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Bega Peppers, 1982. Bereits im Jahr 1978 erwarb John Szarkowski eine von Sheila Metzners (*1939) Fotografien für die Sammlung des Museum of Modern Art in New York.
© Sheila Metzner

Sheila Metzner

Ikonen in Heimarbeit
13.10.2020

Farben wie aus Tamara de Lempicka-Gemälden, Fotos wie von Impressionisten gepinselt und Sets im coolen Stil des Art Deco. Ein Gespräch mit Sheila Metzner, deren Fotos die Werbung und die Modefotografie eleganter und femininer gemacht haben.

Text: Tom Seymour

Sheila Metzner wurde 1939 als Kind einer Arbeiterfamilie in Brooklyn geboren. Als junge Frau studierte sie am renommierten Pratt Institute „Visuelle Kommunikation“ und bekam nach ihrem Abschluss einen Job als Art Directorin beim TV-Sender CBS. Von dort wechselte sie als erste Art Directorin in die große New Yorker Werbeagentur Doyle Dane Bernbach. Nachdem Metzner die Werbewelt hinter sich gelassen hatte, um sich ihrer Familie zu widmen, ließ sie sich von der englischen Fotografin Julia Margaret Cameron inspirieren und portraitierte zu Hause die Familie. In den folgenden 13 Jahren baute die Mutter von fünf Kindern langsam eine beeindruckende Fotosammlung auf. Eine ihrer Fotografien wurde in der legendären Bilderschau „Mirrors and Windows: American Photography Since 1960“ im New Yorker Museum of Modern Art neben Werken von Robert Mapplethorpe, Andy Warhol, Gary Winogrand und William Eggleston gezeigt. Kurz darauf nahm die Zeitschrift Vanity Fair Sheila Metzner unter Vertrag, bevor sie Alexander Liberman zur Vogue brachte. Metzner war die erste Fotografin, die regelmäßig bei der Vogue arbeitete. Sie schuf hier Fotoikonen von Uma Thurman, David Lynch, Tilda Swinton und Kim Basinger und erstellte Kampagnen für Valentino, Fendi und Chloé. Nun werden ihre Arbeiten in der Gruppenausstellung „America 1970s/80s: Hofer, Metzner, Meyerowitz, Newton“ in der Berliner Helmut Newton Stiftung gezeigt (vom 9. Oktober bis 16. Mai 2021) Grund für ein Interview über ihren Weg in die Fotografie.

fotoMAGAZIN: Sie stellen nun in der Helmut Newton Stiftung in Berlin aus und kannten Helmut persönlich. Was für ein Mensch war er?
Sheila Metzner: Fotografen stehen sich in der Regel nicht wirklich nahe, doch Helmut und ich waren Freunde. Jeder von uns hat die Arbeit des anderen sehr bewundert. Als Mensch war er einfach eine große Inspiration.Wir trafen ihn hauptsächlich in Los Angeles, wenn er im Winter im Chateau Marmont lebte. Mein Mann hatte in der Stadt gerade eine Stelle als Leiter eine Produktionsfirma angenommen. Wir blieben also bei Helmut im Chateau Marmont und verbrachten zusammen eine spannende Zeit. Ich durfte mal eine Woche mit Helmut und seiner Frau June in ihrem Haus in Monte Carlo verbringen. Sie hatten mich gebeten, ihre Wohnung zu fotografieren, doch wir speisten morgens, mittags und abends zusammen. Während dieser Woche fotografierte Helmut mich genauso oft wie ich ihn. Helmut war ein sehr geselliger Mensch, der nie seine Gedanken zurückhielt. Die Berliner Ausstelung zeigt jetzt auch jene Fotos, die ich in dieser Woche gemacht habe.

Mein Problem war, dass Avedon, Stern und Richardson nie meine Vision zum Ausdruck gebracht haben.

fotoMAGAZIN: Sie arbeiteten als erster weiblicher Art Director bei einer großen New Yorker Werbeagentur, bevor Sie die Fotografie für sich entdeckten ...
Sheila Metzner: Ich erinnere mich noch an den Tag, als meine Kollegen meine Fotos bei der Agentur sahen. Sie wussten nicht, dass das meine Arbeiten waren. Der Mann, der später mein Ehemann werden sollte, nahm meine Mappe mit nach oben und jemand in unserer Abteilung meinte: „Dieser Typ ist großartig.“ Jeffrey sagte: „Das ist kein Kerl, es ist eine Frau“. Wir beide waren Art Directoren auf der gleichen Etage der Agentur. Ich hatte die Möglichkeit, während dieser unglaublichen Zeit in der Werbung mit Richard Avedon, Bert Stern und Bob Richardson zu arbeiten. Mein Problem war, dass sie nie meine Vision zum Ausdruck gebracht haben. Das konnte manchmal schwierig sein. Selbst bei Avedon: So sehr ich mich bemühte, ihm Jobs zu vermitteln – seine Arbeit sah letztlich immer wie seine Arbeit aus.

fotoMAGAZIN: Zu welchem Zeitpunkt haben Sie sich entschieden, sich ganz der Fotografie zu widmen?
Sheila Metzner: Ich hatte die Fotografie nie als etwas betrachtet, das ich einmal selbst machen würde. Ich habe erst nach meiner Heirat mit Jeffrey über meine Fotos nachgedacht, als mein Sohn geboren wurde. Ein guter Freund namens Aaron Rose führte mich in die Fotografie ein – nicht in die Werbefotografie, sondern in die Arbeit der „Camera Work“-Fotografen und Werke von Menschen wie Man Ray und Alfred Stieglitz. Ich kündigte meinen Job und dann teilte ich meinem Mann mit, dass ich Fotografin werden wollte. Damals hatte ich noch nicht einmal eine Kamera. Doch er sagte, er würde das unterstützen.

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Der Regisseur David Lynch, 1988

Der Regisseur David Lynch, 1988.
Zunächst hatte Metzner nur ihren Ehemann und ihre Kinder portraitiert. Es folgten Auftragsarbeiten mit Prominenten wie Willem Dafoe, Uma Thurman oder Kim Basinger.

© Sheila Metzner

fotoMAGAZIN: Es muss damals extrem wichtig gewesen sein, dass Ihr Mann Ihnen seine Unterstützung zusicherte.
Sheila Metzner: Ja, das war es. Wir hatten eine sehr starke Beziehung. Ich lernte Jeffrey kennen, als ich Art Director bei CBS war. Er kam, um mich nach einem Job zu fragen. Später erfuhr ich, dass er mich eigentlich nur kennenlernen wollte. Er hatte drei Kinder, als ich ihn kennenlernte, und zusammen hatten wir dann fünf weitere. Wir haben uns unser ganzes gemeinsames Leben lang gegenseitig unterstützt. Ich war erstaunt von seinem Talent, und ich glaube, ich habe ihn immer wieder überrascht. Wir waren wirklich beste Freunde. Es gab immer viel Musik und Tanz und Romantik; dabei lebten wir relativ zurückgezogen. Wir hatten nur wenige Freunde, vor allem Künstler und Schriftsteller und andere interessante Menschen.

fotoMAGAZIN: Wie haben Sie sich kennengelernt?
Sheila Metzner: Damals hatten wir beide noch andere Ehepartner. Wir arbeiteten in der gleichen Werbeagentur. Eines Tages  gingen wir gemeinsam zum Mittagessen in ein chinesisches Restaurant und sprachen während des Essens darüber, wie unglücklich wir in unseren Ehen waren. Als wir das Restaurant verließen, erzählte ich ihm gerade von einem Film, den ich gerne drehen wollte – über eine Frau und die Rollen, die sie in ihrem Leben spielen könnte, einschließlich der Frage, wie sie sich verlieben könnte. Er fragte mich, was ich mir von meinem Leben wünsche, und ich sagte: „Ich bin auf der Suche nach Liebe.“ Und ganz direkt sagte er darauf: „Warum verliebst du dich dann nicht in mich?“ Dann bin ich weggelaufen. So fing wirklich alles an.

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Joko Passion, 1985

Joko Passion, 1985.
Metzner inszenierte opulent und mit Gespür für die Materialität der Stoffe. Sie arbeitete oft mit Fresson-Druckverfahren, Ölpigment-Gelatineprints, die ihren Motiven eine ganz eigene Farbbrillanz geben.

© Sheila Metzner

fotoMAGAZIN: Es bedarf großer Energiereserven, um in der New Yorker Werbewelt als Art Directorin Pionierarbeit zu leisten. Woher kam diese Energie?
Sheila Metzner: Meine ganze Aufmerksamkeit war immer darauf ausgerichtet, etwas zu lernen. Mein Vater hatte nur eine drittklassige Ausbildung. Die meiste Zeit seines Berufslebens arbeitete er an den Motoren der U-Bahn. Später verkaufte er Blusen aus dem Kofferraum unseres Autos. Meine Mutter war eine wirklich kluge, warmherzige, wunderbare Person. Sie war sehr begabt im Umgang mit Farbe. Die Art und Weise, wie sie Dinge anging, hat mich sehr beeinflusst. Aber sie durfte nie in den Genuss einer Ausbildung kommen. Meine Mutter machte ihren High School-Abschluss zwei Jahre früher als ihre Altersgenossen, doch ihre Eltern hatten nie ein College besucht und auch sie arbeitete danach ihr ganzes Leben in einer Strickwarenfabrik. Ich bin in einer wirklich schlechten Gegend in Brooklyn aufgewachsen. Das war nicht das Brooklyn von heute. Ich hatte Angst, wenn ich draußen war. Am liebsten saß ich an meinem Kinderschreibtisch, las und malte und zeichnete und schrieb Theaterstücke, die niemals inszeniert wurden. Einmal habe ich ein „Harper’s Bazaar“-Magazin gestohlen. Wir gingen spazieren und ich bekam eine Ausgabe der Zeitschrift mit Richard Avedons Fotografien von Jacqueline de Ribes in die Hände. Ich war dieses sehr dünne kleine Mädchen mit einer großen Nase. Und ich erinnere mich noch, dass ich damals sagte: „Ich werde Richard Avedon an einem Tag treffen und er wird denken, dass ich schön bin.“

fotoMAGAZIN: Sie haben immer wieder auch ihre Kinder fotografiert. Denken Sie, dass die Herausforderungen als Mutter Sie in Ihrer Karriere als Fotografin in irgendeiner Weise eingeschränkt haben?
Sheila Metzner: Nein. Ich wollte Kinder großziehen und ihnen die nötige Fürsorge zukommen lassen. Das war eine großartige Erfahrung. Ich habe mich nie als Fotografin gesehen; auf meiner ersten Visitenkarte stand „Frau Jeffrey Metzner“. Das hat mir gefallen. Sie können alles tun, egal ob Sie ein Mann oder eine Frau sind.

fotoMAGAZIN: Sie haben Ihre Arbeit fast ein Jahrzehnt lang nicht gezeigt, nachdem Sie sich der Fotografie gewidmet hatten...
Sheila Metzner: Damals hat mich niemand gefragt, was ich mache. Wir haben Fotografie gesammelt, aber meine Fotos hatte ich nie an der Wand. Ich wartete auf den Zeitpunkt, bis ich sie nach meinem Ermessen gut genug fand, um neben einem Man Ray oder Stieglitz zu hängen. Meine Kinder sind mit Fotografie aufgewachsen, aber nicht meiner. Aber sie waren meine Sujets. So musste mein Weg sein. Ich konnte über viele Jahre nirgendwo hinreisen. Manchmal bekam ich großen Kampagnen, doch fast alle meine Bilder wurden in meiner Wohnung in Gegenwart meiner Kinder aufgenommen.

Die Ausstellung „Amerika 1970er / 80er Jahre: Hofer, Metzner, Meyerowitz, Newton“ ist vom 9. Oktober bis 16. Mai 2021 in der Helmut Newton Stiftung in Berlin zu sehen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
fotoMAGAZIN

1949 erschien die erste Ausgabe der ersten Fotozeitschrift im deutschsprachigen Raum. Seither begleiten wir die Fotogeschichte. Unsere Kamera- und Objektivtests unter Labor- und Praxisbedingungen helfen Einsteigern und Profis seit jeher bei der Kaufentscheidung. Mancher Fotograf wurde von uns entdeckt. Und seit Steven J. Sasson 1975 für Kodak die erste Digitalkamera entwickelte, haben wir die digitale Fotografie auf dem Schirm. Unsere Fotoexpertise ist Ihr Vorteil.

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