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Aufmacher Pieter Hugo
© Pieter Hugo/ Priska Pasquer, Köln

Pieter Hugo

"Wenn jemand meiner Generation aus Südafrika kommt, ist seine Arbeit politisch"
24.11.2017

Pieter Hugo ist einer der großen Portraitisten unserer Zeit. Die Bilder des Südafrikaners zeigen die Dissonanzen und Narben der postkolonialen Welt, fahnden nach der Psyche von Individuum und Gesellschaft. Im Exklusiv-Interview spricht der Fotokünstler mit uns über den politischen Aspekt seiner Werke.

 

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Pieter Hugo: Kin 02

„With my Son, Jakob Hugo“, Natures Valley. Ein Selbstportrait des Künstlers aus der Serie „Kin“, 2006-2013. Die Arbeit beschäftigt sich mit Identität und gesellschaftlicher Zugehörigkeit

© Pieter Hugo/ Priska Pasquer, Köln

Köln am 10. Februar 2017. Pieter Hugo hat letzte Korrekturen an der Hängung seiner Ausstellung in der Galerie von Priska Pasquer vorgenommen, die er gleich eröffnen wird. Er kommt gerade aus Wolfsburg, wo er Tage später seine Werkschau „Between the Devil and the Deep Blue Sea“ startet. Für den 40-Jährigen beginnt mit der in den Feuilletons gelobten Bilderschau ein neuer Lebensabschnitt.
 
fotoMAGAZIN: Warum haben Sie den Titel „Between the Devil and the Deep Blue Sea“ für Ihre Wolfsburger Ausstellung gewählt?
Pieter Hugo: Diese Redewendung beschreibt das Dilemma, zwischen zwei unliebsamen Situationen wählen zu müssen, also in der Zwickmühle zu stecken. Der Titel funktioniert auf zwei Ebenen: Eine bezieht sich auf die Krise des Mediums Fotografie und die zweite hat mit mir und den Dilemmas zu tun, die mir bei der Arbeit im postkolonialen Kontext begegnen.

fM: Für diese umfangreiche  Ausstellung ließen Sie Ihre bisherige Karriere Revue passieren. Haben Sie etwas Neues in Ihren Arbeiten entdeckt?
Hugo: Ich finde es interessant, wie sich meine Einstellung zu Teilen der Arbeit  verändert hat. Darüber hinaus entdecke ich jetzt Dinge, die ich früher nicht wahrgenommen habe.

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Pieter Hugo: Kin 01

„Green Point Common“, Cape Town, aus der Serie „Kin“, 2006-2013. Das bislang persönlichste Projekt des Fotografen. Hier portraitiert er seine Familie und den engsten Freundeskreis und setzt sich mit seiner Position in der Gesellschaft des postkolonialen Südafrikas auseinander

© Pieter Hugo/ Priska Pasquer, Köln

fM: Zum Beispiel?
Hugo: Meine Pariser „Kin“-Ausstellung erschien mir zunächst sehr negativ. Heute kommt sie mir viel optimistischer vor. Hier sind auch Arbeiten, die ich noch nie in Museen gezeigt habe: „Flat Noodle Soup Talk“ ist für mich ein Neuaufbruch. Ich arbeite seit Jahren auch außerhalb von Afrika, doch dies ist das erste Mal, dass ich mich als Künstler wohl damit fühle, mit meinem Namen dafür zu stehen. Es war heftig, alle diese Arbeiten in Wolfsburg zu sehen. Am Ende des Tages fühlte ich mich richtig abgefuckt.
 
fM: Ist Ihnen bei der Vorbereitung bewusst geworden, wie Sie sich über die Jahre verändert haben?
Hugo: Einer der Gründe, warum sich alles so brutal anfühlte war, dass ich merkte, wie ich mich im Kreis drehe: Ich zeige zwanghaft immer dieselben Dinge, dieselbe Haltung.

Es war heftig, meine Arbeiten in Wolfsburg zu sehen. Am Ende des Tages fühlte ich mich richtig abgefuckt

fM: Mit „The Hyena And Other Men“ waren Sie früh erfolgreich. War das rückblickend eher eine Last oder ein Vorteil?
Hugo: Viele würden gerne mit mir tauschen. Ich hatte sehr viel Glück. Mein Galerist Michael Stevenson meinte damals: ‚Ich hoffe du weißt, dass es nicht immer so laufen wird.’  Ich kannte die Kunstwelt nicht. Mein Problem war, dass ich nicht auf die Kritik und den Einsatz vorbereitet war.

fM: Es scheint so, als ob Sie früh wussten, was Sie erreichen wollten. Sie kamen zum Fotofestival in Arles und zeigten dort Ihre Arbeiten. Sie haben aber auch beschlossen, die Bilder beim World Press Photo-Contest einzusenden ...
Hugo: Letzteres bereue ich, aber ich glaube, das alles war Teil meines Reifeprozesses. Damals war ich auf naive Art enthusiastisch. Bilder bedeuteten etwas anderes für mich.

fM: Was ist jetzt anders?
Hugo: Mein Antrieb bestand damals vorwiegend darin, in die Welt hinauszugehen. Jetzt beschäftigt sich meine Arbeit mehr mit dem Medium, sie ist selbstreflektiver und hat mehr mit der Ästhetik der Kunst zu tun.

fM: Sie haben öfter Ihren Frust über das Medium zum Ausdruck gebracht. Wie stehen Sie heute zur Fotografie?
Hugo: Ich bin ihr ehrlich gesagt etwas überdrüssig. Ich habe keine Lust mehr auf die Fotowelt. Das mag vielleicht eingebildet klingen, aber in der Fotografie gibt es nicht so viele Institutionen und Kuratoren. Museen und Galerien mit einem breiteren Kulturprogramm öffnen mir hingegen ein neues Publikum. Ein Publikum, das Bilder aus einer kunsthistorischen Perspektive liest.

fM: In Ihren Bildern gibt es immer wieder eine Ambiguität, durch die Raum für Interpretationen entsteht. Versuchen Sie diesen Effekt durch Instruktionen an die Portraitierten zu bekommen oder wählen Sie bei der Motivauswahl später einfach Bilder, die so funktionieren?
Hugo: Beides! Die Arbeit an einem Portrait hat sich bei mir von dem Moment an ritualisiert, in dem ich das Thema auswähle. Ich sage der Person, dass sie in die Kamera schauen soll und schaffe einen Moment der Stille und Anspannung. Diese Anspannung impliziert für mich in gewisser Hinsicht eine Form von Gewalt. Und anschließend suche ich natürlich nach Bildern, die das akzentuieren und diese Intensität vermitteln.

Die Kunst verleiht für mich etwas Gestalt, das vorher nicht existierte

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Pieter Hugo: Flat Noodle Soup Talk

„Gong Yining, Beijing, 2015-2016“ aus der Serie „Flat Noodle Soup Talk“. In seiner neuesten Arbeit nimmt Hugo Abstand von Afrika und mischt Portraits und Stills aus Peking

© Pieter Hugo/ Priska Pasquer, Köln

fM: Welche Rolle spielt die Psychoanalyse bei Ihren Fotos?
Hugo: Ich bin bereits mein ganzes Leben in Therapie. (lacht) Langsam interessiere ich mich mehr für das Psychologische in meinen Bildern. Deswegen ist „1994“ auch die erste Serie, in der die Bildtitel nicht aus den Namen der Personen bestehen. Normalerweise waren meine Bilder mit einer Zeit, einem Ort und einer Person verbunden. Diese Serie ist in der Natur verortet. In den Bildern lasse ich dem Blick wenig Raum zum Entkommen. Ich benutze die Natur als psychologischen Raum. Wenn jemand die Stadt verlässt und in die Natur geht, kommt er zuerst in diese Gegend, in der einst Industrien zerfallen sind und jetzt Junkies rumhängen. Es ist ein bedrohlicher Raum, aber je mehr du weiter herauskommst, desto mehr siehst du die Menschen in Harmonie mit der Natur.

fM: In Interviews haben Sie Ihre Position als sozialer Außenseiter In Südafrika betont. Wie wichtig ist diese für Ihre Arbeit?
Hugo: Sehr wichtig! Wenn man sich die Apartheid-Ausstellung ansah, die vor einiger Zeit vom International Center of Photography gezeigt wurde, muss man sagen, dass niemand aus der Kultur selbst das mit solcher Exaktheit, Objektivität und Ehrlichkeit hätte reflektieren können. Es schadet sicher nicht, ein Außenseiter zu sein.

fM: Können Sie heute noch etwas aus Ihrer Vergangenheit als Fotojournalist ziehen?
Hugo: Ich habe gelernt, schnell zu arbeiten und dass man sein Handwerk beherrschen muss. Du bekommst keine zweite Chance. Diese Arbeitsweise ist ganz anders. In der Kunst hast du den Luxus, dir Zeit zu nehmen und über deine Arbeit nachzudenken. Im Fotojournalismus und in der Mode planst du nur für den nächsten Tag. Es ist gut, mit beiden Rhythmen umgehen zu können.

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Pieter Hugo: Nollywood

Obechukwu Nwoye, Enugu, Nigeria, aus der Serie „Nollywood“, 2008-2009. Hugos Interpretation der inszenierten Wirklichkeit in Nigerias Filmindustrie setzt sich mit der Interpreation des Realen auseinander

© Pieter Hugo/ Priska Pasquer, Köln

fM: Wird in beiden Fällen die Realität hinterfragt?
Hugo: Was mich an der Fotografie begeistert, ist, dass sie zwischen Dokument und Kunst verortet ist. Wenn du mit diesem Raum spielst, kommst du automatisch dahin, die Realität zu hinterfragen.  

fM: Was ist für Sie Kunst?
Hugo: Kunst artikuliert für mich eine Idee oder verleiht etwas Gestalt, das vorher nicht existierte.

fM: Inwiefern müssen Sie als Südafrikaner noch immer darüber entscheiden, ob Sie politische Arbeiten machen?
Hugo: Wenn jemand meiner Generation aus Südafrika kommt, ist seine Arbeit politisch. Es gibt keine Möglichkeit, dem zu entkommen. Das schürt viel Energie, kann aber auch verdammt langweilig und frustrierend werden. Wenn wir uns jemand wie David Goldblatt anschauen, sehen wir, dass seine Arbeit eine politische Verpflichtung hat. Es gibt immer noch Leute, die der Meinung sind, dass meine Arbeit nicht politisch genug oder politisch unsensibel ist. In gewisser Hinsicht ist es wichtig, eine lebendige Debatte zu haben. Wenn das jedoch die einzige Debatte ist, denkst du:  ‚Das ist wohl der Grund, warum ich keine Haare mehr auf dem Kopf habe.’

fM: Sie sagen, Ihre Bilder seien für Sie wie Ihre Kinder. Streiten Sie manchmal auch mit ihnen?
Hugo: Ich streite ständig mit mir selbst über meine Arbeit. Wenn ich arbeite, bin ich oft unsicher – heute viel mehr als früher. Manchmal bin ich froh, dass ich nie eine Kunstakademie besucht habe. Die ganze Theorie und Kritik hätten mich gelähmt. Ich wollte immer meine Kamera nehmen und einfach anfangen. Mit dem Ergebnis können wir uns später auseinandersetzen. Jetzt, wo ich die Folgen begreife, werde ich unsicher. Hier gibt es übrigens einen weiteren Unterschied zum Journalismus. Wenn ich wochenlang allein in einem Hotel in Ruanda arbeite, ist das meine Entscheidung. Als Bildjournalist arbeitest du mit einem Redakteur, dabei gibt es eine gemeinsame Energie.

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Wer nun Lust bekommen hat, sich die Werke Hugos anzuschauen, bekommt in Dortmund die Gelegenheit dazu. Die sehenswerte Pieter Hugo-Retrospektive „Between the Devil and the Deep Blue Sea“ wurde bereits mit großem Erfolg in Wolfsburg gezeigt.

  • Wo: Museum für Kunst und Kulturgeschichte
     Hansastraße 3, 44137 Dortmund
  • Start: 25. November 2017
  • Ende: 13. Mai 2018
  • Eintritt: 5 Euro regulär/ 2,50 Euro ermäßigt
  • Mehr Infos
Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.