aufmacher-fm-willbl-5-2.jpg

Aufmacher Will Burrard-Lucas
© Will Burrard-Lucas

Will Burrard-Lucas

"Die Nacht ist wie eine leere Leinwand"
27.07.2017

Der Sony World Photography Award-Preisträger Will Burrard-Lucas über seine innovativen nächtlichen Wildlife-Aufnahmen, seine Ideen für bessere Tierfotos und die Reaktionen von Löwen auf ferngesteuerte Kamera-Buggys

 

fm-willbl-3-3.jpg

Will Burrard-Lucas

Will Burrard-Lucas mit seinem ferngesteuerten Mini-Buggy namens BeetleCam

© Will Burrard-Lucas

fotoMAGAZIN: Was hat Sie in der Wildlife-Fotografie zu den Nachtaufnahmen gebracht?
Will Burrard-Lucas: Die Wildlife-Fotografie bei Tag gibt es seit Jahrzehnten, aber eine derartige Low-Light-Fotografie mit hohen ISO-Werten von über 6400 ISO ist wirklich erst seit kurzem möglich­. Das ging früher nicht. Es war lange sehr schwierig, Tiere nachts zu fotografieren. Die Hälfte aller Tiere ist jedoch nachtaktiv. Es gibt unglaublich viele Lebewesen in den unterschiedlichsten Ökosystemen, die wir nun fotografieren können. Hier ist also wirklich Neuland mit viel Potential, denn die Leute bekommen etwas zu sehen, das sie vorher noch nie gesehen haben.

fM: Berühmte Kollegen wie Frans Lanting haben sich schon früher in der Modebrache und der Portraitfotografie umgesehen und die dort eingesetzte Technik auf die Wildlife-Fotografie übertragen. Schauen Sie sich ebenfalls um, wie anderswo mit Licht gearbeitet wird?
Burrard-Lucas: Mich haben beispielsweise die BBC-Naturdokumentationen inspiriert, die Art, wie sie das Tierverhalten in den unterschiedlichsten Ökosystemen zeigen. Und natürlich auch ihre Herangehensweise. Was die technische Seite betrifft so habe ich Physik studiert. Deshalb war ich in der Lage, Entwurfsskizzen mit den entsprechenden Programmen anzufertigen und mir alles selbst beizubringen, was nötig war. Mich interessiert die Kameratechnik. Wenn irgendwo ein neues Feature kommt, überlege ich, wie ich es für etwas einsetzen kann, das vorher nicht möglich war. Als vor fünf Jahren die ersten Drohnen auftauchten, habe ich mir meine erste selbst gebaut, bevor es welche zu kaufen gab.

willbl-2-4.jpg

Will Burrard-Lucas: BeetleCam
© Will Burrard-Lucas

fM: Neben Ihrer Arbeit als Fotograf haben Sie Gadgets entwickelt, die bei der Wildlife-Fotografie sehr nützlich sein können. Wie kam es dazu?
Burrard-Lucas: Ich wollte herausfinden, wie ich bessere Bilder machen kann. Schon ganz am Anfang meiner Arbeit als Wildlife-Fotograf wurde mir bewusst, dass ich die Perspektive von Nahaufnahmen mit dem Weitwinkel-Objektiv mag. Es fing damit an, dass ich an weniger gefährliche Tiere wie Erdmännchen und Pinguine herankroch. Doch eigentlich träumte ich davon, das bei den großen, charismatischen Tieren Afrikas zu tun, wie Elefanten und Löwen. Da erschien es mir naheliegend, einen ferngesteuerten Wagen für meine Kamera zu bauen, um ans Ziel zu kommen.

fM: Gab es auf dem Fotomarkt noch nichts für derlei Aufnahmen?
Burrard-Lucas: Nein, ich musste meine eigene Lösung finden. Das war 2009.
Die dabei entstandenen Bilder sind auf große Resonanz gestoßen. Über die Jahre habe ich mein Konzept dann weiterentwickelt, meine BeetleCam verbessert und dafür genutzt, Tiere in Afrika zu fotografieren, denen man nicht so leicht nahe kommt. Mit der BeetleCam können Sie jedoch nur die mutigeren Tiere fotografieren, die sich von dem Fahrzeug nicht abschrecken lassen. Also habe ich als nächstes nach Kamerafallen gesucht, bei denen ich meine Kameras mit einem Sensor-Auslöser stationieren konnte. Und erneut konnte ich auf dem Markt nichts finden, das meinen Ansprüchen genügte. Also habe ich wieder etwas Eigenes entwickelt.

Ich habe diese Produkte zunächst für mich entwickelt, weil ich ein bestimmtes Bild im Kopf hatte, das ich aufnehmen wollte

img_2993_nah.jpg

Will Burrard-Lucas 2
© Manfred Zollner

fM: Wie haben Sie diese Produktentwicklungen finanziert?
Burrard-Lucas: Der ferngesteuerte Wagen war zunächst wirklich günstig. Ich habe in der Bastelabteilung eines Elektronikmarktes ein paar Teile gekauft.

fM: Sie haben den Kamera-Buggy zunächst nur für sich gebaut. Was brachte Sie dazu, das Gerät zu vermarkten?
Burrard-Lucas: Ursprünglich war das wirklich nur mein Buggy. Viele Leute haben dann aber meine Bilder gesehen und mich gebeten, auch für sie solch ein Fahrzeug zu bauen. Schließlich konnte ich die Nachfrage nicht mehr ignorieren. Also habe ich 2014 die Firma Camtraptions gegründet. Über sie verkaufe ich die BeetleCams und Kamerafallen, die ich entwickelt habe.

fM: Sie sind heute also auch ein Unternehmer?
Burrard-Lucas: Ja, genau. Ich war schon davor ein Unternehmer. Ich hätte allerdings nie gedacht, dass ich etwas in diesem Bereich machen würde. Ich habe diese Produkte zunächst für mich entwickelt, weil ich ein bestimmtes Bild im Kopf hatte, das ich aufnehmen wollte.

fM: Wie viel Zeit verbringen Sie mittlerweile damit, derlei Dinge zu entwickeln?
Burrard-Lucas: Das ändert sich von Jahr zu Jahr, unter anderem auch auf Grund der Produktzyklen. Ich versuche jedoch, etwa drei Monate pro Jahr in Afrika zu verbringen und an meinen Foto-Projekten zu arbeiten – oft mit den Produkten, die ich entwickle. Die restliche Zeit verbringe ich zu Hause damit, für meine Firmen zu arbeiten. Camtraptions ist eine davon. Dazu kommt, dass ich ein junger Familienvater bin und nicht so viel reisen kann. Vor ein paar Jahren habe ich noch das ganze Jahr in Afrika verbracht und mich ausschließlich auf die Fotografie konzentriert.

fM: In Afrika hatten Sie bereits einen Teil Ihrer Kindheit verbracht ...
Burrard-Lucas: Als ich etwa zwischen drei und sieben Jahren alt war, lebte meine Familie in Tansania. In dieser Zeit entwickelte sich mein Interesse für die Natur und die Liebe zu Afrika. Deshalb bin ich später immer wieder zurückgekehrt. Als ich mit der Wildlife-Fotografie anfing, reiste ich durch die ganze Welt, auch nach Südamerika und nach Asien. Erst in den letzten fünf Jahren kam ich dann wieder ausschließlich nach Afrika.

Die Nacht ist wie eine leere Leinwand. Bei Tageslicht musst du mit dem arbeiten, was dir die Sonne vorgibt. Nachts kannst du Blitzlicht einsetzen und du bekommst immer ein Licht wie im Studio

img_2994.jpg

Will Burrard-Lucas 3
© Manfred Zollner

fM: Was fasziniert Sie so sehr an der Nachtfotografie?
Burrard-Lucas: Die Nacht ist wie eine leere Leinwand. Bei Tageslicht musst du mit dem arbeiten, was dir die Sonne vorgibt. Nachts kannst du Blitzlicht einsetzen und du bekommst immer ein Licht wie im Studio, mit dem du dramatische Tierportraits machen kannst. Dazu kannst du das Umfeld und die Tiere bei ihren nächtlichen Aktivitäten zeigen. Wenn du nachtaktive Tiere wie Hyänen und Löwen bei Tag fotografierst, bekommst du keinen richtigen Eindruck. Es geht mir darum, diese Tiere unter dem Sternenhimmel zu zeigen, wenn sie völlig in ihrem Element sind.

fM: Bleiben Sie die ganze Nacht auf Achse?
Burrard-Lucas: Das hängt ganz von den Aufnahmebedingungen ab. Wenn ich Sternenfotos mache, darf der Mond nicht zu sehen sein, also fotografiere ich, bis der Mond aufgeht. Das heißt meist, dass ich nur wenige Stunden zum Arbeiten habe. Ich habe für dieses Projekt aber auch viel bei Tag gearbeitet. Meist habe ich bis Mitternacht gearbeitet und zum Sonnenaufgang, gegen fünf Uhr morgens, stand ich wieder auf.

fM: Wo sehen Sie Ihre Bilder am liebsten – in einer Galerie oder in einem Magazin? Der Print dieser Aufnahmen scheint mir eine delikate Angelegenheit
Burrard-Lucas: Für jemanden wie mich, der in Zeiten des Internets aufgewachsen ist, liegt dort auch der Schwerpunkt. Hier erreiche ich die meisten Menschen. Ich möchte das Internet benutzen, um meine Arbeit zu verbreiten. So kann ich tausendmal mehr Leute erreichen als über eine Galerie.

fM: Eines Ihrer besten Bilder zeigt eine nächtliche Gnu-Wanderung bei heftigem Regen ...
Burrard-Lucas: Der Regen brachte einen interessanten Effekt, mit dem ich experimentierte.

fM: Haben Sie den Effekt auch bei anderen Tieren ausprobiert?
Burrard-Lucas: Diese Geschichte mit dem nächtlichen Regen nicht. Die Möglichkeiten, diese Technik einzusetzen, sind sehr begrenzt. Du brauchst dafür sehr, sehr starken Regen. Es muss richtig schütten, sonst bekommst du den Effekt nicht.

fM: In welcher Jahreszeit haben Sie die Aufnahme gemacht?
Burrard-Lucas: Ich war während des Übergangs von der Trocken- zur Regenzeit im November dort. Ich wollte dabei sein, wenn der Regen kommt und sich über Nacht das ganze Ökosystem verändert. Drei Wochen lang regnete es überhaupt nicht, es war knochentrocken und dann ging es los. Das war Ende November, in der Zeit, in der die Gnus durch diese Gegend ziehen.

Seite 1 von 2
Seite 1
Seite 2
Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.