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Stéphane Lavoué: Aufmacher
© Stéphane Lavoué

Stéphane Lavoué

"Mit meiner Prinzessin in der Fleischerei fing dieses sonderbare Märchen an"
23.01.2017

Stéphane Lavoué über sein neuestes Projekt: die Suche nach dem König von Northeast Kingdom. Ob er ihn bereits gefunden hat? Wir verraten es Ihnen.

 

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© Manfred Zollner

Mit seinem schrägen Bildessay „The Northeast Kingdom“ schaffte es der Franzose Stéphane Lavoué unter die Finalisten des Leica Oskar Barnack Awards 2016. Seine symbolbeladenen Bilder des amerikanischen Landlebens wecken Erinnerungen an Filme der Coen-Brüder und von David Lynch und schicken unsere Fantastie auf einen Kurztrip ins Unterbewusste. Wir trafen den Fotografen in Berlin zu einem Gespräch über den verschwundenen König und seine Entdeckungen zwischen Rinderhälften.

fotoMAGAZIN:  Wie ist die Idee zu diesem ungewöhnlichen Fotoprojekt entstanden?
Stéphane Lavoué: Das ist eine ziemlich lange Geschichte: Vor zwanzig Jahren kam ich das erste Mal in die USA und lebte für zwei Wochen in einer Gastfamilie in Boston. Ich habe den Kontakt zu ihnen nie abbrechen lassen. Als diese Leute in Rente gingen, zogen sie von Boston zu einer alten Farm nach Vermont.

fM: Fotografierten Sie bereits, als Sie zum ersten Mal dort waren?
Lavoué: Nein, damals war ich 15 Jahre alt. Nach ihrem Umzug vor acht Jahren besuchte ich das Ehepaar mit meiner Frau und meinen Kindern. Und als wir ankamen begrüßten sie uns: "Willkommen im Northeast Kingdom!" Ich sagte: "Wie bitte?" Ich wusste gar nicht, dass ich mitten in den Vereinigten Staaten ein Königreich betreten hatte. Ich fand diesen Ort jedoch ziemlich eigenartig und poetisch. Also beschloß ich, zurückzukommen und mich auf die Suche zu machen.

fM: Die Suche nach dem König?
Lavoué: Ich ging von Hof zu Hof, fragte die Leute, ob sie den König gesehen hätten, und machte Bilder von ihnen. (lacht)

fM: Was erzählten sie Ihnen?
Lavoué: Sie erzählten mir, dass es keinen echten König gäbe. Ich fand zwar einen, doch der war eigentlich nur ein Clown, den sie „The King Of Silly“ nannten. Ich suche den König also noch immer.

Als ich das Projekt begonnen habe, zog ich von Paris in ein  Dorf in Westfrankreich, um mich  von meinem Alltagsjob  als Portraitfotograf zu lösen

fM: Werden Sie noch einmal zurückkehren?
Lavoué: Ich glaube, ich benötige noch eine weitere, vierte Reise, um das Projekt fertigzustellen und dieses Buch veröffentlichen zu können, an dem ich bereits arbeite.

fM: Das avisierte Ziel Ihres Fotoprojektes ist also ein Buch?
Lavoué: Ja, es gab bereits einige Ausstellungen, abschließen möchte ich aber alles mit einem Buch. Für mich ist das Projekt ein fotografiertes Märchen – mit einer Prinzessin inmitten von Rindfleisch ... Ein seltsames Märchen also.

fM: Arbeiten Sie immer so oder ist dieses Projekt etwas Neues?
Lavoué: Es ist mein erstes persönliches Projekt. Ich habe zwölf Jahre lang für französische und internationale Zeitschriften in Paris gearbeitet und mir einen Namen als Portraitfotograf gemacht, wollte dann aber an persönlichen Themen arbeiten. Darum habe ich dieses Projekt angefangen.

fM: Das ist also für Sie eine ganz neue Art, Geschichten zu erzählen?
Lavoué: Ja. Vorher war ich es gewohnt, Geschichten in einem einzigen Bild zu erzählen, das dann veröffentlicht wurde. Jetzt wollte einen Weg finden, meine eigenen Geschichten zu erzählen.

 

fM: Wie haben Sie sich dann in dieses Projekt gestürzt?
Lavoué: Die ersten Bilder habe ich von den Nachbarn meiner Freunde gemacht. Von dort aus bin ich zu den nächsten Nachbarn gezogen. So wurde ich langsam in die Gemeinde des Königreichs aufgenommen.

fM: Geht es in Ihrem Buch letztlich um die Suche nach dem König?
Lavoué: Es geht immer um die Suche. Ich wollte die Realität als Ausgangspunkt für dieses Märchen benutzen, das nicht wirklich fiktional ist und ganz und gar meiner eigenen Sichtweise auf diese eigenartige Gegend entspricht.

fM: Wird die Geschichte ausschließlich in Bildern erzählt werden oder wird es auch Text geben?
Lavoué: Es wird keine Bildunterschriften geben. Ich bin aber auf der Suche nach einem Romanautor, der darüber schreibt – seine ganz eigene, von meinem Projekt inspirierte, Geschichte. 

fM: Was passiert, wenn Sie den König auch beim nächsten Besuch nicht finden?
Lavoué: Das erzähle ich Ihnen bei unserem nächsten  Treffen. (lacht)

Man hat mich langsam in die Gemeinde dieses Königsreichs aufgenommen

fM: Gibt es schon einen Titel für Ihr Buch?
Lavoué: „The Kingdom“ – Das Königreich

fM: Können Sie sich – in finanzieller Hinsicht – heute ausschließlich auf Ihre Projekte konzentrieren oder müssen Sie auch weiterhin fotojournalistische Aufträge annehmen?
Lavoué: Ich reise weiter durch Frankreich und die Welt, um Aufträge zu bekommen. In dem Fischerdorf, in dem ich jetzt lebe, arbeite ich parallel an einer Geschichte über die Menschen, die dort in der Fischindustrie, in Fischfabriken, Bootsbaubetrieben und so weiter arbeiten.

fM: Welches Bild aus Vermont hat  den Anstoß für Ihre Serie gegeben?
Lavoué: Das Bild meiner Prinzessin in der Fleischerei, Josie. Damit fing dieses sonderbare Märchen an.

fM: Ist Ihr Märchen typisch amerikanisch?
Lavoué: Das weiß ich nicht … Es zeigt, wie ich diesen Teil Amerikas sehe. Das Ganze ist eine Mischung aus meiner Fantasie und den Besonderheiten dieser Gegend. Das Northeast Kingdom liegt sehr abgelegen, die Winter sind lang und kalt, es gibt keine Jobs, keine Industrie. Menschen, die sich entscheiden dort hinzuziehen, müssen autark leben. Sie müssen jagen und den Boden bewirtschaften. Dort ist alles anders als sonst in Amerika.

Ich habe eine Geschichte geschaffen und überlasse es jedem, darin seinen eigenen Weg zu finden

fM: Haben Sie die eine oder andere Botschaft für uns in der Story versteckt?
Lavoué: Ich freue mich, wenn Menschen versteckte Botschaften finden. Das heißt, dass ihre Fantasie anfängt zu arbeiten. Ich habe eine Geschichte geschaffen und überlasse es jedem, darin seinen eigenen Weg zu finden.

fM: In Ihrer Geschichte geht es auch um Angstgefühle: Ist diese Angst für Sie offensichtlich oder nur in Ihrer Fanstasie vorhanden?
Lavoué: Das ist die Art von Emotion, die ich ausdrücken möchte. Ich habe immer in einer ganz bestimmten Jahreszeit fotografiert: In jenen Tagen am Ende des Winters, wenn das Eis schmilzt, alles schlammig und der Himmel grau ist.

fM: Man findet kaum weiße Schneelandschaften in Ihrer Geschichte. Warum?
Lavoué: Ich bin Portraitist und kenne mich lediglich damit aus, sehr einfache Bilder mit wenigen Elementen aufzunehmen. Vielleicht möchte ich daher nicht, dass die Bilder zu komplex werden.

fM: An welchem Punkt der Geschichte erwarten Sie den König? Haben Sie eine Idee, wo der König sein könnte?
Lavoué: Ich habe  eine Königin gefunden. Sie sagte mir, dass der König verschwunden sei – Er sei jagen gegangen und nie zurück gekommen. (lacht)

Über Stéphane Lavoué

Der französische Fotograf Stéphane Lavoué wurde 1976 im französischen Mülhausen geboren und ist vor allen Dingen für seine außergewöhnlichen Portraits bekannt. Er lebte zwei Jahre lang in Amazonien, nachdem er das Ingenieurstudium in der Holzindustrie absolvierte. Vor rund 16 Jahren – im Jahre 2001 –  beschloss Lavoué, der Holzindustrie den Rücken zu kehren, um nach Frankreich zurück zu gehen und als Fotograf zu arbeiten.

Als Lavoué und seine Familie das Northeast Kingdom entdeckten, war ihm sofort klar, dass er einen ganz außergewöhnlichen Ort gefunden hatte, den es zu entdecken galt. Das Königreich zählt etwa 65.000 Einwohnern und liegt im Nordosten des US-Bundesstaats Vermont. Angrenzend an Kanada setzt es sich aus den Landkreisen Caledonia, Essex und Orleans zusammen. Lavoué widmet seine Arbeit diesem Ort, der ihn seit nunmehr knapp sieben Jahren fasziniert – nicht zuletzt wegen seiner Abgeschiedenheit, der rauen Schönheit und kargen Natur. Für ihn verkörpert dieser Ort ein ganz sonderbares Märchen, welches für ihn so real ist, wie die Prinzessin in der Schlachthalle.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.