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Fotografin Shirin Neshat
Für ihr Studium zog die im Iran geborene Fotografin Shirin Neshat in die USA und lebt dort bis heute.
© Rodolfo Martinez

Shirin Neshat

"Diese Art von Armut hätte ich nie in Amerika vermutet."
08.09.2020

Ein Gespräch mit der Fotografin und Filmemacherin Shirin Neshat über Identität, Kunst und Träume, die wir alle haben.

Text: Tom Seymour

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Aus "Land of Dreams" von Shirin Neshat

Shirin Neshat wurde von der britischen Fotokunstmesse Photo London mit dem 2020 Master of Photography Award gewürdigt.

© Shirin Neshat/ Courtesy of the artist and Goodman Gallery, London

Die 63-jährige Fotografin und Filmemacherin hat sich in ihrem künstlerischen Schaffen intensiv mit der Situation der Frau in der muslimischen Welt auseinandergesetzt. Die Tochter einer Familie der gehobenen Mittelschicht mit westlicher Ausrichtung in Teheran studierte 1979 in Kalifornien, als die iranische Revolution unter Ajatollah Chomeini ihre Heimat radikal veränderte. Neshat blieb in den USA, zog nach dem Studium nach New York und begann 1993 unter dem nachhaltigen Eindruck eines Iran-Aufenthaltes ihre erste Arbeit als Fotografin. Heute ist sie eine der prominentesten Künstlerinnen, die sich mit der Kultur des Nahen Ostens beschäftigen.

Für mich drückt die beste Kunst den Schmerz und die Erfahrung aus, die ein Künstler durchgemacht hat.

fotoMAGAZIN: Sie sind als junge Frau nach Amerika gekommen und haben über die Schwierigkeiten gesprochen, sich als Künstlerin auszudrücken und Ihre Identität als iranische Frau in Amerika während der Kulturrevolution zu verstehen. Bereuen Sie etwas, wenn Sie heute an diese Zeit denken?

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Foto aus Neshats Projekt "Land of Dreams"

Für ihr neuestes Projekt "Land of Dreams" portraitierte Neshat 2019 in New Mexico das Amerika der Trump-Ära.

© Shirin Neshat/ Courtesy of the artist and Goodman Gallery, London

Shirin Neshat: Los Angeles war das genaue Gegenteil von dem, das ich als Kind im Kopf hatte und das von Hollywood-
Filmen geprägt wurde. Ich hasste die Stadt zunächst. Das war eine harte Zeit für mich. Es ist mir nicht leicht gefallen, mich an dieses Land zu gewöhnen. Ich lebte isoliert von meiner Familie. Das sollte niemand erleben müssen, es war sehr schmerzhaft. Aber in uns steckt auch etwas Unschuldiges, wenn wir jung sind. Dann ist es wichtig, in eine Situation einzutauchen, die wir nicht kennen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich die New Yorker Underground-Kunstszene erkundet habe. Als ich in die Stadt kam, wollte ich noch keine Künstlerin sein und hatte keinerlei Ambitionen. Das war der richtige Weg für mich. Die guten, die schlechten und die harten Zeiten haben mich zu der gemacht, die ich heute bin. Sie haben mich zur Künstlerin gemacht. Es ist leicht, die Kunst zu romantisieren. Doch für mich drückt die beste Kunst den Schmerz und die Erfahrung aus, die ein Künstler durchgemacht hat. So war das bei mir. 

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Für "Land of Dreams" ist Shirin Neshat nach New Mexico gereist

Mit "Land of Dreams" will die Fotokünstlerin zeigen, wie sich die Veränderungen im Land auf das Leben des Einzelnen auswirken.

© Shirin Neshat/ Courtesy of the artist and Goodman Gallery, London

fotoMAGAZIN: Wie würden Sie heute Ihre Beziehung zum Iran beschreiben? 
Shirin Neshat: Ich bleibe in engem Kontakt mit dem Land, obwohl ich nicht zurückgehe. Im letzten Jahr habe ich beispielsweise eine Ausstellung iranischer Künstlerinnen kuratiert. Ich versuchte, die politische Situation jeder dieser Frauen zu verstehen, zu begreifen, welchen Einfluss ihre Lebensgeschichte auf ihre Kunst hatte. Künstler, die heute im Iran leben, müssen mit der Zensur umgehen und nicht alle konnten meiner Einladung nachkommen. Doch obwohl das so ist, glaube ich, dass es eine große Szene und sehr lebendige Kultur in Teheran gibt. Es stimmt mich traurig, dass ich sie nicht direkt erleben kann. 

fotoMAGAZIN: Sie meinten mal, dass das Leben im Iran durch die Politik definiert würde. Glauben Sie das noch immer?
Shirin Neshat: Ja, mehr denn je! Ich bin eine Künstlerin, deren Leben von politischen Ereignissen definiert worden ist – es fällt mir schwer, mich da auszuklinken. Es hat sich nichts verändert. Der Iran bleibt immer ein Nachrichtenthema und die Probleme dort sind eher schlimmer geworden. Meine Gedanken kreisen ständig um sozio-politische Themen. Ich wäre überhaupt nicht imstande, mich komplett anderen Themen zu widmen. Ich glaube allerdings nicht, dass ich eine politische Künstlerin bin. Ich bin mir lediglich der Politik bewusst und das spiegelt sich in meiner Arbeit.

Ich liebe Amerika und hasse es zugleich.

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Foto aus Neshats Projekt "Land of Dreams"

Die Ausstellung ihrer neuen „Land of Dreams“-Serie wurde im Frühjahr in der Londoner Goodman Gallery gezeigt.

© Shirin Neshat/ Courtesy of the artist and Goodman Gallery, London

fotoMAGAZIN: Wie kam es zu Ihrem neuen Projekt „Land of Dreams“?
Shirin Neshat: Ich lebe jetzt länger in den USA als davor im Iran und habe mir nie erlaubt, meinen Blick auf die westliche Kultur zu zeigen. Als Iranerin meinte ich, ich hätte nicht das nötige Wissen für eine solche Arbeit. In Wahrheit kenne ich Amerika sehr gut, ob in New York als auch jenseits davon. Ich liebe Amerika und hasse es zugleich. Ich schätze die Werte dieses Landes, kann sie aber auch kritisieren. Das Land hat einen tiefgreifenden Wandel hinter sich, der mir als Immigrantin große Sorgen macht. Ich wollte keine „Armuts-Pornographie“ zeigen, sondern mich vergewissern, dass ich verstehe, wie die Gemeinschaften, die ich fotografierte, funktionieren. Ich wollte sie würdevoll abbilden.

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© Shirin Neshat/ Courtesy of the artist and Goodman Gallery, London

fotoMAGAZIN: Vor diesem Projekt hatten Sie noch nie den Bundesstaat New Mexico bereist. Was hat Sie bei Ihrem Aufenthalt in dieser Gegend überrascht?
Shirin Neshat: Ich lebe seit 40 Jahren in Amerika, doch vor diesem Projekt hatte ich noch nie Native Americans getroffen. Ich reise viel um den Globus und bin überall mit Armut in Kontakt gekommen, doch diese Art von Armut hätte ich nie in Amerika vermutet. Es hat mich interessiert, wie diese Menschen über die Jahre behandelt worden sind, wie sie in Reservaten als Geiseln gehalten wurden. Sie leben in einer unglaublichen Umgebung – aber in Fertighäusern und ohne jede Chance, einen Job zu finden. Das fand ich wirklich schockierend. 

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Aus "Land of Dreams" von Shirin Neshat
© Shirin Neshat/ Courtesy of the artist and Goodman Gallery, London

fotoMAGAZIN: Träume sind ein wiederkehrendes Thema in Ihren Arbeiten. Warum beschäftigen Sie sich so viel damit?
Shirin Neshat: Jeder Mensch hat Träume, egal woher er kommt. Und unsere Träume ähneln sich wiederum, egal woher wir kommen. Auch unsere Ängste und Albträume sind überall in der Welt ebenfalls ähnlich. Träume lassen sich nicht in einem Land eingrenzen.

Das Interview wurde in der Juni-Ausgabe 2020 des fotoMAGAZIN veröffentlicht.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.

Shirin Neshat

Über den Autor
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1949 erschien die erste Ausgabe der ersten Fotozeitschrift im deutschsprachigen Raum. Seither begleiten wir die Fotogeschichte. Unsere Kamera- und Objektivtests unter Labor- und Praxisbedingungen helfen Einsteigern und Profis seit jeher bei der Kaufentscheidung. Mancher Fotograf wurde von uns entdeckt. Und seit Steven J. Sasson 1975 für Kodak die erste Digitalkamera entwickelte, haben wir die digitale Fotografie auf dem Schirm. Unsere Fotoexpertise ist Ihr Vorteil.

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