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Unterricht bei Rolf Nobel
© Sebastian Dorbrietz

Teil 2: Rolf Nobel

Die Fortsetzung unseres Interviews mit dem Hannover Fotoprofessor und Festivalmacher
02.06.2016

"Wir brauchen definitiv mehr Bilder, die wie Jazz sind."

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Rolf Nobel

© Thilo Nass

In der Fortsetzung unseres Interviews mit dem Dr. Erich-Salomon-Preisträger 2016 spricht Rolf Nobel über Verdienstmöglichkeiten für Bildjournalisten, Fotos wie Pop-Musik und Pläne für ein Hannoveraner Fotomuseum.

fotoMAGAZIN: Sie sagen, Fotos sollten öfter wie Jazz sein. Bedeutet das, dass Bilder noch zu oft visuelles Gedudel sind – zu seicht und zu oberflächlich?
Nobel: Ich denke, dass eine gute Reportage viele Musikstile beinhaltet – das kann Pop, Rock´n´Roll oder Jazz sein. Als Pop würde ich sehr gefällige Bilder bezeichnen, die keine große gedankliche Leistung erfordern, um sie zu verstehen. Das sind oft Bilder, in denen das mit langen Brennweiten entstandene Motiv freigestellt ist, klassische Geo-Fotografie der 1970er-Jahre. Und dann gibt es auch sehr komplexe Bilder, bei denen man durch unscharfe Dinge durchblicken muss, viele Elemente hat, die sich voneinander unabhängig entwickeln. Bis man in dieses Bild findet, dauert es etwas. Solche Bilder sind wie Jazz. Dann kann es aber auch wieder krachend wilde Bilder geben. Die würde ich eher als Rock´n´Roll sehen. Eine große fotografische Leistung beinhaltet meiner Meinung nach sowohl das eine, als auch das andere. Wir brauchen jedoch definitiv mehr Bilder, die wie Jazz sind!

fotoMAGAZIN: Ist Sebastiao Salgado Pop und Garry Winogrand Jazz?
Nobel:  Ich würde auf jeden Fall Winogrands Bilder als Jazz sehen und Salgados´ als sehr sehr guten Pop. Und das noch mehr, je älter er wird. Er war ein großer Fotograf meiner Jugend und meiner Studienzeit, doch die letzten Arbeiten sind mir zu schwülstig.

Salgados´ letzte Arbeiten sind mir zu schwülstig.

fotoMAGAZIN: Begründet sich das Seichte bildjournalistischer Arbeit nicht oft mit der Nachfrage? Die Fotografen merken, zu intellektuell konzipierte Bilder werden einfach nicht mehr publiziert!
Nobel: Sie haben wohl Recht, was Publikumszeitschriften betrifft. Doch viele der großen fotografischen Leistungen sind heute Arbeiten, die im Selbstauftrag des Fotografen entstanden. Das, was Klaus Honnef immer als Autorenfotografie bezeichnet. Da spielt das höchstens eine Rolle, wenn man versucht, die Geschichten anschließend zu verkaufen. Das sind jedoch meist derart groß angelegte Arbeiten, dass Sie hier auch weniger komplizierte, weniger jazzige Bilder finden. Auftragsfotografie führt natürlich zu Popmusik, das muss man einfach sehen.
Man erkennt das auch bei Bildmanipulationen. Jemand von der Zeitschift Geo erzählte mir, man habe dort einen Fotoforensiker angeheuert. Bei einem Bild sei entdeckt worden, dass welke Palmenblätter gegen grüne ausgetauscht worden, bei einem anderen ein Möwenschwarm um weitere Möwen ergänzt wurde. Das sind Tuning-Maßnahmen vor dem Hintergrund großer Konkurrenz. Man sucht hier nach dem ganz besonderen Pop-Effekt, der das Bild über das mittelmäßige Gedudel hinaushebt.

Mit Bildmanipulationen suchen Fotografen
den besonderen Pop-Effekt, der ein Foto über das mittelmäßige Gedudel hebt.

fotoMAGAZIN: Das selbstbestimmte Herangehen an Projekte, die den Fotografen wichtig sind, ist umgekehrt auch eine Folge dieses Marktes. Diese Menschen kümmern sich selbst um Themen, bevor sie vergeblich auf Aufträge warten.
Nobel: So habe ich das mit meinen Projekten gemacht, die stets kleinere Projekte waren. Ich habe mir Themen ausgewählt, bei denen ich zwar intensiv mit den Leuten arbeiten konnte, die aber nicht so ausufernd waren, dass ich ein halbes Jahr daran arbeiten musste. Auch das geschah oft, weil ich die Aufträge nicht bekam. Ich schrieb Exposées, keiner wollte die Story und irgendwann produzierte ich sie deshalb selbst. Das ist immer ein wahnsinniges Risiko, weil man viel Geld investiert. Mittlerweile hat sich die Situation noch weiter verschärft. Der Magazinmarkt baut zu einem großen Teil darauf, dass die Fotografen ihre Geschichten frei produzieren. Wenn ein Magazin hinterher die Geschichte kauft, bekommt es diese mindestens zum halben Preis.

Der Magazinmarkt baut zu einem großen Teil darauf,
dass die Fotografen ihre Geschichten frei produzieren.
Wenn ein Magazin hinterher die Geschichte kauft, bekommt es diese mindestens zum halben Preis.

fotoMAGAZIN: Bereitet Ihnen das Zusammenbrechen des traditionellen Finanzierungsmodells Sorgen? Jeder will jetzt Workshops veranstalten, alle wollen Crowdfunding-Projekte initiieren. Und je mehr Fotografen das machen, desto weniger wird auch das langfristig funktionieren.
Nobel: Da haben Sie vollkommen Recht. Es gibt kaum noch einen Magnum-Fotografen, der keine Workshops leitet. Das liegt daran, dass auch diese Kollegen nicht mehr von den Auftragshonoraren ihrer Bilder leben können. Mit ihrem guten Ruf können die für ein Wochenseminar 6000 Dollar verlangen. Damit kommen sie dann gut zurecht. Tatsächlich wird die hohe Zahl von Workshops zu einer Inflation führen und es zumindest den nicht so bekannten Fotografen schwerer machen, ihre Workshops zu füllen. Natürlich macht mir das Sorgen. Andererseits jammern wir schon lange über diese Entwicklung, die augenscheinlich nicht aufzuhalten ist.
Das bringt nicht viel. Man sollte versuchen, für sich eine Arbeitsweise zu finden, mit der man zurechtkommt. Wir haben Absolventen, denen das ganz gut gelingt. Sie werden nicht reich – diese Zeiten sind lange vorbei – aber sie haben ihr Auskommen. Und sie versuchen mindestens einmal im Jahr eine Geschichte im Eigenauftrag zu produzieren, die sie wichtig finden. Eine Geschichte, mit der sie hoffen, Ihre Fotografie weiterentwickeln zu können. Gerade diese selbstgestellten Projekte bringen Fotografen häufig weiter, als die 0815-Brotjobs. Zwei Tage hier ein wenig knipsen, dann zwei Tage dort – das entwickelt die Fotografie nicht weiter.

Tatsächlich wird die hohe Zahl von Workshops
zu einer Inflation führen und es zumindest den nicht so bekannten Fotografen schwerer machen,
ihre Workshops zu füllen.

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Die Ausstellung

>>Vom Aufhören und Weitermachen<< widmet sich den neueren Arbeiten und gibt einen Rückblick des Gesamtwerkes Nobels. Außerdem werden von dem Professor ausgewählte, studentische Arbeiten zu sehen sein. Die Ausstellung wird noch bis zum 24. Juni 2016 in der GAF Hannover gezeigt. 

Adresse:
Galerie für Fotografie in Hannover
Seilerstraße 15d
30171 Hannover
http://www.gafeisfabrik.de/
Do-So 12-18 Uhr
Eintritt frei
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fotoMAGAZIN: Sehen Sie künftig weniger junge Leute an den Hochschulen, die diesen Weg überhaupt beschreiten wollen?
Nobel: Die Beobachtungen in jüngster Zeit zeigen deutlich, dass wir einen Rückgang an Bewerbungen haben. Da schließe ich auch andere Hochschulen mit ein. Und nicht nur in der Fotografie! Das betrifft so gut wie alle kreativen Bereiche: Produktdesign, Mediendesign, visuelle Kommunikation. Woran das genau liegt, ist schwer festzustellen.

Die Beobachtungen in jüngster Zeit zeigen, dass wir
in allen kreativen Bereichen der Hochschulen einen Rückgang an Bewerbungen haben.

fotoMAGAZIN: Was ist Ihre Vermutung?
Nobel: Ich glaube mittlerweile an ein stärker entwickeltes Sicherheitsdenken bei Abiturienten. Sie wollen einen Beruf ausüben, bei dem sie einigermaßen sicher sein können, dass sie damit später eine Familie ernähren können. In unserem Bereich hat sich rumgesprochen, dass das Monetäre nicht das zündende Element ist. Das bedeutet nicht, dass wir irgendwann keine Bewerber bekommen. Bei uns ist die Qualität ganz gut. Triebtäter lassen sich davon nicht abbringen.
Insgesamt geht jedoch die Bewerberzahl in den Kreativfächern zurück. Wir sehen es übrigens als großes Problem, dass an vielen Schulen so wahnsinnig in die Breite gearbeitet wird. Es gibt zwei grundlegende Auffassungen, auch an unserer Hochschule. Da wäre die Einengung des Studiums auf eine Spezialisierung, wie wir das machen. Dann gibt es andere, die sagen: Wir leben in einer Zeit, in der die Leute im Laufe ihres Lebens vielleicht drei verschiedene Berufe ausüben werden. Deswegen sei eine Spezialisierung Humbug. Man solle sich während des Studiums breit aufstellen, später könne man sich immer noch spezialisieren. Wenn jedoch diese Studierenden während des Studiums doch auf die Idee kämen, ihr Glück im Fotojournalismus zu probieren, dann hätten sie keine vergleichbare Ausbildung wie die Hannoveraner. Die kommen oft mit Mappen zum Stern, bei deren Sichtung sich der Bildredakteur fragt, ob der Besucher seine Zeit stehlen will.

fotoMAGAZIN: Was werden Sie nun in den nächsten beiden Jahren machen: Mehr eigene Bilder fotografieren, ihr Archiv sichten, sich womöglich nur noch der Festivalarbeit widmen oder etwas ganz anderes?
Nobel: Von einigen ehrenamtlichen Tätigkeiten werde ich mich zurückziehen. Ich werde die Galerie weiter betreiben, die Arbeit für das nächste Lumix Festival ist noch nicht entschieden. In manchen Gremien bleibe ich, einfach um meine Anbindung an die Szene nicht zu verlieren. Ich sage immer, die Fotografie ist meine zweitgrößte Liebesaffäre, nach der mit meiner Frau. Das Wichtigste für mich wird sein, meine eigene Fotografie zu entwickeln und meine eigenen Themen anzupacken.

fotoMAGAZIN: Wie gut ist Ihr Archiv sortiert – hatten Sie je Zeit, es richtig zu sichten du zu ordnen?
Nobel: Nein, das ist auf der Strecke geblieben. Wir haben damals gedankenlos Bilder an Agenturen geschickt, die dann zerkratzt oder überhaupt nicht zurückkamen. Das Sichten und Scannen meiner Fotos wird also auch ein Teil meiner künftigen Arbeit sein.
Ich habe viel in einer Zeit fotografiert, in der wir wahnsinnig viele Aufträge hatten. Es war vielleicht nicht mehr das Goldene Zeitalter des Fotojournalismus aber vielleicht noch das Silberne. In meinen besten Jahren habe ich im Fotojournalismus 250.000 Mark Umsatz gemacht. Das ist für jemanden, der so viele Sozialreportagen fotografiert, verdammt viel Geld.

In meinen besten Jahren habe ich mit Fotojournalismus 250.000 Mark im Jahr verdient.

fotoMAGAZIN: Wo werden in diesem Jahr beim Lumix Festival die Schwerpunkte sein. Und wo gibt es eine Weiterentwicklung gegenüber dem letzten Festival?
Nobel: Seit Jahren kämpfen wir darum, den Anteil der Kriegs- und Krisenfotografie beim Festival zurückzudrängen. Ich bin wahnsinnig glücklich darüber, dass unser Festivalprogramm eine noch stärkere thematische Breite hat. Wir haben sehr poetische, ruhige Geschichten. Von Anfang an strebten wir danach, uns von der Art Fotojournalismus abzusetzen, wie er im französischen Perpignan (bei Visa pour l´Image) präsentiert wird. Dort watet man wirklich nur durch ein Tal der Leiden. Kaum eine Geschichte, die nicht im letzten Elendsloch fotografiert wurde, in einem Krieg oder einem Viertel, in dem man sich mit der Kamera normalerweise nicht sehen lassen darf, ohne ausgeraubt zu werden. Davon setzen wir uns besser denn je ab.
In diesem Jahr haben wir zudem wieder ein Symposium der Deutschen Gesellschaft für Photographie, das Freelens-Jahrestreffen, sowie ein Treffen von acht Hochschulen. Diese Hochschulen werden sich mit ihrer Arbeit vorstellen können. Die Hochschule Hannover strebt nach bilateralen Verträgen mit diesen Schulen. Sie sind wichtig, weil wir im nächsten Wintersemester mit unserer bilateralen Klasse beginnen wollen und ein Austauschprogramm vereinbaren möchten.

fotoMAGAZIN: Das klingt danach, ab ob hier vieles beginnt, das noch viel weiter führen könnte.
Nobel: Stillstand bedeutet, dass man zurückfällt. Man muss sehen, dass man den eigenen Studiengang weiterentwickelt. Das machen wir auch im Rahmen der Fotostadt Hannover. Wir denken auch darüber nach, ob wir hier ein Fotomuseum einrichten.

Wir denken darüber nach, ob wir in Hannover
ein Fotomuseum einrichten.

fotoMAGAZIN: Wie ist denn überhaupt die Einstellung der Stadt zur Fotografie?
Nobel: Die Kassen sind natürlich auch hier leer, doch es gibt immer Leute, die versuchen, etwas möglich zu machen. Sonst hätte ich die Galerie für Fotografie (GAF) nicht realisieren können. Es ist eine Galerie geworden, wie man sie in New York oder in Londons Soho erwartet. Das Sprengel Museum, das Lumix Festival, die GAF, Wettbewerbe – etwa der Hannover-Stiftung  – all das schafft ein sehr offenes Klima für die Fotografie.

fotoMAGAZIN: Zeigt sich das auch bei den Besucherzahlen des Festivals?
Nobel: Ja. Ich gehe davon aus, dass es diesmal noch mehr als die 35.000 Besucher an fünf Tagen der letzten Ausgabe werden. Die gleiche positive Tendenz bemerken wir bei den Besucherzahlen in der Galerie.

Wenn meine Studenten jetzt an nichts glauben würden, was sollte dann aus denen in zehn Jahren werden?

fotoMAGAZIN: Werden Ihre Studenten dieser Tage eigentlich wieder politisierter?
Nobel: Sie engagieren sich vielleicht nicht mehr bei politischen Organisationen. Aber die Leute, die zu uns kommen, haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und sind über das, was sie in der Dritten Welt gesehen haben zum Fotojournalismus gekommen. Ich muss sie manchmal in dem Irrglauben bremsen, mit der Fotografie die Welt retten zu können. Doch auch ich habe mal daran geglaubt. Wenn meine Studenten schon jetzt an nichts glauben würden, was sollte dann aus denen in zehn Jahren werden?

Das Interview führte Manfred Zollner am 8. April 2016. Lesen Sie auch Teil 1 unseres exklusiven fM-Interviews mit Rolf Nobel.

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Dr. Erich Salomon-Preis 2016

Seit 1971 verleiht die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) diesen Preis für „die vorbildliche Anwendung der Fotografie in der Publizistik“. Er wird jährlich in Erinnerung an Dr. Erich Salomon, den großen Fotoreporter der Weimarer Republik, vergeben, der 1944 von den Nazis in Ausschwitz ermordet wurde.

Zu den bisherigen Preisträgern zählten Fotografen wie Josef Koudelka (2015), Don McCullin (1992/93), Robert Frank (1985). Professor Rolf Nobel bekommt die renommierte Auszeichnung als „einer der einflussreichsten deutschen Fotolehrer, der gleichfalls als Fotograf, Festival- und Galeriegründer wegweisende Akzente gesetzt hat.“ Die Preisverleihung findet am 17. Juni 2016 im Rahmen des Lumix Festivals für jungen Fotojournalismus in Hannover statt.

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.