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Aufmacher Groebli
© René Groebli/ Courtesy Anzenberger Gallery, Wien

René Groebli

"Ich habe nicht so konzeptionell begonnen"
25.09.2017

René Groebli ist einer der bedeutendsten Schweizer Fotografen: Seine Bilder wurden in der Jahrhundertausstellung „The Family of Man“ gezeigt, seine frühen Bildbände sind heute gesuchte Fotobuchklassiker. Nach einer kurzen Karriere als Fotoreporter führte er über Jahrzehnte erfolgreich ein Züricher Studio für Werbefotografie. Wir trafen den 89-Jährigen zu einem Gespräch über das Fotografieren und das, was eines Tages bleiben soll

 

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René Groebli
© Courtesy Anzenberger Gallery, Wien

Ein sommerlich warmer Tag während des ViennaPhotoBookFestivals Anfang Juni auf dem Gelände der Wiener Brotfabrik. Der Schweizer René Groebli ist in diesem Jahr einer der Stars dieses Events. Gerade hat er ein längeres Podiumsgespräch und ein anschließendes Booksigning bei seinem Verlag Sturm & Drang hinter sich.

Jetzt sitzt er an einem schattigen Plätzchen vor der Expedithalle und zieht genussvoll an seiner Zigarre. Dieser Mann fällt auf: Lila Hemd, leuchtend grüne Hose („Grün ist meine Lieblingsfarbe“), neugieriger Blick: René Groebli kombiniert Neugier eines Jugendlichen mit der Gelassenheit des Alters. Der 89-Jährige zeigt keine Anzeichen von Müdigkeit und ist sofort konzentriert im Gespräch.

Gleich zu Beginn seiner langen Karriere produzierte der Schweizer zwei heute legendäre Fotobildbände im Eigenverlag. „Die Magie der Schiene“ (1949) zelebriert die Romantik der Dampflock, den Rausch des Reisens und der Bewegung im ausklingenden Eisenbahnzeitalter. „Das Auge der Liebe“ (1954) entstand während der Flitterwochen mit seiner Frau Rita. Sinnliche, visuelle Liebeslyrik, die zunächst manchen Zeitgenossen noch zu suggestiv war. Beide Bildbände sind heute gesuchte, teure Klassiker und in Neuauflagen erschienen. Groebli zählt zu den wichtigsten Schweizer Fotografen des 20. Jahrhunderts. Und ist dennoch bescheiden geblieben, wie sich jetzt zeigt.                  

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René Groebli: Das Auge der Liebe

Das Auge der Liebe, 1954:
Die Aufnahmen zu dem Bildband entstanden 1952/ 53 während Groeblis Hochzeitsreise nach Paris und einer Reise nach Marseille. Die Neue Züricher Zeitung monierte die Betonung der Nacktheit bei den assoziativ zusammengestellten Bildern. Und die Concierge des Hotels beschwerte sich, weil Rita nackt am Fenster posiert hatte

© René Groebli/ Courtesy Anzenberger Gallery, Wien

fotoMAGAZIN: Herr Groebli, Sie werden im Oktober 90 Jahre alt. Welche Rolle spielt die Fotografie heute noch in Ihrem Leben?                
René Groebli: Ich kann sagen, dass ich heute die Früchte dessen ernte, was ich früher gesät habe. Von einem Bildband wie „Magie der Schiene“ gibt es gerade eine neue Auflage. Heute lässt sich solch ein Buch gut verkaufen. Dazu kommen meine Ausstellungen. Ich verkaufe Abzüge meiner alten Motive. Mein „jüngstes“ Interesse gilt den Platinprints. Ich habe sie 1996 ein Jahr lang selbst angefertigt. Heute lasse ich sie von einem guten Printer in England herstellen.

fM: Es gab zu Beginn Ihrer Berufstätigkeit eine Zeit, in der Sie zwischen Film und Fotografie schwankten. Wann und warum haben Sie sich für den Beruf des Fotografen entschieden?    
Groebli: Ich bin zwei Jahre vor dem Abitur von der Schule gegangen, weil ich unbedingt zum Film wollte. Anlässlich meiner Konfirmation hatte ich der Familie meinen Wunsch dargelegt. Mein Vater war absolut dagegen. Mein Großvater sprach jedoch ein Machtwort. Ich sollte mit meiner Mutter zum Berufsberater. Dieser erklärte ihr: mit jedem Tag auf der Schule ginge an mir Kreativität verloren. Er sagte, die einzigen Filmschulen seien allerdings in Berlin oder Wien, doch damals war Krieg. Ich schlug also vor, mich zunächst mit der Fotografie zu beschäftigen. So begann ich eine Lehre, doch mein Lehrmeister musste nach einem Jahr sein Studio in Zürich aufgeben. Er meinte, ich solle es doch besser bei der Züricher Kunstgewerbeschule versuchen. Dort gab es die berühmte Fotoklasse von Hans Finsler. Ich wurde tatsächlich aufgenommen. Noch vor Ende des ersten Semesters hielt ein Dokumentarfilm-Kameramann einen Vortrag. Er lud mich anschließend zu einem Dreh bei der Schweizer Bundesbahn ein. Ich kam und setzte mich bei den Dreharbeiten ein, als wäre ich Teil des Teams. Schon am nächsten Tag hatte ich das Angebot zu bleiben.

Mein Interesse an der Bewegungsstudie entstand aus meinem Interesse am Film

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René Groebli: Bewegungsstudie

1946:
René Groeblis erste Bewegungsstudie, mit der Rolleiflex auf dem Fahrrad fotografiert. Ein Experiment. „Schon die erste Belichtung stimmte“

© René Groebli/ Courtesy Anzenberger Gallery, Wien

fM: Daraufhin wurden Sie der erste Schweizer Kameramann-Lehrling für Dokumentarfilm!        
Groebli: Ich ging zum Lehrlingsamt und man erklärte mir, dass es diese Ausbildung nicht gäbe. Ich sagte, ich habe aber eine Lehrstelle und so durfte ich meine Ausbildung beginnen.

fM: Hat Ihnen die Nähe zum Film und zur Fotografie später beim Zusammenstellen Ihrer Fotobildbände geholfen? Sie haben beim Film vermutlich das Erzählen gelernt!        
Groebli: Ja, das sieht man besonders bei dem Buch „Beryl Chen“ (Sturm & Drang Verlag). Ich wäre vielleicht sogar beim Film geblieben, doch damals gab es nur ganz schlichte Auftragsfilme. Bei meiner Produktionsfirma hatten wir beispielsweise ein Skript für die Beton-Industrie, in dem einfach nur stand: „Wir werden die tollen Betonbauten zeigen.“ Das war nicht gerade der große künstlerische Dokumentarfilm. Ich hatte übrigens auch noch nicht begriffen, was „künstlerisch“ überhaupt bedeutete.

fM: Wann änderte sich das? Ihre beiden ersten Bildbände „Magie der Schiene“ und „Das Auge der Liebe“ waren bereits ihrer Zeit voraus!        
Groebli: Das war mir nicht bewusst. Ich habe das nicht so konzeptionell begonnen. Mein Eisenbahnbuch „Magie der Schiene“ ist aus einer Bauchentscheidung heraus entstanden. Ich kam in Paris am Bahnhof an, es dampfte und ich hatte mein Thema gefunden.

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René Groebli: Magie der Schiene

Magie der Schiene, 1949:
Mit der Rolleiflex fotografierte Groebli in Paris eine Hymne an die Dampfeisenbahn. Nachdem sich kein Verleger für die kleine Fotomappe fand, publizierte er das Werk 1949 im Eigenverlag

© René Groebli/ Courtesy Anzenberger Gallery, Wien

fM: Gab es nicht selbst bei „Die Magie der Schiene“ den Einfluss des Films? Der erste Film, der je gedreht wurde, zeigt schließlich eine Szenerie am Bahnhof.             
Groebli: Den Streifen der Gebrüder Lumière kannte ich noch nicht, aber ich hatte davor die Aufnahme eines Fahrradlenkers gemacht. Das war meine erste Bewegungsstudie: Freihändig auf dem Fahrrad fahrend, mit der Rolleiflex. Ich wollte den Eindruck der Bewegung festhalten. Das führte mich zu weiteren Bewegungsstudien. Am Bahnhof in Paris kamen die Eisenbahn-Romantik und die Bewegung zusammen. Natürlich waren nicht all meine Bahn-Bilder bewegt. Aber das Interesse an der Bewegung entstand tatsächlich noch aus meinem filmischen Traum heraus: Aus meiner naiven Vorstellung, was Film bedeuten sollte.

fM: Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere zwei herausragende Bildbände veröffentlicht. In beiden Fällen gab es von der Presse negative Reaktionen. Hat Sie das nicht frustriert?
Groebli: Meine Freunde und Kollegen meinten schon davor, dass ich spinne. Ich war also nicht sonderlich überrascht, dass diese Bücher nicht ankamen. Ich träumte von eigenständiger Arbeit. Dass man das Ergebnis ein „künstlerisches Experiment“ oder einen Essay nennen könnte, das kam mir nicht in den Sinn. Das waren einfach Bilder für mich. Ich wäre schon stolz gewesen, wenn ich drei oder vier davon in einer Zeitschrift hätte publizieren können. Wobei das damalige Publikationshonorar bei ungefähr 15 Franken lag. Davon hätte ich nicht leben können. Auch meine ersten kommerziellen Aufträge waren ganz bescheiden bezahlt.

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.