Sally Bibawy und Matthias Fiegl-Bibawy

Auf ein Wort mit den Lomo-Welt Präsidenten
29.12.2016

Als Sally Bibawy und Matthias Fiegl-Bibawy 1991 nach Prag reisten und die LC-A entdeckten, ahnten sie wahrscheinlich nicht, dass sie auch 25 Jahre später noch im Auftrag der analogen Fotografie unterwegs sein würden. Wir haben uns auf ein paar Fragen mit den Lomo-Welt Präsidenten getroffen.

 

Prag im Jahr 1991: Eine Gruppe Wiener Studenten entdeckt eine Kamera sowjetischer Herkunft, heute bekannt als die Lomo LC-A. Die für die Kamera charakteristischen Effekte faszinierten die Wiener, denn die Bilder, die mit dieser Kamera entstanden, hatten einen ganz eigenen Look: Hier prallen romantische Vignettierungen auf eine verträumte Unschärfe, ungewollte Lichteinfälle und starke Kontraste. Der Grund? Die Bauweise der kompakten LC-A. Die Studenten nahmen die Knippse mit nach Wien, holten nach und nach immer mehr analoge Kameras aus der Region nach Österreich und begannen, diese zu verkaufen. Mit der Zeit fanden sich erste Fans der "Lomo", sodass 1992 die Lomographic Society International gegründet werden konnte.

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Lomo-Welt Präsidenten im Interview: LC-A 120

Dieses Bild ist mit der Lomo LC-A 120 in Hamburg enstanden. Verwendet wurde hier der Lomochrome Purple für das Mittelformat

© Anne Schellhase

Unter dem Motto "Don´t think just shoot" stellten die Wiener die zehn Goldenen Regeln zur Lomographie auf. So sind das Mitführen der Kamera zu jeder Tages- und Nachtzeit und der Schuss aus der Hüfte beispielsweise typisch für diese Art der Fotografie. Das Ziel, das die Wiener damit bis heute verfolgen, steht in Regel Nr. 3 sehr gut beschrieben: "Die Lomographie ist nicht Unterbrechung deines Alltags, sondern ein integraler Bestandteil desselben." Es kamen weitere Kameras namens Diana, Holga oder Horizon hinzu, außerdem führte Lomography 2014 die LC-A im lang ersehnten Mittelformat ein. Kurzum: Während sich die digitale Fotografie unaufhaltsam und mit immer größer werdenden Schritten entwickelte, entstand ein neuer und ganz und gar rebellischer Typ des analogen Fotografen, der bis heute alle Regeln bricht und trotz des groben Korns die Fotowelt ordentlich aufmischt.

Rund 25 Jahre nach ihrer Prag-Reise sitzen wir mit Sally Bibawy und Matthias Fiegl-Bibawy, den Lomo-Welt Präsidenten, an einem Tisch auf der photokina. Nur wenige Meter hinter uns tummeln sich Jung und Alt um die Plastikkameras ihrer Marke Lomography und halten die Erinnerungen ihres Messebesuchs per Sofortbildkamera direkt fest. Der Bekanntheitsgrad hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm gesteigert – wer sich in der Welt der Lomographie bewegt, hat plötzlich Freunde in Asien, den USA und ganz Europa. Aber was macht die Lomographie so besonders? Was ist heute anders als 1991 und wie wichtig ist das Digitale für die analoge Fotografie? Unser exklusives fM-Interview klärt auf.

Ein analoges Sofortbild hat eine andere Ästhetik, eine andere Farbgebung als ein analoges „Filmfoto“. Du bekommst etwas ganz Eigenständiges – und das sofort.

fotoMAGAZIN: Leica hat in diesem Jahr mit der Sofort eine analoge Sofortbildkamera herausgebracht. Hat das einen Einfluss auf die Marktposition der Lomographischen Gesellschaft?
Sally Bibawy: Wir sehen uns heute genau dort, wo wir auch vor dem Launch der Leica Sofort waren. Es ist allerdings nicht zu bestreiten, dass Sofortbildkameras ein wichtiges System innerhalb der analogen Fotografie geworden sind. Sie eignen sich als Alternative für alle, denen Analogfilm und Analogfilmkameras zu kompliziert oder zu teuer sind. Da wir bei unseren Kameras immer den Fokus auf kreative Features legen, denken wir, dass damit ein guter Einstieg in die analoge Welt möglich ist.

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Lomo-Welt Präsidenten im Interview: Horizon Perfekt

Die Horizon Perfekt erstellt Panoramen im Kleinbildformat und fängt gerade auf Reisen besonders viel Ihrer schönen Erinnerungen ein. Hier zu sehen ist ein Angler in St. Andrea, Italien

© Anne Schellhase

fM: Ist das momentane Revival des Sofortbilds Ihrer Meinung nach nur ein kurzzeitiger Trend oder kann man damit langfristig neue Zielgruppen erschließen?
Matthias Fiegl-Bibawy: Ich glaube, dass diese Entwicklung jetzt erst am Anfang steht. Und wir versuchen, das System zu analysieren und zu sehen, was kreativ möglich ist. Noch ist bei weitem nicht alles ausgereizt. Es ist doch fantastisch, dass man solch ein Foto sofort in der Hand hat. Und wie es aussieht: Ein analoges Sofortbild hat eine andere Ästhetik, eine andere Farbgebung als ein analoges „Filmfoto“. Du bekommst etwas ganz Eigenständiges – und das sofort. Mittlerweile gibt es außerdem den Fuji Instax-Schwarzweißfilm und es wurde angekündigt, dass das Mediumformat im Frühling 2017 kommt. Es ist quadratisch, aber kleiner als das traditionelle Polaroid-Format. Hier tut sich momentan wirklich einiges!

fM: Werden Ihrer Meinung nach noch weitere Hersteller mit einer eigenen Kamera einsteigen? Eigentlich liegt das Problem ja bei dem Filmmaterial.
Bibawy: Wir hatten gerade unsere Lomo'Instant Automat auf Kickstarter – erneut ein sehr erfolgreiches Projekt. Die Nachfrage nach einer weiteren Entwicklung und neuen Produkten besteht also durchaus.

fM: Sind Kickstarter-Projekte eher eine Marketing-Maßnahme oder tatsächlich essenziell wichtig?
Bibawy: In Zeiten wie diesen, in denen Banken nicht die einfachsten Partner sind, ist das Crowdfunding ein wichtiger Aspekt. Wir sind eine der wenigen Firmen, die auf Kickstarter wiederholt Erfolge verzeichnen können. Außerdem steckt hier auch der Gedanke dahinter, dass die Leute da draußen auf diese Weise früh in den letzten Abschnitt der Produktentwicklung integriert werden.
Fiegl-Bibawy: Was wir über diese Plattform vertreiben, erreicht eine relevante Größenordnung. Heute gibt es immer mehr Serientäter auf dieser Plattform und wir sind einer von fünf, bei denen dieser Weg immer besser funktioniert. Für uns ist Kickstarter eine relevantere Vertriebsplattform als Amazon. Die Erfahrung zeigt: Wenn man ein Projekt gut macht und pünktlich, es in guter Qualität liefert, dann kommen die Käufer wieder.

fM: Zurück zu eurer neuen Instant Automat: Warum sind die Sofortbilder dieser Kamera denn so klein?
Bibawy: Das hängt ein wenig von der Zielgruppe ab. Die kleinen Formate sind eher für die jüngeren Leute, die aus der Fotosharing-Generation kommen. Ich finde das Format aber auch persönlich total toll für den Fall, dass du ein Foto machst und es jemandem mitgeben möchtest.
Fiegl-Bibawy: Wir haben eine Mini und eine Wide – die Wide verkauft sich nicht annähernd so gut wie die Mini.
Es gab eine Zeit, in der die Blow Up-Fotografie in der Kunst ganz groß war. Damals haben sich Künstler auf ganz großen Flächen ausgelebt. Du kannst dich jedoch genauso gut auf klitzekleinen Flächen ausleben!
Bibawy: Ich denke, dass die größeren Formate bei der Instant-Fotografie noch kommen werden. Das bedeutet leider aber auch, dass die dazugehörige Hardware teurer und die Optik komplizierter wird.

Gerade haben die Japaner 30 Jahre Einwegkamera gefeiert – Dort ist der Analogfilm total im Kommen.

fM: Planen Lomos Trendsetter demnächst auch eine Lomo-Drohne?
Bibawy: Nein! Im März 2016 waren bei unserer Tochterfirma in Japan. Japan war schon immer eine Art Frühwarnsystem für neue Entwicklungen. Dort ist der Analogfilm wieder total im Kommen. Japaner fahren voll auf Filmprodukte ab.
Fiegl-Bibawy: Gerade haben die Japaner 30 Jahre Einwegkamera groß gefeiert.

fM: Ist denn der asiatische Markt momentan Ihr Hauptmarkt?
Fiegl-Bibawy: Nein, unser Markt ist immer dreigeteilt: USA, Europa und Asien.
Bibawy: Es gibt eine Unsicherheit auf dem Markt. Europa war tendenziell immer ein bisschen stärker als Asien und Amerika, aber aktuell ist es ganz ausgewogen.

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Lomo-Welt Präsidenten im Interview: LC-A 120

Volontärin Anne Schellhase war mit ihrer LC-A 120 auf dem Gelände von Schloss Dyck (NRW) unterwegs. Als Film kam der Xpro Slide 200 von Lomography zum Einsatz. Gecrosst erhält man grün-gelbe Ergebnisse

© Anne Schellhase

fM: Vor einigen Jahren berichteten Sie, dass Ihre Kunden immer jünger werden. Hält diese Tendenz an?
Bibawy: Das hängt von unseren Produkten ab. Objektive sprechen die jungen Leute weniger an, Instant-Produkte wiederum schon. Die Altersspanne der Kunden liegt zwischen 18 oder 20 und 45, 50, 60 Jahren.

fM: Was bietet die Lomographie heute als Fotokonzept?
Fiegl-Bibawy: Wir haben unsere eigenen Stores, in denen es viele Kulturprogramme gibt. Darüber hinaus gibt es Embassy Stores, die wir nicht selber führen. Noch wichtiger ist unsere Website. Dort werden jeden Tag tausende Bilder hochgeladen, geliked und geteilt. Wir haben bereits 15 Sprachseiten. Ganz neu ist jetzt ein Competition-Format mit zehn Themen und jeweils einem Jahresspezialthema. Wir bewundern große Events wie Olympia oder die Oscar-Preisverleihung. Unser Anfang ist noch klein und lustig, doch unser Ziel ist es, das Ganze mal olympiamäßig zu betreiben. (lacht)
Bibawy: Jedenfalls haben wir uns inhaltlich ein wenig gewandelt. Als wir begannen, ging es ja darum, das Fotografieren infrage zu stellen und den Leuten zu zeigen, dass verwackelte Bilder auch gut sind.

fM: Und heute?
Bibawy: Jetzt sind da viele junge Leute, die man überzeugen muss, analog zu arbeiten. Wir merken in allen Bereichen der Lomographie, dass es einfach notwendig ist die Leute langsam an etwas heranzuführen, das ihnen bisher eher unbekannt vorkommt.

fM: Machen Sie das über ein Lebensgefühl oder die Lomo-Hardware?
Bibawy: Hier würde ich keine Unterscheidung machen.

fM: War die Einstiegsdroge der Lomographie nicht immer das Lebensgefühl?
Bibawy: Das hat sich auch nicht geändert. Wir legen jedem Produkt nach wie vor ein Buch bei, um den Leuten diese Welt zu zeigen und ihnen darauf Lust zu machen.

fM: Ist denn die „Lomo-Welt“ heute noch die gleiche wie in den Anfangsjahren?
Bibawy: Nein, weil die Welt da draußen dir heute vermitteln will, dass du das, was du bei uns bekommst, bei anderen Produkten einfacher und schneller bekommst.
Fiegl-Bibawy: Ich glaube, eine Bewegung definiert sich auch immer über die Menschen, die daran arbeiten. Wir haben gelenert, dass ein Team immer gute Ideen bringt. Du musst Leute in deinem Team haben, die gemeinsam etwas weiterentwickeln und unsere Zielgruppe sind Menschen, die nicht weniger kreativ sind.

fM: Ihr Modell war eine Art fotografische Entschleunigung ...
Bibawy: Das funktioniert nach wie vor. Heute kommt beispielsweise fast jeden Tag irgendeine neue App mit unserem Namen raus.
Fiegl-Bibawy: Der erste Filter von Instagram hieß Lomo. Erst nachdem wir denen einen Brief geschrieben haben, wurde er in Lo-Fi umgetauft. Das war, bevor Instagram von Mark Zuckerberg gekauft wurde. Wir haben tatsächlich mal überlegt, selbst solch eine App zu produzieren. Dies würde allerdings suggerieren, dass alles, was wir sonst predigen, auch mit einer App und einem Filter gemacht werden könnte und hier liegt für uns der Unterschied.

Bei unseren Objektiven zeigt sich jetzt, dass man damit digital toll arbeiten kann. Ich würde mittlerweile sagen, dass wir eher eine Truppe der experimentellen Fotografie sind. Wir sind diejenigen, die Grenzen ausloten, die ein alternatives Programm zum Standard liefern.

fM: Wie digital wird die Lomographie noch werden?
Fiegl-Bibawy: Wir haben irgendwann gesagt, dass die Zukunft analog sei – aber mehr an das Lebensgefühl als an die Technik gedacht. Das wurde von uns allerdings falsch kommuniziert. Wir haben kein Interesse daran, gegen Digitales zu sein. Wir haben eher entdeckt, dass es in Bezug auf das Lebensgefühl und die Kreativität beim Analogen für uns mehr zu tun gibt. Bei unseren Objektiven zeigt sich jetzt, dass man damit digital toll arbeiten kann. Ich würde mittlerweile sagen, dass wir eher eine Truppe der experimentellen Fotografie sind. Wir sind diejenigen, die Grenzen ausloten, die ein alternatives Programm zum Standard liefern. Es geht bei Lomo irgendwie immer auch um das Gemeinsame. Menschen machen etwas gemeinsam und fotografieren dabei. Die goldene Regel heißt: Das Fotografieren soll nicht die Unterbrechung deines Lebens, sondern Teil deines Lebens sein. Dass Menschen ganz allein in einer virtuellen Welt vagabundieren, ist uns ganz fremd.
Bibawy: Wir haben keinen Produkt-Plan für die nächsten fünf Jahre. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum wir überlebt haben. Letzten Endes haben wir es geschafft, uns total zu wandeln. Das ist vielleicht unser Lebensgefühl: Sobald wir eine Idee haben und sie uns und unserem Team gefällt, bauen wir eine Welt darum auf.

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Lomo-Welt Präsidenten im Interview: LC-A+

Lomographen sehen sofort, dass dieses Bild mit der LC-A+ von aufgenommen wurde

© Anne Schellhase

fM: Ist der Lomograph noch immer ein Herdentier?
Bibawy: Ja, total. (lacht) Lomographen sind hauptsächlich Leute, die gerne ausgehen und verreisen. Das sagt eigentlich alles.

fM: Wie kann man sich den Lomograph 2016 vorstellen? Kann man den überhaupt definieren?
Bibawy: Ich glaube, dass er 2016 wie auch schon in den Jahren zuvor ein Mensch ist, der immer einen Schritt weitergeht. Jemand, der Dinge ausprobieren will und seine Erfahrungen mit der Community teilt.

fM: Aber er ist nicht digital?
Bibawy: Doch, das sind ja alles Leute, die mit digitalen Medien leben.
Fiegl-Bibawy: Es gibt eine Konstante: Die zehn goldenen Regeln. Die gelten zum größten Teil immer noch.
Bibawy: Die letzte Regel heißt: „Vergiss alle Regeln“. Das ist die Antwort! Es gibt Leute, die sich immer innerhalb eines sicheren Kreises bewegen und es gibt Leute, die über den Tellerrand schauen – und das sind Lomographen.
Fiegl-Bibawy: Unser Motto „Don’t care about any rules“ ist geblieben. Rebellion kommt immer gut an.

Es gibt Leute, die sich immer innerhalb eines sicheren Kreises bewegen und es gibt Leute, die über den Tellerrand schauen – und das sind Lomographen.

fM: Also ist der Lomograph noch immer ein Anarchist?
Fiegl-Bibawy: Fotografisch total!
Bibawy: Unschärfe, Langzeitbelichtung, Verwacklung. Nicht wissen, was auf den Bildern drauf ist – all das spielt bei uns schon immer eine wichtige Rolle.
Fiegl-Bibawy: Genau! Erst bist du aufgeregt, fragst dich wie deine Ergebnisse wohl aussehen werden, und am Ende kriegst du ein Paket mit 36 Bildern, die hintereinander angeschaut wie der Zeitraffer eines Abends oder einer Woche erscheinen.

Sie können gar nicht genug von analoger Fotografie bekommen? Dann lesen Sie unbedingt auch unser Interview mit Florian Kaps – ehemals Lomography und Erfinder von Impossible und Supersense. Auch unser Gespräch mit Oskar Smolokowski, dem heutigen CEO von Impossible, könnte Sie interessieren!

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.