Volker Hinz

Mit ihm endete eine Ära beim deutschen Flaggschiff des Bildjournalismus.
17.01.2013

Mit Volker Hinz hat Ende Juli 2012 der letzte Redaktionsfotograf den stern verlassen. Ein Gespräch über alte Zeiten und die persönliche Zukunft.

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Volker Hinz mit Sohn Theodor in Hamburg

© Volker Hinz

fotoMAGAZIN: In der Berichterstattung über Sie tauchte in den letzten Monaten öfter der Begriff Der letzte seiner Art auf. Fühlen Sie sich jetzt als Dino-Fotograf vom stern?
Volker Hinz: Dinosaurier stimmt insofern, als es heute kaum noch Fotografen gibt, die alles können müssen. Einer meiner Vorteile ist es, eine Mehrzweckwaffe zu sein ein Multitalent. Ich sage: Ich kann ungefähr achtzig Prozent aller stern-Geschichten optisch abdecken, so dass es jederzeit druckbar ist. Heute hat sich das verändert: Alleskönner sind nicht mehr gefragt.

fM: Wieso fehlt heute die Wertschätzung für den Allrounder?
Hinz: Es gibt da ein gewisses Desinteresse. Heute werden Fotografen benutzt wie Fotoapparate. Die holt man aus dem Regal, benutzt sie und stellt sie wieder zurück. Man sucht sie sich gezielt aus nach ihren Schwerpunkten   verwendet also Spezialisten. Das gab es früher nicht. Wir mussten alles können. Jeden Tag gab es ein anderes Thema.

fM: Wie viele fest angestellte Fotografen gab es, als Sie 1974 zum stern kamen?
Hinz: Da waren es an die 20 fest Angestellte. Die sind jetzt alle weg.

fM: Was verschwindet mit diesen Allroundern, wenn da ab sofort kein Redaktionsfotograf mehr sitzt?
Hinz: Eigentlich nichts, jeder ist ersetzbar, man muss nur die entsprechenden Leute suchen. Ein Nachteil für die Redaktionen ist, dass sie bei fest Angestellten den Menschen pflegen müssen, und dieser Mensch sich auch selbst einbringen muss. Das heißt, dass man als Fotograf versucht, ewig dran zu bleiben. Man darf nicht erschlaffen, sondern muss jeden Job den man bekommt, so gut wie möglich machen. Das klingt jetzt spießig. Meine Devise war stets, die Energie bis zum letzten Bild zu erhalten.

fM: Ich hätte jetzt gedacht, Sie sagen, man hätte als Angestellter mehr Zeit für eine Story.
Hinz: Das war mal. Im Laufe der Jahre hat sich das sehr verändert. Selbst als fest angestellter Fotograf durfte ich viele Aufträge nicht mehr machen, weil die Flugkosten zu teuer waren. Lieber buchten die Bildredakteure einen Fotografen vor Ort, was ich sehr schade fand, denn dadurch ging natürlich auch so ein bisschen diese ehemals berühmte stern-Fotografie flöten. Und ich bin überzeugt, dass gute stern-Fotografen diese Fotografie in sich hatten.

Die ehemals berühmte stern-Fotografie ist ein bisschen flöten gegangen

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1994 in Paris backstage bei einer Modenschau

© Volker Hinz

fM: Kann sich eine Zeitschrift alleine durch solche Redaktionsfotografen eine eigene Duftnote geben?
Hinz: Ja, das kann sie natürlich, wenn diese eine signifikante Handschrift haben. Ich denke dabei an (Fotografen wie) Robert Lebeck, Thomas Hoepker, Max Scheeler und andere. Die hatten eine eigene Handschrift und diese hat die Redaktion wertgeschätzt.

fM: Sehen Sie sich als jemand, der jetzt seinen Ruhestand beginnt?
Hinz: Eigentlich nicht. Ich bin seit Ende der 1960er-Jahre Fotograf und ich lebe das auch. Es gibt schon Gespräche mit verschiedensten Leuten. Selbst vom stern wurde ich gefragt, ob ich ab und an eine Geschichte fotografieren würde. Ab sofort fotografiere ich allerdings nur, was mir Spaß macht und worin ich Sinn sehe.
Ich bin Fotograf mit Haut und Haaren und ich liebe die Fotografie, aber es gibt auch neue Betätigungsfelder für mich. Ich werde mein Frühwerk ordnen und aufarbeiten, außerdem sammle ich ein bisschen, habe zum Beispiel gerade auf Auktionen Fotos gekauft. Auf jeden Fall werde ich der Fotografie treu bleiben. Das ist mein Leben, ich bin umgeben von Bildern.

Das ist mein Leben. Ich bin umgeben von Bildern

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1986

© Volker Hinz

fM: Welche Grundqualität muss ein guter Portraitfotograf mitbringen?
Hinz: Mein Standpunkt ist, dass die Persönlichkeit des Portraitierten rüberkommen muss. Während des Fotografierens spreche ich mit meinem Gegenüber und führe auch Regie. Die meisten sind dankbar, wenn sie gesagt bekommen, was sie machen sollen. Oft bin ich mein eigenes Stand-in und zeige den zu Fotografierenden, wie ich mir die Position vorstelle. Es gibt Fotografen, die das nicht machen.

fM: Ist es Ihnen wichtiger, dass die Leute echt rüberkommen oder dass sie eine gute Show machen?
Hinz: Echt! Und die Show wird dann irgendwann zu Echtheit. Später suche ich dann das Foto aus, auf dem sich die Persönlichkeit am besten zeigt.

fM: Haben Sie im Laufe Ihrer Karriere gewisse Abbildungsmoden mitgemacht oder fanden Sie gleich Ihren Style?
Hinz: Ich bin ein Fotograf, der Geschichten erzählt, ob in einem Foto oder in Reportagen mit vielen Fotos. Fototechnik interessiert mich nicht. Mich interessiert, was die Bilder erzählen. Auf einer Reportagereise in Japan habe ich zum Beispiel eine Woche lang nicht fotografiert, bin nur rumgelaufen und habe geguckt. Ich hatte natürlich immer eine Kamera dabei, falls etwas passierte. Und nur gesucht, mit welcher Symbolik ich das Thema umsetzen kann.



Fototechnik interessiert mich nicht. Mich interessiert, was die Bilder erzählen

fM: Was ist die erste Erinnerung, die Ihnen einfällt, wenn Sie auf die Zeit beim stern blicken?
Hinz: Ich weiß heute noch, wo ich stand, als Rolf Gillhausen anrief und mich fragte, ob ich zum stern kommen wolle. Etwas Tolleres gab es damals nicht! Das war 1974 und ich habe die Hand gehoben und ja gesagt. Damals waren beim stern nur die besten ihrer Zunft.

fM: Fotografen, die man alle heute noch kennt.
Hinz: Als Jungfotograf bekamen Sie zunächst nicht die heißen Themen. Die haben die alten Füchse selbst behalten, die wussten natürlich besser Bescheid. Dennoch war es kein Haifischbecken, wie es oft genannt wurde, sondern jeder hatte sein Thema so gut wie möglich umzusetzen. Und beim nächsten Auftrag konnte es sein, dass du das Thema bekommen hast, das Robert Lebeck letztes Mal hatte.

fM: Gibt es so was wie die typische stern-Fotografie für Sie?
Hinz: Ich finde, es sollte immer intelligenter, unterhaltender Journalismus sein. Für mich gilt der Spruch: Ich bin der Botschafter des Lesers. Ich muss transportieren, was ich erlebe für den Leser. Das klingt jetzt so normal, aber so ist es. Ich sehe mich wirklich beinahe als Diener, als jemand, der in der Sache dient und weniger als Künstler.

fM: Finden Sie wirklich, dass der Bildjournalismus heute gut dasteht?
Hinz: Er hat so ein wenig seinen Biss verloren, besonders was die Politik angeht. Wir hatten früher einen kritischeren Blickwinkel. Heute wird alles geschönt, die Portraits sollen möglichst schlicht sein, eine politische Bildaussage ist Bild- und auch Chefredakteuren nicht mehr wichtig. Nur der Spiegel macht das ab und zu noch.

fM: Wie ist nach all den Jahrzehnten Ihr Bild der Society?
Hinz: Mich interessieren die Themen sehr, die sich mit der heutigen Gesellschaft befassen. Im Vergleich zu anderen Ländern geht es hier in Deutschland oft dekadent zu und da fühle ich mich wie Till Eulenspiegel, der den Leuten den Spiegel vorhält. Ich möchte zeigen, wie sich die Gesellschaft gibt.         

Das komplette fM-Interview mit Volker Hinz finden Sie in fotoMAGAZIN 10/2012

Factfile: Volker Hinz

Geboren am 19. Juni 1947 in Hamburg; Hinz entdeckte über einen Kameraden bei der Bundeswehr als 20-Jähriger die Fotografie und verkaufte schon bald erste Aufnahmen von Politikern an Tageszeitungen; Mit 24 Jahren ist er Leiter der Sven Simon Bildagentur in Bonn; Kommt 1974 in die stern-Redaktion; 1978-1986 für den stern in New York, in der Zeit entstehen seine berühmten Arbeiten über den Area-Club; Hinz ist einer der großen deutschen Fotojournalisten, ein herausragender Portraitist, der das visuelle Erscheinungsbild seiner Zeitschrift entscheidend mitgeprägt hat; Bis heute bekennender Analogfotograf; Ging am 31. Juli 2012 als letzter verbliebener Redaktionsfotograf der großen Hamburger Illustrierten in den Ruhestand.

 

 

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.