln würde und ich lügen musste. Dabei hatten die mich praktisch an der Grenze entführt! So habe ich das jedenfalls gesehen.

fotoMAGAZIN: Ist das in der Nähe der Stelle passiert, an der Sie Ihr Siegerbild fotografierten?
Richardson: Vielleicht einen halben Kilometer entfernt.

fotoMAGAZIN: Waren Sie zum Zeitpunkt der Aufnahme an der Grenze und warteten, was dort passierte? Oder folgten Sie den Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Ungarn?
Richardson: Ich konnte mich lediglich in dieser Region bewegen, konnte hier keine Gesetze brechen.

fotoMAGAZIN: Wie viel Zeit haben Sie also mit den Flüchtlingen verbracht?
Richardson: Ich habe dort vier bis fünf Tage mit den Flüchtlingen gelebt. In diesem Zeitraum sind etwa 20.000 Menschen über die Grenze gegangen.

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World Press Photo 2015 von Warren Richardson

Das World Press Photo des Jahres 2015: Es zeigt einen Flüchtling, der sein Baby durch den Stacheldrahtzaun an der serbisch-ungarischen Grenze reicht. Warren Richardson machte die Aufnahme in der Vollmondnacht zum 28. August 2015 gegen drei Uhr. Er arbeitete hier ohne Blitz, sonst wären die Grenzbeamten auf die Flüchlinge aufmerksam geworden

© Warren Richardson – Hope for a New Life

fotoMAGAZIN: Haben Sie später versucht, Kontakt zu dem hier abgebildeten Vater aufzunehmen?
Richardson: Von dem Mann auf diesem Foto kenne ich nicht einmal den Namen. Ich habe ihn nur in diesem kurzen Moment am Grenzzaun gesehen, als er nach seinem Kind griff. Jetzt, wo dieses Bild bekannt ist, wird sicher jemand versuchen, ihn zu finden. Ich hoffe, dass das gelingt und würde ihn gerne wiedertreffen. Hoffentlich hat sich das Risiko, das er auf sich genommen hat, gelohnt.

fotoMAGAZIN: Haben Sie eine Ahnung, wie lange der Mann damals schon unterwegs war?
Richardson: Einige aus seiner Gruppe sagten,  sie seien seit einem Monat auf der Straße, andere erzählten etwas von acht Monaten auf der Flucht. Ich habe mit Flüchtlingen gesprochen, die vier Tage ohne Rast auf Achse waren. Sie wollten so schnell wie möglich weiter.

Einige Flüchtlinge wollten zunächst nicht fotografiert werden. Ich sage ihnen immer, dass diese Bilder später in den Geschichtsbüchern landen werden.

fotoMAGAZIN: War es bei Ihrer Arbeit ein Problem, dass Sie die Gesichter dieser Menschen ablichteten, die gerade illegal versuchten, in das Land zu kommen?
Richardson: Einige wollten zunächst nicht von mir fotografiert werden. Ich sage ihnen immer, dass sie ein Teil der Zeitgeschichte sind und diese Bilder später in den Geschichtsbüchern landen werden. Die meisten Leute schnaufen dann tief durch und erlauben mir, sie zu fotografieren. Falls das jemand trotzdem ablehnt, respektiere ich das.

fotoMAGAZIN: Sie haben über einen längeren Zeitraum Flüchtlinge abgelichtet. Haben Sie heute eine andere Einstellung dazu?
Richardson: Unbedingt! Ich liebe diese leidenschaftlichen Menschen. Sie wissen zu lachen und zu weinen: sie sind eben sehr emotional. Vergessen Sie nicht, dass sie überhaupt nichts mehr besitzen. Oft haben sie nichts mehr dabei, als die Kleider am Leib. Manche ließen ihre Rucksäcke an der ungarischen Grenze zurück, weil sie nur noch ihr Kind tragen wollten.

Man sollte öfter auf das Gute sehen,
was von diesen Leuten kommt, nicht auf die negativen Dinge. Heute entsteht eine richtige Paranoia.

fotoMAGAZIN: Welche Meinung haben Sie heute zu der Medienberichterstattung über die Situation der Flüchtlinge?
Richardson: Ich denke, dass die Leute nicht nur einen Aspekt betrachten und auch nicht generalisieren sollten. Man sollte öfter auf das Gute sehen, das von diesen Menschen kommt, nicht auf die negativen Dinge. Heute entsteht eine richtige Paranoia. Am Ende haben wir doch alle das Recht, auf diesem Planeten zu leben.

fotoMAGAZIN: Warum sind Sie eigentlich Fotojournalist geworden?
Richardson: Wir alle haben unsere Talente, ob das nun ein Talent als Fotograf, als Redner oder Sänger ist. Dieser Preis hat mir gezeigt, wer ich bin. Die World Press-Jury hat mir jetzt mit der Wahl meines Bildes bewiesen, dass das, was ich mache, richtig ist.

fotoMAGAZIN: Die Schauspielerin Sienna Miller hat Sie vor einigen Jahren angezeigt, weil Sie Paparazzi-Fotos von ihr gemacht hatten, die sie nackt am Filmset zeigten. Was war da passiert?
Richardson: Ich habe ziemlich lange Celebrities fotografiert. Ehrlich gesagt trägt auch mein World Press-Siegerfoto eine Menge von einem Paparazzi-Foto in sich: Ich habe mein Objektiv hochgehalten, den Autofokus auf dem Objektiv ausgeschaltet und dieses Bild geschossen. Dahinter steckt eine Aufnahmetechnik, die ich als Paparazzo gelernt habe.  Ich habe auch gelernt, mein Equipment auf das Nötigste zu reduzieren.

fotoMAGAZIN: Warum arbeiten Sie heute nicht mehr als Paparazzo?
Richardson: Unter anderem wegen des Sienna Miller-Prozesses. Ich war der Sündenbock und keiner ist mir beigesprungen. Das hat mir nicht gefallen. Mit mir saßen noch zwei weitere Typen im Auto, die mitverdienen wollten. Ich sagte noch: das Bild hat Zündstoff. Wir brauchen unbedingt Rechtshilfe. Wir hatten vereinbart, dass Juristen das Foto prüfen. Dann  haben Sie das Bild einfach veröffentlicht, viel Geld damit verdient und mich als Schuldigen hingestellt.

Ehrlich gesagt trägt mein World Press-Siegerfoto
eine Menge von einem Paparazzi-Foto in sich.

fotoMAGAZIN: Können Dokumentarfotos etwas bewirken?
Richardson: Ja, ganz sicher. Sie haben eine große Kraft und Bedeutung.

fotoMAGAZIN: Haben Fotos auch eine politische Kraft?
Richardson: Man kann sie für jeden Zweck verwenden. Für Politik, für Hilfsprojekte, zum Schüren von Hass. Das hängt immer von dem ab, der etwas dazu schreibt.

fotoMAGAZIN: Fotografieren Sie noch weiter die Flüchtlings-Situation?
Richardson: Ich habe jetzt schon eine Weile keine Fotos mehr dazu gemacht, weil ich mir das nicht leisten konnte. Es ist für einen Freelancer einfach hart, davon zu leben. Ich hoffe, das wird jetzt ein wenig einfacher. Ich habe etwas erreicht, von dem ich nie dachte, dass mir das gelingen würde. Jetzt kann ich tatsächlich die Dinge tun, die ich gerne machen möchte.

fotoMAGAZIN: Sie leben in Ungarn. Wie ist die Situation für Bildjournalisten dort momentan?
Richardson: Die politische Seite ist nicht nur für Ausländer schwierig, sondern auch für die Ungarn. Aber für Einheimische gibt es dort vielleicht noch etwas mehr Möglichkeiten. In England , Australien oder den USA wäre meine Situation wohl einfacher.

fotoMAGAZIN: Hat sich Ihre Perspektive als junger Vater beim Fotografieren der Flüchtlingssituation verändert? Ihr Siegerbild zeigt einen Vater und sein Baby. Achten Sie jetzt mehr auf diese Dinge?
Richardson: Als ich das Bild in meinen Computer zum ersten Mal sah, musste ich schlucken und mir kamen tatsächlich die Tränen. Neben mir lag mein Sohn und schlief. Mir wurde bewusst: Verdammt, auch ich könnte in einer solchen Situation stecken.
 

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.