Thomas Struth

Der Star der Düsseldorfer Schule
02.03.2021

Zusammen mit Andreas Gursky und Thomas Ruff ist Thomas Struth heute einer der prominentesten Vertreter der „Düsseldorfer Schule“, einer der internationalen Stars unter den Absolventen der Klasse von Bernd und Hilla Becher an der Kunstakademie. Ein Gespräch über erfrischende Konzeptkunst, schonunsgslose Selbstkritik und den Blick auf Details.

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Thomas Struth

Thomas Struth, geboren 1956 in Geldern am Niederrhein, studierte von 1973 bis 1980 an der Düsseldorfer Kunstakademie – zunächst Malerei bei Gerhard Richter und Peter Kleemann, ab 1976 Fotografie bei Bernd Becher. In seinen sachlich-nüchternen Arbeiten hinterfragt der Fotokünstler häufig fotografische Sichtweisen und Sujets.

© Vanessa Enders/Atelier Thomas Struth

Zum Start seiner großen Retrospektive im Guggenheim Bilbao im Oktober 2019 haben wir den deutschen Fotokünstler zum Interview gebeten.

Text und Interview: Tom Seymour

Thomas Struth wird heute oft als „Vater der Konzeptfotografie“ bezeichnet, obwohl er diese Zuordnung nicht unbedingt mag. „So würde ich das nie formulieren“, meint er bei unserem Telefon-Interview. Dennoch belegt gerade eine neue Retrospektive im Guggenheim Museum Bilbao, dass sein Einfluss auf die Konzeptfotografie unverkennbar groß ist. Mit über 130 ausgestellten Arbeiten folgt die Guggenheim-Retrospektive Struths fotografischer Karriere über vier erstaunlich kreative Jahrzehnte.       

Thomas Struth wurde 1954 in Geldern (Nordrhein-Westfalen) geboren. In seiner Kindheit habe es„viele unterschwellige Emotionen und etwas Unterdrücktes“ gegeben. „Eine Dynamik, die kaum zu dechiffrieren war. Mit all dem konnte man schwer umgehen.“ Die aktuelle Retrospektive verfolgt zunächst Struths Suche nach einer eigenen künstlerischen Ausdruckskraft im Nachkriegsdeutschland. Anfänglich studierte er an der Düsseldorfer Akademie Malerei bei Professor Gerhard Richter und kam anschließend als einer der ersten Fotostudenten unter die Ägide von Bernd und Hilla Becher. Höhepunkt jener Jahre war Struths Künstler-Residenz in New York. In dieser Zeit fertigte er nüchterne Studien von der dortigen Architektur und urbanen Planung an. Diese Bilder positionierten ihn in der Welt der Fotografie auf der nächsten evolutionären Stufe nach den topographischen Studien der Bechers und machten ihn zu einer Größe im Kunstmarkt. Ausgehend von dieser Arbeit folgt das Guggenheim Struths nuancenreichen, progressiven und komplexen Werkgruppen der folgenden Jahre. Darunter fallen seine streng arrangierten Familienportraits, Bilder der subtilen Soziodynamik hastender Besuchermassen in den größten Museen der Welt sowie – in jüngster Vergangenheit – epische Landschaften und Postmortem-Studien von bedrohten Tierarten.                                     

fotoMAGAZIN: Herr Struth, Sie waren einer der ersten Fotografie-Studenten an der Düsseldorfer Kunstakademie. Wie war das damals in den ersten Tagen an der Akademie?    Thomas Struth: Seit ich ungefähr 13 Jahre alt war, hatte ich viel gezeichnet und gemalt. Mein Kunstlehrer am Gymnasium war ein ziemlich anarchistischer Typ mit einem ausgeprägten Sinn für Humor, der selbst an der Akademie studiert hatte. Bereits während meiner Schulzeit zeichnete sich ab, dass ich später Kunst studieren würde. Den Leuten an der Schule war das sogar noch vor mir klar. Mein Lehrer meinte, ich müsse nach Düsseldorf gehen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich damals an der Akademie ankam. Ich fand schon das Gebäude einschüchternd. Wir hatten ein Orientierungsjahr, bevor wir uns entschieden, bei welchem Professor wir studieren wollten. Hier wird noch das alte System praktiziert, bei dem du in einer Klasse sitzt. Du hast einen Professor und kannst die ganze Zeit eine Kunstrichtung studieren. Ich begann mit der Malerei, fing aber gleichzeitig an, mit einer 35mm-Kamera zu fotografieren. Die Fotos verwendete ich dann als Ausgangsbasis für meine Gemälde.

fotoMAGAZIN: Sie haben in der Klasse von Gerhard Richter begonnen. Was haben Sie bei ihm gelernt?
Thomas Struth: Damals war Herr Richter noch nicht so in Amerika bekannt wie heute. Er war der erste professionelle Künstler, dem ich je begegnet bin. Ich erinnere mich noch, dass er zwar leidenschaftlich arbeitete, aber stets mit einer kritischen Distanz zu dem, was er machte. Er war immer sehr strategisch, analytisch und ging systematisch vor. Ich wurde mal eingeladen, ihm im Studio zu assistieren. Mir bleibt noch gut in Erinnerung, wie er einige kleinere Gemälde, die er nicht mochte, mit einem Hammer kurz und klein schlug und dann alles in den Müll warf. Richter hat mich gelehrt, auf die Beziehung zwischen der künstlerischen Praxis und dem sonstigen Leben zu achten. Und dass man beides nicht voneinander trennen kann.

Es ist wichtig, dass du dich nicht von deiner
Begeisterung überwältigen lässt.

fotoMAGAZIN: Man bezeichnet Sie oft als „Pionier der fotografischen Konzeptkunst“. Was halten Sie von dieser Einordnung?
Thomas Struth: Diese Bezeichnung habe ich nie selbst verwendet. Es stimmt allerdings, dass meine Mitstudenten und ich in der Blütephase der Konzeptkunst aufgewachsen sind. Das gab uns eine besondere Lektion in Sachen Unsentimentalität mit auf den Weg. In Deutschlands Nachkriegsjahren wurden viele Emotionen unterdrückt und es gab eine unklare Dynamik, die schwer zu dechiffrieren war. Mit all dem konnte man schwer umgehen.
Als ich anfing, etwas über die Konzeptkunst zu lernen, fühlte sich das total erfrischend an. Konzeptkunst erforschte Raum und Zeit und die Funktion eines Kunstwerkes. Und sie erlaubte es den Charakteristiken der Umgebung, im Kunstwerk klarer hervorzutreten.

fotoMAGAZIN: Sie waren einer der ersten Studenten von Bernd und Hilla Becher, nachdem diese die Fotoklasse an der Düsseldorfer Kunstakademie übernahmen. Wie würden Sie die beiden beschreiben?
Thomas Struth: Sie waren tolle Vorbilder. Beide waren extrem unprätenziös und fast schon uneitel. Sie zeigten ein starkes Interesse an der Geschichte. Als Künstler sahen sie in der Musik, der Literatur, Politik und selbst dem Kochen einen Bezug zu ihrer Arbeit. All das hat mich sehr angesprochen.

fotoMAGAZIN: Zwischen Ihren frühen Arbeiten und den topographischen Werken der Bechers gibt es formale Bezüge. Wie haben Sie die beiden ästhetisch beeinflusst?
Thomas Struth: Mit Hilla habe ich viel Zeit verbracht, als ich 1978 meinen Auslandsaufenthalt in New York hatte. Sie lehrte mich exaktes Arbeiten und vermittelte mir, dass gnadenlose Selbstkritik ein natürlicher und wichtiger Teil auf dem Weg zu einem besseren Ergebnis sind. Bei der Bildauswahl zeigte sie mir die Bedeutung der Beobachtung der Dinge aus nächster Nähe – wie entscheidend kleinste Details sind. Beide brachten mir bei, überlegt und geduldig an die Arbeit zu gehen. Der Impuls zu fotografieren bringt nicht automatisch das bestmögliche Ergebnis. Es ist wichtig, dass du dich nicht von deiner Begeisterung überwältigen lässt. Du musst immer wieder einen Schritt zurücktreten und Ausschau halten nach einem, zwei oder drei Motiven, die das Thema am besten vermitteln. Es kann manchmal dauern, bis du das erkennst. Als ich die Straßen Düsseldorfs fotografierte, hatte ich letztlich etwa 300 Bilder, mit denen ich zu einem gewissen Zeitpunkt zufrieden war. Aber ich habe davon nur fünf veröffentlicht, die am besten abbildeten, was mich hier interessiert hatte.

fotoMAGAZIN: Kannten Sie sich bereits aus in der Fotografiegeschichte, als Sie die Bechers trafen?
Thomas Struth: Nein. Fotografie interessierte mich nicht. Ich wollte Bilder machen. Das ist für mich ein entscheidender Unterschied. Ich kam dazu, Straßen zu fotografieren, weil das die Konsequenz einer bestimmten Überlegung war. Von der Fotogeschichte hatte ich keine Ahnung. Ich begegnete ihr erst mit Hilla. Sie und Bernd machten mich vertraut mit Walker Evans, Ed Ruscha, Stephen Shore. Ich kannte diese Leute nicht und ich hatte noch nie Fotos von ihnen gesehen. Meine späteren Fotos sind nach vielen Schritten des Nachdenkens über die Darstellungsmittel der Bildproduktion und den daraus resulterenden Bildern entstanden.

Ich wollte nie in einer Firma tätig sein, in der mir
jemand sagte, was ich zu tun hatte.

fotoMAGAZIN: Die Fotos, die Sie während Ihres New York-Aufenthaltes gemacht haben, werden jetzt in Ihrer Guggenheim-Retrospektive gezeigt. Mir scheint, dass das Jahr 1978 ganz entscheidend in Ihrer Karriere war.
Thomas Struth: Ich bin im Dezember 1977 in New York angekommen. Damals war ich 23 Jahre alt. Meine Erfahrungen dort haben mein Leben verändert. Ich fand New York sehr einschüchternd und beängstigend. Die ersten beiden Wochen konnte ich dort kaum sprechen, so schockiert war ich. Gut, dass ich einen Plan hatte. Ich fotografierte Straßen, es war meine Absicht, New York aus dieser Perspektive abzulichten. Als erstes ging ich zur Crosby Street. Damals lebte Hilla mit Bernd dort. Dort hatte ich eine Ausgangsbasis. Hilla erlaubte mir, ihre Dunkelkammer im Loft an der Crosby Street mitzubenutzen. Schnell habe ich mit entschieden, den Raum zu renovieren. Ich malte die Wände weiß und beschloss, sechs Monate nach meiner Ankunft dort eine eigene Ausstellung zu präsentieren.
 
fotoMAGAZIN: Es war vermutlich eine große Herausforderung, New York so abzulichten, wie Sie das davor in Düsseldorf gemacht hatten ...
Thomas Struth: Das stimmt! Als ich ankam, überraschte mich, dass New York wie eine sehr alte Stadt aussah und mir das noch niemand gesagt hatte. Die ersten drei von vier Wochen schneite es. Als ich dann das erste Mal mit meiner 5x7-Inch-Großbildkamera rausging, wurde ich sofort von ein paar betrunkenen Obdachlosen überfallen. Doch ich hatte mir etwas vorgenommen, ich hatte eine klare Mission. Das Fotografieren auf der Straße war der Grund, warum ich hier war und deshalb arbeitete ich sehr hart an meinen Bildern.
Meist war ich den ganzen Tag draußen unterwegs. Meine Eltern hatten mir netterweise das Geld für eine Großbildkamera, ein Stativ, Objektive und anderes Zubehör gegeben. Ich konnte mir kein Taxi leisten, deshalb schnallte ich mir das ganze Equipment über die Schulter und ging zu Fuß oder fuhr mit der Subway. Auf einem meiner Bilder entdeckte ich einen Typ mit Rollkoffer. Als ich den sah, dachte ich mir, so etwas brauche ich und kaufte auch einen. Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Koffer und meiner ganzen Ausrüstung nach Harlem kam. Die Gegend war damals wie ein Kriegsgebiet. Ein Typ vor einer Feuerwache schrie mich an: „Was zum Teufel machst du hier? Man wird dich ausrauben!“

fotoMAGAZIN: Hatten Ihre Eltern Verständnis für Ihren Wunsch, Künstler zu werden?
Thomas Struth: Ich denke, meine Antriebskraft habe ich von beiden Elternteilen mitbekommen. Sie sind extrem disziplinierte Menschen, die sich ganz einer Sache hingeben. Meine Energie kam zu großen Teilen aus dem Wunsch, so zu leben wie es meine Eltern vorgelebt haben und wie die Generation meiner Eltern lebte. Ich sah das nicht als Protest, doch ich merkte, dass ich unabhängig arbeiten wollte. Ich wollte nie in einer Firma tätig sein, in der mir jemand sagte, was ich zu tun hatte. Ich hatte den starken Wunsch, mein eigenes Programm zu entwickeln.

fotoMAGAZIN: Lassen Sie uns noch über die Guggenheim-Retrospektive sprechen: Was waren Ihre ersten Gedanken zu dem Museum, nachdem Sie wussten, dass Sie hier ausstellen würden?        
Thomas Struth: Vor zwei bis drei Jahren hatte ich einen Termin in San Sebastian und fuhr von dort nach Bilbao zum Guggenheim. Das war mein erster Besuch. Ich erinnere mich noch, wie ich das Gebäude anschaute und darüber nachdachte, was ich dort ausstellen würde – welche Werkgruppe in welche Räume passen könnte und wie ich eine Erfahrung von Zeit und Raum schaffen könnte. Ich muss gestehen: Für einen Augenblick dachte ich: „Ich werde alles absagen. Es ist einfach solch ein bizarrer Ort.“ Ich habe es natürlich nicht gemacht, aber das ist schon eine große Herausforderung. Einige dieser Räume sind quadratisch und dann gibt es auch zwei Räume, die sehr theatralisch wirken, mit hohen Decken und ihren geschwungenen Wänden, die nicht vertikal angelegt sind. Ich bin per se kein Fan von Frank Gehrys Architektur. Doch ich muss wohl nicht erwähnen, dass das Guggenheim extrem bekannt ist und auch ein wenig narzistisch.

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
fotoMAGAZIN

1949 erschien die erste Ausgabe der ersten Fotozeitschrift im deutschsprachigen Raum. Seither begleiten wir die Fotogeschichte. Unsere Kamera- und Objektivtests unter Labor- und Praxisbedingungen helfen Einsteigern und Profis seit jeher bei der Kaufentscheidung. Mancher Fotograf wurde von uns entdeckt. Und seit Steven J. Sasson 1975 für Kodak die erste Digitalkamera entwickelte, haben wir die digitale Fotografie auf dem Schirm. Unsere Fotoexpertise ist Ihr Vorteil.

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